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Wilhelm Münker setzte sich für den Schutz der Natur und des Ortsbildes ein
Warnung vor der „Verfichtung“ der Wälder

Gedenkstein und Buche in Hilchenbach sollen an Wilhelm Münker erinnern.
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  • Gedenkstein und Buche in Hilchenbach sollen an Wilhelm Münker erinnern.
  • Foto: Sammlung Lerchstein
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sz - Der Pionier kämpfte schon früh gegen überbordende Reklame in den Städten und Ortschaften der Region.
sz Hilchenbach. In der vergangenen Woche war an dieser Stelle der erste Teil des Berichtes über Wilhelm Münker, Jugendherbergs-Pionier und Naturschützer aus Überzeugung, zu lesen. Wilhelm Münker war, so legt Autor Wilfried Lerchstein dar, stark geprägt vom Gedankengut der Lebensreformbewegung, die sich auf die vielen Facetten des Natur- und Heimatschutzes fokussierte, wie folgender Text ausführt. Lerchstein schlägt den Bogen von der Jugendbewegung und der „Erfindung“ der Herbergen zum gesellschaftspolitischen Engagement Münkers.

sz - Der Pionier kämpfte schon früh gegen überbordende Reklame in den Städten und Ortschaften der Region.
sz Hilchenbach.In der vergangenen Woche war an dieser Stelle der erste Teil des Berichtes über Wilhelm Münker, Jugendherbergs-Pionier und Naturschützer aus Überzeugung, zu lesen. Wilhelm Münker war, so legt Autor Wilfried Lerchstein dar, stark geprägt vom Gedankengut der Lebensreformbewegung, die sich auf die vielen Facetten des Natur- und Heimatschutzes fokussierte, wie folgender Text ausführt. Lerchstein schlägt den Bogen von der Jugendbewegung und der „Erfindung“ der Herbergen zum gesellschaftspolitischen Engagement Münkers.
Schon 1910 schritt Wilhelm Münker gegen übermäßige Reklame ein und war seit 1933, wohl als ihr einziges Mitglied, der Leiter der Arbeitsgemeinschaft gegen die Auswüchse der Außenreklame. Er agierte unter dieser Bezeichnung, da er es nie mochte, wenn sein Name in der Öffentlichkeit genannt wurde. Er stellte stets die
Sache über die Person.

Gegen die "Verkrämerung" des Ortsbildes

Als das Hilchenbacher Bekleidungshaus Trainer 1948/49 eine grüne Leuchtreklame anbrachte, empörte er sich darüber, dass solche Reklame für das platte Land passe wie die Schminke auf die Lippen eines westfälischen Mädchens. (3) Die seit 1950 in drei Auflagen gedruckte Flugschrift „Reklame-Kultur? Heimatpflege oder Verkrämerung des öffentlichen Raumes“ stellte so etwas wie die Krönung der Münker’schen Kampagne dar. Außenreklame ist heute, ganz in seinem Sinne, (an vielen Orten) intensiv reguliert. Ihm ist es zum großen Teil zu verdanken, dass keine Werbung auf die Güterwaggons der Bundesbahn aufgebracht wurde und Reklameschilder von den Autobahnbrücken entfernt wurden.
Das Horrorszenario, das Münker umtrieb, hatte einen Namen: Amerika. Es stand für ihn für die kalte, moderne und materialistische Welt, die er ablehnte. So wandte er sich auch vehement gegen die Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes. Dadurch wüchsen die Genusssucht und die Übersättigung von früh auf.

