Vater aller Hypochonder

Jörg Pleva brillierte als »eingebildeter Kranker«

Dahlbruch. Der Mann ist arm dran. Müde schlurft er durch sein Leben. Die inneren Organe spielen verrückt. Er schlürft frisch gerührte, bittere Medizin statt frisch aufgebrühtem Kaffee, wird zur Ader gelassen und mit monströsen Klistieren misshandelt. Und geschröpft, denn Ärzte und Apotheker wollen in diesen schweren Zeiten schließlich nicht am Hungertuche nagen. Molières »Le malade imaginaire«, der eingebildete Kranke, 1673 mit dem todkranken Dichter in der Titelrolle uraufgeführt, ein – zudem unterhaltsamer – Appell gegen die menschliche Dummheit und gedankenlose Medizin-/Wissenschaftsgläubigkeit, ist auch im Zeitalter der Kostenexplosionen im Gesundheitswesen und Ärztestreiks von fiebriger Aktualität. Rezeptfrei war der molierischen Klassiker am Freitag beim Gebrüder-Busch-Kreis im nahezu ausverkauften Dahlbrucher Theater zu erleben. Lachen ist bekanntlich nicht die schlechteste Medizin.

Auch wenn in der Inszenierung der von Jörg Pleva zum Zwecke der Pflege der Stücke Molières gegründeten Hamburger Theaters »Adhoc« vielleicht ein- oder zweimal – wegen der schnellen Lacher – zu oft gepupst wurde, erlebten die begeistert applaudierenden Besucher/innen einen vergnüglichen Abend. Das lag natürlich zuallererst an Jörg Pleva, der nicht nur mit Klaus Piening Regie geführt hat, sondern auch gleich noch die Hauptrolle spielte. Und das tat er mit so viel vorder- und hintergründigem Witz, mit so viel Ausdruckskraft, dass man durchaus geneigt wäre, ihm den Titel, »Vater aller Hypochonder« zu verleihen. Devot unterwirft er sich den Anweisungen der Mediziner-Kaste, die es letztlich wie seine Frau nur auf seinen Geldbeutel abgesehen haben. Die, die es wirklich gut mit ihm meinen, seine Tochter, das Dienstmädchen Toinette, haben bei ihm nichts zu lachen.

Vor allem die »Duelle« zwischen Giulia Follina als Toinette und Argan/Pleva gehören zu den dramaturgischen Höhepunkten. Zumal in diesen Momenten der Hypochonder das Kranksein vergisst, nicht jammert, sondern durchaus energisch seine Ziele verfolgt: Seine Tochter Angélique (Céline Fontanges) soll statt des Angebeteten Cléanthe (Wolf-Guido Grasenik) den Sohn eines Arztes heiraten. Der kranke Mann denkt halt an sich selbst zuerst. Da macht es gar nix, dass der hoffnungsvolle Medizinernachwuchs, von Tom Keidel satirisch überspitzt– als Karikatur auf die Bühne gebracht, als Witzfigur daherkommt: Man kann sich gut vorstellen, wie zu Moliéres Zeiten die Ärzteschaft geschäumt hat.– Aber nicht nur damals, denn das entscheidende–Kriterium für Molières Arbeiten ist ihre Zeitlosigkeit. Im Zentrum der Stücke des französischen Dichters steht der Mensch, und der hat sich kaum verändert. An Hypochondern herrscht auch kein Mangel, und Ärzte werden immer noch als Halbgötter verehrt. Moliére fordert die Menschen zum Nachdenken auf,–zur Selbstkritik und zum kritischen Umgang mit Autoritäten.

In einem ansprechenden Bühnenbild und mit feinen Kostümen sorgte ein homogenes Ensemble mit einem »entstaubten« Molière schließlich für das Happy End: Argans vitaler Bruder (Jan-Peter Heyne, gab zudem einen leicht zwielichtigen Notar), und die gute Toinette stellten nicht nur den Mediziner (Georg Troeger, der als Dr. Diafoirus sein Talent zum Schröpfen des Patienten-Geldbeutels bewies) und den Apotheker (Hilmar Mühlig), sondern auch die verlogen-geldgierige Frau des eingebildeten Kranken (Jana Rudwill) in einer fulminanten Schlussszene bloß. Da bekamen die »Patienten« im Zuschauerraum höchstens vor Lachen einen völlig ungefährlichen »Schüttelfrostibus«.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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