Streichquartette in Vollendung

Leipziger Buschpreisträger versetzten ihre Zuhörer erneut in Verzückung

sz Dahlbruch. Das Leipziger Streichquartett – Andreas Seidel, Tilman Brüning (Violinen), Ivo Bauer (Viola) und Matthias Moosdorf (Violoncello), Buschpreisträger 1991 – bestritt am Dienstagabend das 60. Konzert in der Reihe »Meisterliche Kammermusik« beim Gebrüder-Busch-Kreis. Streichquartette waren und sind für die Komponisten wesentliche Ausdrucksmittel ihres Wollens. Zu ihnen griffen sie, wenn sie als Mensch und Künstler an entscheidenden Halte- und Wendepunkten ihres Schaffens angelangt waren. Mit der Auswahl der Werke – »Opus 18/4, c-Moll« von Ludwig van Beethoven, dem »Opus 1 – Die Kreutzersonate« von Leos Janácek und dem »Opus Nr. 14, d-Moll – Der Tod und das Mädchen« von Franz Schubert – unterstrichen die Leipziger Gäste diese These nachhaltig.

Beethovens Jugendfeuer

Das Suchen nach dem ersten großen Ziel seines Lebenswerks lag beim jungen Beethoven im Inhalt aller c-Moll-Frühwerke, denen sich das Streichquartett c-Moll, op. 18/4 als bemerkenswertes Mittelglied einreihte. Im reinen Kristall des wohl durchdachten Vortrags leuchtete das sinfonisch durchpulste »Allegro« in dunkler Glut. Das kraftvolle Hauptthema mit den ihm folgenden Akkordschlägen steigerte das Leipziger Ensemble mit gesundem Pathos zu einem Höhepunkt, der dem gesamten Werk Gesicht und Gewicht verlieh. In den beiden Mittelsätzen tendierte die hochsensible Interpretation zum spielerischen Impetus hin. Luftig und durch die Betonungsverschiebungen springlebendig, unterschied sich das »Andante-scherzoso« vom durch eigenwillige Sforzati eher streng akzentuierten »Menuetto«. Erst im liebenswürdigen, durch prickelnde Triolen belebten »Trio« erlangte ein lichter Optimismus wieder die Oberhand. Eine fast unmerkliche Temposteigerung am Satzende führte ins »Allegro-Finale« mit seinem eigenständigen, am Schluss fast trotzigen Humor. Da pochte noch kein Schicksal an die Pforten. Ein absolutes Musizieren, perfekt und mit jenen Herztönen, die den Atem solcher Werke ausmachen, kam zu Gehör und begeisterte das Publikum. Die Kultur des Zusammenspiels und der Adel des Tons waren die Visitenkarte der jungen Buschpreisträger.

Im Geiste der mährischen Volksmusik

Der eigenwillige und intelligente Leos Janácek hat uns zwei Streichquartette hinterlassen. Das erste, von Leo Tolstojs Novelle »Die Kreutzersonate« inspirierte, stand am Dienstag im Programmheft. Die Leipziger Freunde stellten das in rhapsodischer Form gehaltene Werk wie ein modernes Klanggemälde vor. Janáceks Technik der Motiventwicklung wurden sie mit einer fast vokalen Intonation gerecht. Mit vollendeter Quartett-Technik, homogenem Ton und tiefem Einfühlungsvermögen durchdrangen sie die vier Abschnitte. Trotz dauernder Tempowechsel, schwieriger Ablösungsstellen und zahlreicher Oktavgriffe in den Oberstimmen garantierten sie die Dichte und Spontaneität im ununterbrochenen Fluss der über alle Maßen schwierigen Partien. Poesie und formale Gestaltung verbanden sich zu einer Tondichtung, in der auch die Welt der »Jenufa« und der »Katja Kabanowa« auf den 16 Saiten immer wieder beschworen wurde.

Leben und Vergehen

Franz Schubert ist einer der ersten Verkünder dessen, was die Romantik an Todesphantastik und transzendenter Emotion entwickelt hat. In seinem »d-Moll-Streichquartett Nr. 14 – Der Tod und das Mädchen« hat er, ein Glücksfall der Begegnung von Dichtung und Musik, eine kurze Szene der »Claudiusverse«, ein Zwiegespräch von wenigen Worten, das Todesangst und stille Ergebung in sich fasst, in den Mittelpunkt gesetzt.

Die meisterlichen Interpreten führten nach der Pause ihr gebannt lauschendes Publikum in die Spannungssphäre zwischen Sein und Vergehen. Fragend, mahnend und nachsingend, gleichsam epigrammatisch legten sie die tiefernste Grundstimmung bereits im breit ausgedehnten Kopfsatz fest. Keine Melodie könnte nach diesen Erschütterungen trostreicher wirken, als Matthias Claudius' Schlusszeile »Sei guten Muts! Ich bin nicht wild, sollst sanft in meinen Armen schlafen!« Akkordisch vorgetragen und variiert erklangen die Stimmen des Schmerzes, der Klage, aber auch des trotzigen Aufbegehrens. Nicht erst beim späten Schubert konnten wir an diesem Abend erneut feststellen, mit welcher Konsequenz alle vier Musiker imstande waren, ihre jeweiligen melodischen Bögen durchzuhalten und immer dann um eine Nuance zurückzutreten, wenn ein Mitspieler etwas noch Expressiveres zu sagen hatte. Meisterliche Kammermusik, beeindruckend und großartig genau dargestellt, wurde mit lang anhaltendem und dankbarem Beifall bedacht.

G. S.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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