Initiative zur Rettung des Laubwaldes

Weil ihm der Erhalt der Heimat und ihrer Natur ein wichtiges Anliegen war,
bezeichnete Münker jeden Erlös auf Kosten des Heimatbildes als „unreines Geld“. Er war auch Leiter des „Ausschusses zur Rettung des Laubwaldes“. Sein Verdienst war es, schon sehr früh die Gefahren der „Verfichtung durch Stangenfabriken“ mit der dadurch bedingten Bodenversauerung und Verschlechterung des Wasserhaushaltes erkannt und ihr mit der Forderung nach Laubmischwäldern entgegengetreten zu sein. 1947 war er Mitbegründer der „Schutzgemeinschaft Deutscher Wald“.
Er forderte: „Bodenwuchskraft, Wassermenge und Erholungswert sind wichtiger als höhere, vorübergehende Erlöse der Waldbesitzer. Darum Zukunft über Gegenwart – naturnaher, krisenfester Mischwald über Nadelkunstforst“, und er stellte fest: „Innerlich nicht gesunder Wald rächt sich wie alle Vergewaltigung der Natur, schafft unausweichlich klagende Enkel und fluchende Urenkel“. – Geradezu prophetische Worte!
1958 gründete er die „Wilhelm-Münker-Stiftung für Gesundheit, Wandern, Naturschutz und Heimatpflege“ und veröffentlichte das 400-seitige Buch „Dem Mischwald gehört die Zukunft – Über 200 fachmännische Stimmen für den Umschwung vom Nadelreinbestand zum naturgemäßen Wirtschaftswald“. Jahrzehntelang nahm er in Veröffentlichungen, auch im „Siegerländer Heimatkalender“ und in der Zeitschrift „Siegerland“, zu allen ihn bewegenden Themen Stellung. Seine Heimatstadt Hilchenbach zeichnete Wilhelm Münker am 29. November 1944 als erste Person überhaupt mit der Ehrenbürgerwürde aus,jedoch war im Dritten Reich inzwischen die Aushändigung von Ehrenbürgerurkunden generell bis zum Kriegsende untersagt worden.

Schwierige Position im Dritten Reich

Münker rechtfertigte diese Auszeichnung im Nachhinein durch sein couragiertes Auftreten in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Ihm war klar, dass schon wenige auf den Stadtkern gezielte Granaten oder Brandbomben genügt hätten, um eine Wiederholung der Brandkatastrophen von 1689 und 1844 auszulösen. Am 5. April 1945 wanderte er nach Burgholdinghausen, um Walter Neuser, dem damaligen Kreisleiter der Siegerländer NSDAP, die Sinnlosigkeit eines weiteren Widerstandes gegen die anrückende Infanterie der US-Army deutlich zu machen. Sowohl diese als auch weitere Vorsprachen bei militärischen und politischen Entscheidungsträgern in den folgenden Tagen blieben erfolglos.
In der Nacht vom 8. (Sonntag) auf den 9. April 1945 verstärkten die Amerikaner den Artilleriebeschuss. In der Nähe des Hilchenbacher Marktes brannte bereits der Dachstuhl von „Kläwes Hus“, und wenig später griff in den Lederwerken ein von Wehrmachtssoldaten absichtlich herbeigeführtes Großfeuer um sich. Münker eilte mit dem Küster zur Kirche, um die Sturmglocke zu läuten. Jemand meinte, jetzt müsse endlich die weiße Fahne gehisst werden, damit die Amerikaner das Artilleriefeuer einstellten. Münker lief wieder zum Küster und forderte ihn auf, ein großes weißes Tuch an eine lange Stange zu nageln, um diese Fahne bei Tagesanbruch aufzuziehen.
Beim Morgengrauen hörte der Beschuss plötzlich auf. Münker ging dann in der Kirchstraße auf die erste amerikanische Patrouille zu und versicherte, dass kein deutscher Soldat mehr in Hilchenbach sei. Entsprechend verhielt er sich gegenüber einer zweiten Patrouille. Noch am Vormittag des 9. April rückten größere Verbände der Amerikaner in Hilchenbach ein. Wilhelm Münker hatte seine Stadt durch sein mutiges und selbstloses Verhalten gerettet. Ein damaliger Volkssturmmann berichtete 1991 sogar, dass nicht viel gefehlt hätte und Münker, von deutschen Soldaten vor ihrem Abzug bereits als Verantwortlicher für das Hissen der weißen Fahne festgenommen, wäre deswegen erschossen worden. (4)

Engagement im DJH

Von 1945 bis 1949 war Münker erneut Geschäftsführer des wieder in seinem Wohnhaus in Hilchenbach untergebrachten DJH-Dachverbandes. Nach Renovierung und Erweiterung diente die Jugendherberge auf dem Galgenberg seit 1951 wieder ihrem ursprünglichen Zweck. Anlässlich einer DJH-Feierstunde auf Burg Altena wurde Münker am 30. Oktober 1949 zum Ehrenmitglied ernannt. Ehrenmitglied war er auch im Deutschen Naturschutzring, im Verband Deutscher Gebirgs- und Wandervereine sowie im Siegerländer
Heimatverein. Am 21. Juli 1962 wurde ihm als erstem Träger überhaupt die Freiherr-vom-Stein-Medaille in Gold von der gleichnamigen Hamburger Stiftung verliehen. Nach der kommunalen Neugliederung bestätigte der neue Rat der Stadt Hilchenbach am 29. November 1969 urkundlich die Ehrenbürgerwürde. (5)

