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Jüdischer Rabbi besuchte Heimat seiner Vorfahren
Spurensuche in einem „neuen Deutschland“

Rosel Six (l.) gab beim Gang durch die Hilchenbacher Innenstadt ihr umfangreiches historisches Wissen preis.
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  • Rosel Six (l.) gab beim Gang durch die Hilchenbacher Innenstadt ihr umfangreiches historisches Wissen preis.
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bjö Hilchenbach „Ich bin glücklich, dass ich hier bin“, sagt Ammos Chorny. Er hat auf einer kleinen Steintreppe in der Hilchenbacher Gerbergasse Platz genommen und ist sehr nachdenklich. „Die Familie meiner Mutter wollte nie zurück nach Deutschland“, erklärt der Rabbiner; „mit dieser Ideologie bin ich groß geworden. Und jetzt, im Alter von 58 Jahren, habe ich die Kraft gefunden, hierherzukommen.“ Sein Großvater Herbert Hony verbrachte seine Kindheit in Hilchenbach, bis er nach dem Kriegstod seines Vaters nach Bad Mergentheim zog und in den 1930er-Jahren vor den Nationalsozialisten floh und woanders ein neues Leben begann.

bjö Hilchenbach „Ich bin glücklich, dass ich hier bin“, sagt Ammos Chorny. Er hat auf einer kleinen Steintreppe in der Hilchenbacher Gerbergasse Platz genommen und ist sehr nachdenklich. „Die Familie meiner Mutter wollte nie zurück nach Deutschland“, erklärt der Rabbiner; „mit dieser Ideologie bin ich groß geworden. Und jetzt, im Alter von 58 Jahren, habe ich die Kraft gefunden, hierherzukommen.“ Sein Großvater Herbert Hony verbrachte seine Kindheit in Hilchenbach, bis er nach dem Kriegstod seines Vaters nach Bad Mergentheim zog und in den 1930er-Jahren vor den Nationalsozialisten floh und woanders ein neues Leben begann.

Aus Florida und Kalifornien angereist

Der in Beth Tikva, einer jüdischen Gemeinde in Naples in Florida tätige Rabbiner Ammos Chorny hat sich auf den Weg gemacht, die Spuren seiner familiären Vergangenheit in Deutschland persönlich zu verfolgen. Und so trifft er an einem warmen Sonntag nach ausgiebigen Vorabsprachen mit der Hilchenbacherin Rosel Six, unter anderem bekannt für ihre historisch informierten Stadtführungen in Hilchenbach, in der dortigen Innenstadt am Rande des Marktplatzes ein. Mitgekommen sind seine Ehefrau Aviva – mit ihr ist er seit 38 Jahren verheiratet – und Sohn Daniel, 32, selbst Rabbiner in Los Angeles.

Seit 1943 lebt kein Jude mehr in Hilchenbach

Die drei Gäste wirken äußerlich wie „normale“ Touristen, die Station machen, um die Fachwerk-Beschaulichkeit der Siegerländer Provinz zu erleben. Doch es ist mehr Schauder statt Beschaulichkeit, was die drei mit dem Ort bislang verbinden konnten – dem Ort, den Herbert Hony wohl als Kind verlassen hat. „Gibt es noch Juden, die hier leben?“, fragt Ammos Chorny gleich zu Beginn des Spaziergangs durch den Ort. „Nein“, antwortet Rosel Six – dort, wo es einst drei jüdische Metzgereien gab, lebt seit 1943 kein Jude mehr. Nachdenkliches Schweigen.

