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Archäologen graben auf dem Schlossberg
Tiefgründige Erkenntnisse rund um die Ginsburg

Archäologiestudenten wie Nathan Klug Duran gehen seit einigen Tagen der Geschichte der Ginsburg auf den Grund.
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  • Archäologiestudenten wie Nathan Klug Duran gehen seit einigen Tagen der Geschichte der Ginsburg auf den Grund.
  • Foto: Jan Schäfer
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

js Grund. Erst war es Hightech – jetzt kommen Hacke, Spaten und Salzsäure zum Einsatz. Die Archäologiestudenten um Professor Dr. Felix Teichner von der Uni Marburg haben ihr Werkzeug gewechselt. Rund um die Ginsburg, wo die Forscher im Frühling bereits geophysikalische Erkenntnisse mit nichtinvasiven Messinstrumenten über die mittelalterliche Burganlage auf dem Schlossberg bei Grund gesammelt haben, geht es nunmehr in die Tiefe. An 19 ausgesuchten und von der Denkmalbehörde genehmigten Stellen haben die Gäste aus der Lahnstadt weit unter die Grasnarbe geschaut.
Doch keine größere VorburgDie Annahme, dass es hier oben eine Anlage mit einer größeren Vorburg als bisher angenommen gegeben haben könnte, ließ sich zwar nicht bestätigen.

js Grund. Erst war es Hightech – jetzt kommen Hacke, Spaten und Salzsäure zum Einsatz. Die Archäologiestudenten um Professor Dr. Felix Teichner von der Uni Marburg haben ihr Werkzeug gewechselt. Rund um die Ginsburg, wo die Forscher im Frühling bereits geophysikalische Erkenntnisse mit nichtinvasiven Messinstrumenten über die mittelalterliche Burganlage auf dem Schlossberg bei Grund gesammelt haben, geht es nunmehr in die Tiefe. An 19 ausgesuchten und von der Denkmalbehörde genehmigten Stellen haben die Gäste aus der Lahnstadt weit unter die Grasnarbe geschaut.

Doch keine größere Vorburg

Die Annahme, dass es hier oben eine Anlage mit einer größeren Vorburg als bisher angenommen gegeben haben könnte, ließ sich zwar nicht bestätigen. Das Plateau, über das demnächst der barrierefreie Zugang zum Bergfried verlaufen soll, war keine mit Mauern eingefasste Vorburg mit einem eigenen Türmchen. Vielmehr zeigte der Blick in den Boden, dass hier ein Begrenzungswall war. Die eigentliche Vorburg lag also den archäologischen Erkenntnissen nach dort, wo sich nun die Burgküche befindet.

Neue Phase der Waffentechnologie

Unzufrieden sind die Vor- und Frühgeschichtsarchäologen um Professor Teichner allerdings nicht mit den Befunden ihrer Grabungen – lassen sie doch interessante Rückschlüsse ziehen auf eine Zeit, in der die Ginsburg von einer mittelalterlichen Wehranlage ertüchtigt wurde für eine neue Phase der Waffentechnologie. Gefunden wurden die bislang unentdeckten Spuren einer runden Bastion. Zudem zeigten die Grabungen, dass der Wall um die Burg in seiner jetzigen Höhe erst in der Zeit des „Wiederaufbaus“ – also in den 1960ern – angelegt wurde.

Im 16. Jahrhundert ordentlich investiert

Einige Eckdaten sind seit Längerem bekannt: Das älteste schriftliche Dokument der Burg datiert auf das Jahr 1463 – eine Baurechnung. Weitaus prominenter ist die Geschichte der Burg 1568, als Wilhelm von Oranien hier seinen Feldzug zur Befreiung der Niederlande gegen die spanische Besatzungsmacht ausheckte. Ein paar Jahre zuvor, 1562, wurden zudem die bei früheren Ausgrabungen gesicherten Ofenkacheln der Frankfurter Stempelschneide Bermann hergestellt. Damals, so sagt der Archäologieprofessor, muss noch einmal ordentlich in die Burg investiert worden sein – vergleichbar mit dem Umrüsten einer Heizungsanlage heutzutage.