Kampf gegen den Bierbrunnen"

Auch im hohen Alter ließ Wilhelm Münker nicht locker, wenn ihm etwas bekannt wurde, das seinen Grundprinzipien zuwider lief. Schriftlich gut dokumentiert ist z. B. Münkers Beharrlichkeit, mit der er auf Veränderungen reagierte, die sich Ende der 1950er-Jahre in Krombach zutrugen. So war es ihm bereits ein Dorn im Auge, dass hier 1958 an den Ortseingängen mit großen Schildern an den Straßenrändern für das „Dorf des Bieres“
geworben wurde. Auch der in der Krombacher Poststelle seit dem 4. März 1958 eingesetzte runde Handwerbestempel mit dem Textzusatz „Dorf des Bieres“ zog seinen Unmut auf sich. Im wahrsten Wortsinn das Fass zum Überlaufen brachte für ihn jedoch die Nachricht, dass ein von Bernhard Schadeberg gestifteter und von dem bekannten Siegerländer Künstler Hermann Kuhmichel mit zahlreichen Motiven rund um das Thema „Bier“ gestalteter Dorfbrunnen nicht nur den Namen „Krombacher Bierbrunnen“ erhalten, sondern aus ihm auch tatsächlich bei der für den 2. August 1959 geplanten Einweihungsfeier Bier fließen sollte. Da half es auch wenig, dass der Reinerlös dieser Veranstaltung dem „Hilfswerk für Berliner Kinder“ zugute kommen sollte, was Münker nur als „soziales Mäntelchen“ abtat.
Mit den Werbeschildern im öffentlichen Raum und Bier kamen hier für den Plakatierungsgegner und Abstinenzler Wilhelm Münker gleich zwei rote Tücher zusammen. Er nahm fortan kein Blatt vor den Mund und prangerte z. B. in einem Schreiben an den Siegerländer Heimatverein die „Großmannssucht der Brauerei“ an. In einem anderen Brief schrieb er von einem „Reklamemachwerk“. Mit Briefbögen der von ihm geleiteten „Arbeitsgemeinschaft gegen die Auswüchse der Außenreklame“ stellte er u. a. gegenüber der Kreisverwaltung die Genehmigung des Brunnenstandortes in einer gefährlichen Kurve direkt an der Ortsdurchfahrt in Frage und verlangte auch die Entfernung der „Dorf-des-Bieres“-Schilder. In Abstimmung mit dem Krombacher Hauptlehrer a. D. Adolf Wurmbach verfassten der aus Krombach gebürtige Klafelder Erich Schmidt, Pfarrer im Geisweider Wenscht, und Münker Leserbriefe an die drei heimischen Zeitungen. (6)

Frühe Einsicht in Gefahr der Fichten-Monokultur

Den Bierbrunnen gibt es immer noch, an einem neuen Standort vor der Krombacher Braustube, während die für das „Dorf des Bieres“ werbenden Straßenschilder und Poststempel inzwischen längst Geschichte sind – im Nachhinein also zumindest doch noch ein verspäteter Teilerfolg für die damalige Argumentation Wilhelm Münkers.
Geradezu als Fanal führte er in seinem im Siegerländer Heimatkalender 1968 erschienenen Aufsatz „Wo der Schuh drückt“ im Zusammenhang mit dem „naturwidrigen Fichtenkunstforst“ die „unheimliche Dürre“ des Jahres 1959 an. „Wenn nun gar zwei solcher Jahre hintereinander kämen? Es gäbe eine Katastrophe von gar nicht vorstellbarem Ausmaß.“ Ganz ohne Anzeichen für Altersmilde und geradezu als eine Art Vermächtnis lesen sich heute trotz seines damals benutzten Wortschatzes die letzten Absätze dieses Aufsatzes: „Nicht dem Ungeist des Genießens und des Draufloslebens erliegen; trotz aller Geistesverwirrung gegen den Strom schwimmen; an den Endsieg des Guten glauben; die Naturabtrünnigkeit auf der ganzen Linie als eines der schlimmsten Übel erkennen; nicht müde werden im Aufklären, Opfern und Vorleben! Es geht, das möge sich jeder Einzelne vorhalten, darum, ob unsere Nachfahren im Jahr 2000 rückschauend sagen sollen: Ströme von Blut und endloses Leid haben die zwei Weltkriege unserem Vaterland gebracht. Weit schlimmer aber – vielleicht dutzendfältig schlimmer – ist das, was uns die Überflußjahre um die Mitte des Jahrhunderts an Volksgesundheit, Arbeitskraft, Zufriedenheit und echtem Menschenglück, wie mit einer babylonischen Verwirrung an Körper und Geist, gekostet haben!“

