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Urteil im Vormwald-Prozess - Update
Totschlag statt Mord

Max M. (hier mit Verteidigerin Julia Kusztelak) wird für die Tötung eines 74-Jährigen auf unbestimmte Zeit in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Der 20-Jährige war zum Tatzeitraum nicht schuldfähig, sagt das Landgericht Siegen.
  • Max M. (hier mit Verteidigerin Julia Kusztelak) wird für die Tötung eines 74-Jährigen auf unbestimmte Zeit in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Der 20-Jährige war zum Tatzeitraum nicht schuldfähig, sagt das Landgericht Siegen.
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js Vormwald/Siegen. Das ist keine Überraschung: Max M. wird für die Tötung eines 74-Jährigen in dessen Vormwalder Haus nicht etwa ins Gefängnis geschickt – vielmehr wird er auf unbestimmte Zeit in der Psychiatrie bleiben. Damit folgte die 2. große Strafkammer unter dem Vorsitz von Richterin Sabine Metz-Horst bei der Urteilsverkündung am Freitagnachmittag den gleichlautenden Anträgen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Etwas weniger erwartet worden war die juristische Einstufung des Delikts: Die fünfköpfige Jugendkammer wertet die Bluttat nicht etwa als Mord, sondern als Totschlag.

Der kurze und knappe Urteilsspruch gebe keineswegs all das wieder, was in den langen Stunden der Hauptverhandlung seit Mitte Februar besprochen worden sei.

js Vormwald/Siegen. Das ist keine Überraschung: Max M. wird für die Tötung eines 74-Jährigen in dessen Vormwalder Haus nicht etwa ins Gefängnis geschickt – vielmehr wird er auf unbestimmte Zeit in der Psychiatrie bleiben. Damit folgte die 2. große Strafkammer unter dem Vorsitz von Richterin Sabine Metz-Horst bei der Urteilsverkündung am Freitagnachmittag den gleichlautenden Anträgen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Etwas weniger erwartet worden war die juristische Einstufung des Delikts: Die fünfköpfige Jugendkammer wertet die Bluttat nicht etwa als Mord, sondern als Totschlag.

Der kurze und knappe Urteilsspruch gebe keineswegs all das wieder, was in den langen Stunden der Hauptverhandlung seit Mitte Februar besprochen worden sei. Von Anfang an sei klar gewesen, dass dieser Prozess nicht auf eine Haftstrafe, sondern auf eine Unterbringung abzielte. Max war nicht angeklagt, vielmehr hatte die Staatsanwaltschaft schon vorab auf gutachterlicher Basis eine Antragsschrift verfasst mit der Marschrichtung, Max dauerhaft im Maßregelvollzug unterzubringen.

"Die Familie war überfordert,
und er selbst war auch überfordert."

Sabine Metz-Horst
Vorsitzende Richterin

Augenzeugen gab es keine an jenem Sonntagabend in Vormwald. Auch der Beschuldigte hatte sich, anders als in den polizeilichen Vernehmungen, nicht selbst geäußert in all den langen Prozessstunden. Daher, so Richterin Metz-Horst, seien zahlreiche Zeugen aus M.s Umfeld zu Wort gekommen. „Die Beweislage war eindeutig, es besteht kein Zweifel an der Täterschaft.“ Nicht zuletzt die DNA-Spuren sprachen eine eindeutige Sprache, Max war zudem geständig.

Über das Opfer habe die Kammer nicht viel erfahren. Der Senior lebte zurückgezogen in einem Messie-Haus, reparierte Uhren. Dass er wenig Kontakte hatte, nicht einmal zur eigenen Familie, sei schon dadurch deutlich geworden, dass niemand als Nebenkläger aufgetreten sei. „Er war ein Mensch, der leben wollte.“

Biografie voller Brüche

Viel sei hingegen über Max selbst bekannt geworden. Die Vorsitzende Richterin verwies auf eine Biografie voller Brüche. Schon früh habe der Beschuldigte Probleme gehabt, auch in der Schule, er sei wegen seiner Körperfülle gehänselt und später gemobbt worden. Es habe Drogenkonsum, Unterbringungen, falsche Diagnosen gegeben. „Die Familie war überfordert, und er selbst war auch überfordert.“ Max habe Stimmen gehört, wurde von „Dämonen“ gesteuert.

Max M. soll dauerhaft untergebracht werden

Die Bluttat am 23. August 2020 sei objektiv gesehen absolut grausam gewesen. Dennoch sei die Kammer in ihrer Urteilsfindung nicht von Mord ausgegangen, auch wenn sowohl der Staatsanwalt als auch die Strafverteidigerin dies in ihren Plädoyers anders sahen. Totschlag sei ein „massives Verbrechen, eine schlimme Tat“, stellte die Vorsitzende klar. Aber bei der gewissenhaften Prüfung sei die Kammer nicht zu der Überzeugung gelangt, dass eines der Mordmerkmale wirklich vorgelegen habe. Die Tat sei zwar objektiv gesehen ausgesprochen grausam gewesen – Max tötete sein Opfer in einem längeren Kampf mit mehr als 70 Stichen –, sie seien dem Täter aber nicht bewusst gewesen. Die letztendliche Tötungshandlung sei nicht vor allem ausgeführt worden, um den 74-Jährigen zu quälen. Der psychiatrische Gutachter hatte vielmehr von einem „Overkill“ gesprochen, von der Entladung eines „Pulverfasses“. Auch von Mordlust geht die Kammer nicht aus. Der Senior sei „nicht ohne Anlass“ gestorben, Max habe ihn als Pädophilen und Hausmeister der benachbarten Cannabisplantage angesehen (beides gab die Beweislage keineswegs her) und ihn überfallen, um an Drogen zu kommen. Auch Habgier sei nicht beherrschendes Motiv gewesen.

Drogeneinnahme verstärkt Schizophrenie

Dem eigentlichen Max, so hatte der Psychiater attestiert, sei das Töten „wesensfremd“. Die Richterinnen und die beiden Schöffen sind wie der Facharzt überzeugt, dass Max im Tatzeitraum nicht schuldfähig oder zumindest erheblich schuldgemindert gewesen sein dürfte – seine von Drogeneinnahme verstärkte Schizophrenie sei handlungsleitend gewesen. Max werde nun eine lange Behandlung benötigen. Seine Krankheit sei so bestimmend, dass sie Oberhand nehme. „Herr M.,“ schloss Sabine Metz-Horst die Verhandlung mit Blick auf den Verurteilten. Arbeiten Sie mit! Die ersten Schritte haben Sie getan.“

Das Urteil dürfte rasch rechtskräftig werden – weder Staatsanwaltschaft noch Verteidigung beantragen Revision.

Autor:

Jan Schäfer (Redakteur) aus Siegen

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