Funde, Schriftquellen, alte Spuren

Vielschichtig ist die Arbeit der Archäologen, das zeigt sich dieser Tage rund um die Ginsburg – sowohl im wahrsten Sinne des Wortes als auch gedanklich. Denn: Sie haben bei ihren Grabungen drei Ebenen zu bedenken: zunächst einmal die Funde und Befunde, dann die Schriftquellen, zudem noch die Spuren der Ausgrabungen ihrer Vorgänger – die bereits vor 90 Jahren begonnen haben. Das alles gilt es zu bedenken, miteinander zu verknüpfen, zu interpretieren. Eine Herausforderung.

Ginsburg erhielt zweiten Festungsring

Was genau haben die Forscher herausgefunden bei den Arbeiten, die noch bis Samstag laufen, bevor dokumentiert und ausgewertet wird? „Es zeigt sich ganz deutlich, dass es eine zweite Phase der Ginsburg gegeben hat“, so Teichner. Nach der mittelalterlichen Zeit wurde die Anlage für die frühe Neuzeit ertüchtigt. Mutmaßlich sollte sie fit gemacht werden für die neue Waffentechnik: Nach den Zeiten, in denen zur Abwehr auf dem Schlossberg noch Armbrust und Schleuder ausreichten, ging der Trend zu größeren Distanzwaffen. Dafür wurde um die mittelalterliche Burg ein zweiter Festungsring angelegt. Warum diese Ära der Burg jäh endete, ist nicht sicher. Liegt es daran, dass der Fokus auf das neue Domizil der Oranier, die Wilhelmsburg, verlegt wurde?

Trauungen hinterlassen Spuren

Neues zur mittelalterlichen Phase der Burg wurde zwar auch zutage gefördert bei den Grabungen – ein kleines Stück Mauer wurde freigelegt. Zumeist aber waren die Funde aus jüngerer Zeit. Sektkorken gab es zuhauf, schmunzelt der Archäologe. Auch Silberflitter fand das 15-köpfige Grabungsteam des Feldseminars. Die Erklärung ist profan: Die Ginsburg beherbergt ein Trauzimmer, da fliegt mitunter nicht nur Reis. Mittelalterliche Keramikscherben stecken auch immer wieder in der Erde. Kurz vor dem Rundgang mit den Medienvetretern wurde am Mittwoch eine Metallspitze freigelegt – auch nach einer Woche weniger spektakulärer Graberei hat ein Archäologe schon einmal Glück. Von wann genau das Eisenstück stammt, muss noch untersucht werden. Ersten Schätzungen nach dürfte es seit der Ausbauphase im 16. Jahrhundert dort liegen.

Funde interpretieren

Dass die runde Bastion in einer späteren Phase als die Mittelalterburg entstanden ist, zeigt sich auch an dem Kalkmörtel, der in den oberen Schichten nachzuweisen ist – mit Salzsäure übrigens, die vom Kalk zum Schäumen gebracht wird. Gab es in Richtung Giller ein weiteres Torhaus? Oder wurde hier doch „nur“ eine Bastion angelegt, um die Hauptangriffsrichtung der Burg zu schützen? Nicht alle Fragen lassen sich mit Hacke und Spaten beantworten – hier ist noch einiges an Interpretationsarbeit gefragt.
Auch auf der Ginsberger Heide wurden drei punktuelle Grabungen durchgeführt. Dort, wo die St. Antonius gewidmete Wallfahrtskapelle gestanden hat, muss es seinerzeit einen kleinen Weiler gegeben haben. Das haben die Bodenuntersuchungen nun bewiesen, die Archäologen gehen von drei Gebäuden aus.

Alle Löcher verschließen

Offengelegt wurde also einiges in diesen Tagen – und das weitaus behutsamer als bei den eher brachialen Arbeiten in den 60er-Jahren. Am Ende der Feldforschung werden alle Löcher wieder verschlossen. Das sei eine Auflage der Denkmalbehörde, erklärte Markus Völkel, 2. Vorsitzender des Ginsburgvereins. Das ansonsten geforderte Sicherungskonzept sei nicht zu leisten. Dennoch sollen die Erkenntnisse der Grabungen den Besuchern der Burg nahegebracht werden. Wie genau das aussehen wird, muss sich zeigen. Vereinsvorsitzendem Dieter Viehöfer schwebt ein dreidimensionales Modell vor.

Autor:

Jan Schäfer (Redakteur) aus Siegen

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