Hilchenbach: Erinnerung an Ehrenbürger

Die Stadt Hilchenbach erinnert an ihren Ehrenbürger zum Beispiel mit einem Gedenkstein und einer dazugehörige Buche. Bereits seit 1971 trägt in Hilchenbach die 1933 eingeweihte Jugendherberge seinen Namen. Es ist zu wünschen, dass dieses seit 2012 von der Initiative für Freizeit, Bildung und Erziehung (IFBE) betriebene Haus trotz der Auswirkungen der Corona-Krise auch in Zukunft erhalten bleibt, denn Hilchenbach ohne eine „Wilhelm-Münker-Jugendherberge“ wäre eigentlich undenkbar. Die SGV-Abteilung Hilchenbach betreibt im Insbachtal in Allenbach die „Wilhelm-Münker-Hütte“ und der „Jugendhof Wilhelm Münker“ in Arnsberg ist offizielles Gästehaus und Bildungsstätte des SGV.
Zu Ehren Münkers wurde der 93 Kilometer lange „Wilhelm-Münker-Weg“ (Hauptwanderweg X10) von Warstein nach Hilchenbach geschaffen. Bereits am 15. Mai 1974, dem 100. Geburtstag von Jugendherbergsvater Richard Schirrmann, erschien eine Sonderbriefmarke der Deutschen Bundespost zum Thema „Wandern gibt Lebensfreude“, die ausdrücklich auch dem 100. Geburtstag von Wilhelm Münker gewidmet war. Noch vor Peter Paul Rubens und Adolph Diesterweg war Wilhelm Münker also der erste gebürtige Siegerländer, dem die Deutsche Bundespost ein offizielles Postwertzeichen widmete. (7)

Ein Postwertzeichen für Münker

Ihm zu Ehren führte das Postamt 5912 Hilchenbach 1 Ende 1974 für mehrere Wochen einen runden Handwerbestempel. Auch die am 13. August 2009 erschienene Sonderbriefmarke „100 Jahre Jugendherbergen“ darf durchaus als Würdigung seines Lebenswerks verstanden werden.
Reizvoll bleibt nach diesem Rückblick auf das Leben und Wirken Wilhelm Münkers die Beschäftigung mit der Frage, welche Positionen er wohl heutzutage zu aktuellen Themen wie z. B. Klimawandel,
Artensterben, mehrjährige Borkenkäferkalamitäten und Windkraftanlagen in den heimischen Wäldern einnehmen würde … Wilfried Lerchstein
Anmerkungen:
3) Uekötter, Frank: „Naturschutz im Aufbruch – Eine Geschichte des Naturschutzes in Nordrhein-Westfalen 1945–1980“, Frankfurt am Main, 2004, S. 37–56
4) Elkar, Rainer S.: „Menschen – Häuser – Schicksale, Hilchenbach zwischen Monarchie, Diktatur und Republik“, Kreuztal 1992, S. 279 –287
5) Müller, Dr. Wilhelm: „Weg-Weiser und Wanderer, Wilhelm Münker, ein Leben für Heimat, Umwelt und Jugend“, Detmold 1989, 151 Seiten
6) Schmidt, Erich: Privatsammlung in: Stadtarchiv Kreuztal, Ordner Nr. 54/rot „Kreuztal/Krombach/Brauerei“
7) Ohne Autor: „Ihr Lebenswerk war ein Beitrag für den Frieden“, in: „Unser Heimatland 1974“, Siegen 1974, S. 89 –90

Autor:

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