Schwarzweiße Erinnerungen

Büchner-Preisträger Arnold Stadler las in der Wilhelmsburg

sz Hilchenbach. Im Stall, zehnjährig, kaum größer als seine Kühe, formulierte er die erste Zeile seines ersten Gedichts: „Alle Menschen müssen sterben...” – „Damit hatte ich mein Thema gefunden”, sagt Arnold Stadler, Bücher-Preisträger des Jahres 1999, der am Dienstagabend in der Hilchenbacher Wilhelmsburg vor einem ausgesprochen interessierten und zuweilen höchst amüsierten Publikum las. Zunächst, geradewegs aus Graz kommend, noch vom Eindruck der Kapruner Katastrophe befangen. Er erlaube sich, so Stadler, aus seinen Psalm-Übertragungen zu lesen. Was er üblicherweise nicht tue, doch was er an diesem Tag im November für angemessen halte. Worte über die „Vergänglichkeit des Menschen vor der Unvergänglichkeit Gottes”.

Die Beschäftigung mit „jenem einen Buch”, der „schönen Heiligen Schrift”, fand sich dann in seiner Selbstverortung wieder, die auch die fünf Jahre Theologie umfasste. Stadler zitierte aus seiner Antrittsrede als Mitglied („mit immerhin fast 50 Jahren das Zweitjüngste”) der Akademie für Sprache und Dichtung. Geboren in einen Kreißsaal des Städtchens Meßkirch – wo auch Heidegger lebte und Kants Großmutter – wuchs er in dem badischen Dorf Rast auf, wo er heute wieder lebt. Zeitweise – die übrige Zeit, wie er später im Gespräch sagte, an der Elbe bei Hamburg.

Mit solch biografisch eingestimmtem Ohr hörte Stadlers Publikum bei der Vorstellung seines neuen Romans, „Ein hinreißender Schrotthändler”, ziemlich genau hin, wenn es um die Beschreibung von Kreenheinstetten und den Kreenheinstetter ging. Ob auch dieses Buch autobiografische Züge trage, fragte eine der Zuhörerinnen. Bedingt, antwortete der Autor. Zwar schöpfe er aus seinem Erfahrungsschatz, doch wolle er nicht von sich erzählen (das sei unbedeutend), sondern Literarisches schaffen. Das ist ihm zweifellos auch mit der Geschichte von dem frühpensionierten Geschichtslehrer, den die Trennung von Ehefrau Gabi (dem Schrotthändler sei dank!) in die „schwarzweißen Erinnerungen an graue Tage” treibt. Der „promovierte Träumer” kehrt nach Hause zurück. Fährt im „schmerzstillenden Mercedes” dort vor, wo alle anderen mit sämtlichen Schikanen ausgestattete Geländewagen fahren. Mit dem landestypischen Hoher-Blutdruck-Gesicht und der Sinn entleerten Frage „Bisch au do?” auf den Lippen.

Arnold Stadler zeigt sich auch mit seinem neuen Buch wieder als der genaue, so treffend formulierende Beobachter, der dem einzelnen Satz oder Abschnitt ungeheuren Wert zumisst, wie der Kritiker Peter Hamm Stadlers Werke beschreibt. Auswendig lernen möchte man solche metaphorischen Formulierungen wie die von den „Neubaugebieten auf den Feldern meiner Erinnerung” oder das Lakonische „Es war alles wie früher – nur mit Sicherheitsgurt.” Stadler macht Spaß, aber immer mit einer tragischen Komponente.

Wohltuend auch, dass er auf eine anmaßende Großstadtsicht der Welt verzichtet. Seine Geschichten entdecken das Land, die „Heimat”, und sind doch keine Heimatliteratur. „Heute ist alles ist gleich nah und gleich fern.” Damit ist Provinz überall, sagt Arnold Stadler.

ciu

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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