Im Haus der heutigen Metzgerei Schmitt unterhalb der Kirche wurde Großvater Herbert Hony 1911 geboren. Rosel Six stellt klar: Dieses Haus wurde damals nicht zwangsarisiert und ging 1952 auf regulärem Weg in den Schmittschen Familienbesitz über. Ammos Chorny gibt später zu, dass er beim Anblick des Hauses mit den Tränen gekämpft habe – durchaus gute Zeiten habe sein Großvater in Hilchenbach erlebt. „Mein Großvater sah sehr blond aus, hatte blaue Augen“, beschreibt Ammos Chorny seinen Opa als Jugendlichen und jungen Mann; „er sah sehr deutsch aus und hat sich so unter die Nazi-Jungen gemischt, um sich im Dienst der jüdischen Mitbürger zu informieren, was auf sie zukommen würde“, erzählt der Rabbi weiter. „Mit einem Sack mit zwei Unterhosen und einem Schirm“ habe der Opa mit dem Motorrad vermutlich im Jahr 1934 Deutschland verlassen, sei zunächst nach Italien gereist, später nach Palästina und schließlich nach Kolumbien übergesiedelt, wo er eine Metzgerei eröffnete. „Ich hatte eine tiefe Verbindung zu meinem Großvater, er war wie ein Vater für mich. Er ist auch in meinen Armen gestorben.“ Das war in Bogota im Jahr 1992.

Gedenkstein wenige Meter neben Geburtshaus

Nur wenige Meter von Herbert Honys Geburtshaus entfernt bleiben die drei Besucher mit Rosel Six vor dem Gedenkstein stehen, der an die jüdischen Mitbürger erinnert, die Opfer der NS-Diktatur wurden. Sie legen kleine Steine an diesem Ort nieder, wie sie es beim Besuch auf Friedhöfen auch zu tun pflegen. Der Erinnerungsstein sei ihr persönlich ein Herzensanliegen gewesen, sagt Rosel Six, ihre Mutter habe ihr schon in jungen Jahren nahegelegt: „,Kind, du musst gut sein zu den Juden, denn das ist Gottes Volk‘ – ich hab diesen Satz immer im Ohr.“ Wie sehr ihn dieses Mahnmal am Rande des Marktplatzes berührt hat, schreibt der Rabbiner später in einem ausführlichen Reisebericht nieder, den er per E-Mail ins Siegerland schickt: „Ich war äußerst gerührt, dass es in dieser kleinen Gemeinde jemand für notwendig hielt, die Tatsache anzuerkennen, dass in der Tat viele Juden in der Stadt gelebt und zu ihrer Entwicklung beigetragen hatten, die sie unglücklicherweise verlassen hatten oder aus der sie verschwanden – insbesondere, weil eine große Zahl dieser Juden den gleichen Nachnamen trugen wie ich ihn trage: Hony!“ Hilchenbachs Bürgermeister Holger Menzel trifft die jüdischen Gäste auf dem Marktplatz für einen persönlichen Willkommensgruß. Auch er habe sich einst aufgemacht, den Weg seines aus Schlesien vertriebenen Vaters nachzuempfinden. Ammos Chorny fragt den ersten Bürger der Stadt, wovon die Menschen hier leben und was man in Hilchenbach vom Zweiten Weltkrieg mitbekommen habe. Das Gespräch ist unverkrampft, freundlich, aber ernst: „Als Rabbiner ist es meine Hauptaufgabe, der nächsten Generation alles zu erklären, die Geschichte weiterzutragen.“ Holger Menzel verabschiedet sich nach ein paar Minuten von seinen Gästen, bevor die ihre Spurensuche fortsetzen: „Schauen Sie sich alles an – und kommen Sie wieder!“

Besuch in Hilchenbach eine "seelische Reinigung"

