Vertrauensbildende Maßnahme

Im Tagungshaus Keppel bieten die »Rothaarscouts« Seminare für Azubis und Manager an

matz Allenbach. »Das ist der Hammer!«, ruft einer der Jungs. »Die hat ja gar keinen Bammel!« In der Tat. Kathrin tanzt auf dem Hochseil im Allenbacher Stiftswald rum, als ob sie das nicht zum ersten Mal machen würde. »Du bist ja völlig schmerzfrei«, klopfen Kathrin ihre Kolleginnen anerkennend auf die Schulter, als sie wieder festen Boden unter den Füßen hat.

Kathrin ist Auszubildende. Wie ihre vier Kolleginnen und ihre 20 Kollegen Azubi bei der Firma Hensel in Lennestadt. Jedoch lernen die 25 jungen Menschen neun völlig verschiedene Berufe – von Elektriker über Industriemechaniker bis Industriekauffrau. »An diesem Wochenende sollen sich unsere Azubis besser kennen lernen«, erklärt Sigrid Baust, Ausbildungsbeauftragte bei der Firma Hensel. Denn die meisten würden sich höchstens vom Sehen kennen. Daher veranstalte man seit sieben Jahren diese Kennenlern-Wochenenden. Immer in Hochseilgärten. »Damit die Gruppe zusammenwächst.« Der Clou: Die Gruppe besteht immer aus Lehrlingen im ersten und zweiten Lehrjahr. »Die älteren übernehmen dabei so eine Art Patenschaft über die jüngeren«, sagt Ausbilder Friedhelm Fischer.

An diesem Wochenende nun nehmen die Sauerländer zum ersten Mal das Angebot der »Rothaarscouts« im Tagungshaus Keppel wahr. Was viele nicht wissen, und auch die Lennestädter bis vor kurzen nicht wussten: Im Wald hinter dem Stift befindet sich so manche Klettermöglichkeit, bei der es auf Teamgeist und Vertrauen ankommt.

Inzwischen haben noch weitere Azubis über die kaum mehr als fußbreite Alu-»Strickleiter« das Hochseil erklommen. Zeigten die Gesichter zuvor noch etwas Skepsis, so sieht man nach dem Abstieg nur noch strahlende, manchmal auch erleichterte Gesichter. »Es muss sich niemand gezwungen fühlen, da hinauf zu klettern«, verdeutlicht Diplom-Pädagoge Stefan Kraft. Dennoch versuchten es die meisten, obwohl sie sich zuvor noch anders entschieden hätten. Überwindung der eigenen Grenzen und Vertrauen bilden zu denjenigen, die die Strickleiter und das Sicherungsseil halten, sei hier das Ziel.

»In der heutigen Arbeitswelt kommt Schlüsselqualifikationen, also Fertigkeiten, die helfen, Situationen zu meistern, obwohl diese neu und unerwartet sind, eine enorme Bedeutung zu«, berichtet Nina Wilden, ebenso Diplom-Pädagogin wie Stefan Kraft, über die Hintergründe des »Azubi-Trainings«. Die Schlüsselqualifikationen böten »die Möglichkeit, sich neues Wissen schnell anzueignen, es zu übertragen und damit sicher mit neuen Situationen und Anforderungen umzugehen«. Die Folge seien ein hohes Maß an Flexibilität, Leistungsbereitschaft und Identifikation mit dem Unternehmen. Das Ziel ist klar: Grundlagen der Teamarbeit sollen frühzeitig erkannt und eingeübt werden. Und das nicht nur draußen, neudeutsch »outdoor«, sondern auch »indoor«.

»Am ersten Abend haben wir der Gruppe ein Problem vorgegeben, dass sie nur im Team lösen konnte«, so Nina Wilden. Handlungsorientierte Aufgaben, bei denen es darauf ankomme, miteinander klar zu kommunizieren. Einer der grundsätzlichen Inhalte: Am Ende müssen zufriedene Kunden stehen. Dieses Mal hatten die Pädagogen einen Chemieunfall vorgegeben. Es sei darauf angekommen, den Informationsfluss nicht versiegen zu lassen, um jeden Mitarbeiter umgehend zu verständigen und eine Problemlösung zu entwickeln, verdeutlicht Nina Wilden. Schließlich gehe es in diesem speziellen Fall um die Gesundheit der Kollegen. Auch hier eines der Hauptschlagworte: Vertrauen bilden.

Darauf kommt es auch beim »Pfahlsprung« an. Hier gilt es, einen gut 5 Meter hohen Pfahl über schmale Tritte zu erklimmen, sich auf einer gerade einmal einen halben Meter im Durchmesser messenden Platte aufzurichten und herunter zu springen. Gerade hier müssen die Kletternden Vertrauen zu gleich drei Personen bilden. Drei Personen, die den Sprung abfangen. »Wie weit kann ich gehen?« Diese Frage solle auch an dieser Station im Vordergrund stehen, so Stefan Kraft. »Ihr seid zu mehr in der Lage, als ihr annehmt.«

»Iih, das ist ja voll eklig«, platzt es aus Kathrin heraus, die als eine der ersten die Plattform auf dem wackeligen Pfahl steigt. Sie springt, drei Kollegen halten sie. »Es gehören schon Mut und Überwindung dazu, sich da oben drauf zu stellen«, ruft sie den anderen Azubis zu. »Man muss sich voll darauf verlassen, dass die einen halten.« Und mehr zu sich selbst fügt sie hinzu: »Wäre ja auch schlecht, wenn nicht.« »An dieser Station werden alle eingebunden«, betont Stefan Kraft. »Wer Höhenangst hat, kann eine andere Funktion übernehmen.« Beispielsweise das Sichern des Seils. Kraft: »Jeder wird gebraucht.« Julian fndet das »klasse, wenn man sieht, dass die anderen Vertrauen in uns setzen. Ein gutes Gefühl«. Die gleichen Erfahrungen gibt es an der »Teamstrickleiter«, die man nur zu zweit hochklettern kann. Und auch nur, wenn die Kollegen sichern.

»Man hat in den vergangenen sieben Jahren, in denen unser Unternehmen diese Trainings durchführen lässt, schon gemerkt, dass der Zusammenhalt unter unseren Azubis ein ganz anderer geworden ist«, erzählt Sigrid Baust.

Absolvieren die höheren Etagen ähnliche Seminare? »Weniger«, antwortet sie. Dabei bieten die Rothaarscouts auch Rhetorikseminare, Kompetenztrainings oder Seminare für Manager an. »Wir hatten beispielsweise einmal eine Gruppe aus Frankfurt hier«, lacht Nina Wilden. »Von denen hatte jeder die Verantwortung über dreistellige Millionenbeträge.« Trotzdem habe jeder Manager noch etwas über Vertrauen und Teamgeist gelernt. Mehr Informationen unter www.rothaarscout.de.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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