Trotz allem eine zweite Chance

»Oi! Warning«-Regisseur Benjamin Reding diskutierte mit Zuschauern in Dahlbruch

sz Dahlbruch. Achtung: »Oi! Warning", der Skinheadfilm, läuft in ihrem Lichtspielhaus. Kaum geht das Licht aus, fangen die »Glatzen« an. Stürmen die Bühne mit Baseballschlägern und Schaum vor dem Mund. Achtung: Entwarnung. Im Viktoria Filmtheater blieb alles ruhig.

Anders im Osten der Republik. »In Leipzig und Jena gab es einige Probleme. Da hätten Skins fast die Bühne gestürmt«, erzählte Benjamin Reding am Donnerstagabend im Viktoria-Kino in Dahlbruch. Der 32-Jährige ist Regisseur und Produzent des Filmes »Oi! Warning«. Gemeinsam mit seinem Bruder Dominik drehte er den Film über den 17-Jährigen Janosch auf der Suche nach dem Glück. Der Streifen ist für den Bundesfilmpreis nominiert.

Zur Geschichte: Schule, ein grabruhiges Zuhause und dazu Mamas Fürsorge in jedem Winkel des Mittelstandlebens am hübschen Bodensee. Darauf hat Janosch keine Lust mehr. Er stiehlt Muttis EC-Karte, setzt sich auf seine Lambretta und knattert in Richtung Freiheit. Die findet er bei seinem Freund »Koma«. Und der trägt seinen Namen nicht umsonst. Koma ist Skinhead. Kein »Brauner«, eher farblos, unpolitisch. Er treibt Kampfsport, arbeitet in einer Brauerei. Und abends geht er zu Konzerten der »Oi-Band«. Tanzt Pogo, säuft, haut, schwitzt und grölt. In einem alten Bunker stellt er sein kleines Leben aus: Fotos, Waffen, Sprengstoff. Janosch ist fasziniert und wird Skin. Dass Koma ein durchgedrehter Spießer ist mit Waffenarsenal im Ikea-Möbel, sieht Janosch nicht.

Bis er Zottel trifft. Und sich in den feuerschluckenden Bauwagen-Punk verliebt. Bei ihm fühlt er sich geborgen, mit Zottel lebt er eine kurze Freiheit. Dann läuft Koma Amok...

»Oi! Warning« ist ein besonderer Film. Schwer verdaulich und irritierend. Er zeigt einen 17-Jährigen, dem der innere Kompass fehlt, erzählt von seinem Flirt mit der Gewalt. Belehrende Monologe fehlen. Trotzdem bleiben die Zuschauer mit ihren Fragen nicht allein.

Denn Regisseur Benjamin Reding reist durch die Republik und spricht mit seinem Publikum. Mittwochabend in Saarbrücken, einen Tag später in Dahlbruch. Dort unterstützten ihn Manfred Griese von der VHS und Politologe Robert Erlinghausen von der Uni Siegen. Das Wort hatte aber das Publikum.

Eineinhalb Stunden lang beantwortete Reding Fragen. Manche kritisierten den Schlussmonolog des geläuterten Janosch. Der Filmemacher erklärte, dass gerade junge Zuschauer in der ursprünglichen Fassung ohne Monolog bedrückt aus dem Kino geschlichen seien. Deshalb hätte er nach 30 Film-Festivalauftritten den Monolog geschrieben. Und wenn darin Janosch, den toten Freund im Arm haltend, sagt: »Ich krieg ’ne zweite Chance«, lässt das einige Skins, die genug haben von der Gewalt, weniger allein. Das belegen unzählige E-Mails, die die Filmemacher Benjamin und Dominik Reding erhalten und beantworten. Wer auch was zu schreiben hat: www.oiwarning.de.

mik

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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