Auch Herbert Hony kehrte Jahrzehnte später zurück, jedoch nur für einen Besuch. „Als mein Vater im Jahr 1983 nach Hilchenbach zurückkam, war dies wie eine Katharsis, eine seelische Reinigung für ihn“, erinnert sich der Rabbiner an die Aussagen seines Opas. Auf dem Treppenaufgang zur evangelischen Kirche erzählt Rosel Six von Gerti Holländer und Sohn Lothar, die als letzte Juden Hilchenbach im Februar 1943 verlassen hätten – „und dann war in der Zeitung zu lesen: ,Hilchenbach ist judenrein‘.“ Beklemmende Stille, ein Seufzer. Die kleine Stadtführung macht auch an den Stolpersteinen Halt, die an einstige jüdische Mitbürger erinnern, darunter auch jener für Bianca Schäfer, 1942 deportiert und in Polen ermordet. Rosel Six zückt eine Fotografie von Bianca Schäfer: „Die zeige ich immer, um klarzumachen: Es war ein realer Mensch.“ Der Weg führt in den einstigen jüdischen Betsaal in der Gerbergasse. Dort ist heute die „Christliche Gemeinde Gerbergasse“ zu Hause. Der einstige Gebetsraum im Obergeschoss ist heute zugleich einstiges Arbeitszimmer des verstorbenen Pastors der freikirchlichen Gemeinde sowie Jugendzimmer des Sohnes. Auch hier wurde das Handeln der Nationalsozialisten erschreckende Wirklichkeit: Während am 9. November 1938 überall in Deutschland die Synagogen brannten, demolierten die Nazis auch das Haus in der Gerbergasse, in dem sich der Betsaal befand. Einige Juden wurden zudem auf den Marktplatz geschleppt und misshandelt. Die Synagoge in Siegen ging derweil einen Tag später in Flammen auf – dafür hatte man Benzin als Brandbeschleuniger extra aus Hilchenbach kommen lassen. Ammos Chorny fragt sich: „Warum hat niemand etwas dazu gesagt?“

Mindestens zwölf Hilchenbacher Juden Opfer der Shoa

Mindestens zwölf Hilchenbacher Juden wurden nachweislich Opfer der Shoa. Letzte Station vor der Mittagspause ist der kleine jüdische Friedhof an der Straße in Richtung Brachthausen. Ammos Chorny steht erstmals am Grab seines 1917 verstorbenen Urgroßvaters Raphael Hony, der im Ersten Weltkrieg verwundet wurde. Ammos Chorny zu diesem Moment: „Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich die Möglichkeit, mich mit der Vergangenheit meiner Familie verbunden zu fühlen, die mir durch Kriege, Verfolgung, Zerstreuung und Distanz verwehrt geblieben war.“ Der Rabbiner spricht das Gedenkgebet „El Maleh“ sowie das Lobpreisgebet „Kaddish“, forscht nach weiterer Verwandtschaft auf dem kleinen, gepflegten, aber abgelegenen Friedhof, der letzten Station seiner Spurensuche in Hilchenbach.

Auf dem Giller lädt Rosel Six die drei Gäste im Namen des Bürgermeisters zum Mittagessen ein, anschließend zeigt sie ihnen Erndtebrück – den Ort, aus dem die Familie Hony einst stammte. Der Siegerland-Besuch endet im Garten von Familie Six mit Erdbeertorte und Sahne. Diese Idylle erinnert den Rabbiner an den Samstagnachmittags-Dessert-Tisch seiner Oma in Jugendzeiten – „eine tiefgreifende liebevolle Erinnerung“, wie er es später formuliert. Weiter bringt er seine Dankbarkeit über den Siegerland-Besuch schriftlich zum Ausdruck: „Wir fühlten die Bindungen, die uns an unser Erbe banden, stärker und realer; wir haben ein bisschen mehr verstanden, wer wir waren und woher wir kommen.“

Marke in Herzen hinterlassen

Doch wesentlicher als Gebäude und Orte bleiben die menschlichen Spuren, die die Begegnungen hinterließen, haften: „Wir trafen Menschen, die, obwohl sie nur einen Tag in unser Leben traten, eine unauslöschliche Marke in unseren Herzen hinterließen.“ Vor allem Rosel Six schloss er dankbar in sein Herz: „Rosel Six verkörperte die Bestätigung, dass wir in einem neuen Deutschland waren und dass Menschen wie sie nicht nur daran arbeiten, die Geschichte zu bewahren, sondern daran, dass wir alle aus ihr lernen und es niemals zulassen, dass sie sich wiederholt.“

Autor:

Björn Hadem aus Siegen

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