Feriendorf Müsen: Leben, wo andere Urlaub machen
"Wir fühlen uns wie im Paradies"

Leben im Grünen – auch wenn der Wald am oberen Bildrand inzwischen großteils dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen ist: Das Feriendorf Müsen ist faktisch längst in den Händen der dauerhaften Bewohner.
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  • Leben im Grünen – auch wenn der Wald am oberen Bildrand inzwischen großteils dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen ist: Das Feriendorf Müsen ist faktisch längst in den Händen der dauerhaften Bewohner.
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js Müsen. Herrlich ruhig ist es an diesem Juliabend hoch oben über Müsen. Kein Autolärm dringt auf die Terrasse. Der Lärm der Motorsägen, den die Borkenkäferplage zuletzt über das Tal schallen ließ, ist verflogen. Allein die Vögel zwitschern lauthals um die Wette. „Wir leben da, wo andere Urlaub machen“, bedient sich Guido Frommann einer gern genutzten Redewendung, die in seinem Fall ausgesprochen zutreffend ist. Der 54-Jährige ist Vorsitzender der Interessengemeinschaft Feriendorf Hilchenbach-Müsen (IGFM) und lebt mit seiner Frau Angelika mitten drin im „Erholungsgebiet Stahlberg“.

Am Wäschebach, Am Neuen Schacht, An der Erzwäsche, Haldenweg: Die Straßennamen der kleinen Siedlung, die bis zum Käferkahlschlag noch von dichtem Grün umrandet war, erzählen von der Geschichte des Feriendorfs. Auf dem Gelände der vor 90 Jahren geschlossenen Stahlberggrube entstand ab Mitte der 70er-Jahre eine Wohnanlage mit Weitblick, sowohl im übertragenen als auch im wörtlichen Sinn. Die Grundidee stammte aus der Zeit vor der Kommunalreform, als die Gemeinde Müsen noch eigenständig war und für das abgeschlossene Bergbaukapitel eine sinnvolle Folgeerzählung suchte.

"Wir fühlen uns
wie im Paradies."

Bewohner der ersten Stunde (1976)
über das Feriendorf Müsen

Der Hüttenweiher wurde zum Naturfreibad, der Hang darüber sollte für Touristen erschlossen werden – nicht nur mit einem Zeltplatz, sondern eben auch mit einer Ferienhaussiedlung. Ein paar Anläufe waren nötig, bevor ein Bottroper Unternehmen Fakten schuf. Zunächst entstanden 65 Häuser, die Großstädtern von Rhein und Ruhr eine in einer guten Autobahnstunde entfernte Entspannungs-Oase bot. Die ersten Häuser wurden 1976 bezogen, „Winnetou“ und „Robinson“ lauteten die verheißungsvollen Bezeichnungen der beiden Typen von Nur-Dach-Exemplaren. „Absolute Stille“ zwischen 22 und 7 Uhr schrieb das Dorfgesetz von damals vor. „Wir fühlen uns wie im Paradies“, zitiert die SZ einen Bewohner der ersten Stunde.

Familien brachten Leben ins Feriendorf

Vor allem Familien mit Kindern waren es, die damals Leben ins Feriendorf brachten. Zwei bis vier Tage Aufenthalt pro Monat – das war der Schnitt, den Schüler des Gymnasiums Stift Keppel 1980 in einer Befragung ermittelten. Eine Durchmischung mit der alteingesessenen Dorfbevölkerung fand nicht statt. „Die Müsener hielten die Ferienhausbewohner für hochnäsig“, schmunzelt Heike Müsse. Sie selbst stammt aus Müsen und hat es eines Tages ins Feriendorf gezogen, ist nun im Vorstand der Interessegemeinschaft aktiv. Inzwischen, so sagt sie, habe sich das gewandelt – viele Ferienhausbewohner sind fest im Dorf- und Vereinsleben integriert.

In den frühen 80ern wuchs das Feriendorf auf heutige Größe an, insgesamt 130 Häuser zählt die Anlage, die mit Spiel- und Tennisplätzen garniert wurde. Für bis zu 170 000 DM wurden die Häuschen damals angeboten, 1983 waren sie ausverkauft. Nach und nach kam der Wandel: Aus Feriengästen wurden Dauerbewohner, schleichend wuchs die Zahl derer, die ihren Erstwohnsitz auf dem einstigen Grubengelände anmeldeten. Die Bau- und Betreiberfirma Hein ging wegen konjunktureller Probleme auf dem Immobilienmarkt in die Knie, meldete 1987 Konkurs an. Die Hausbesitzer taten gut daran, sich in dieser turbulenten Zeit selbst zu organisieren. Sie gründeten die Interessengemeinschaft.

Für sechsstelligen Betrag aus Konkursmasse gekauft

Für einen sechsstelligen Betrag kaufte die Stadt Hilchenbach das Feriendorf aus der Konkursmasse. Grund und Boden waren ohnehin bereits ihr Eigentum, über Erbpachtverträge hatte sie es den Hausbesitzern überlassen. Diese kauften der Kommune ihre Parzellen ab. Und viele weitere blieben, nicht nur in den Ferien und am Wochenende. Schon Mitte der 90er wurden Forderungen laut, den Bebauungsplan an die Realität anzupassen, die Siedlung offiziell in ein Wohngebiet umzuwidmen.

Die Interessengemeinschaft wirbt für eine Anpassung des Bebauungsplans an die Realität: Jens Röser, Angelika und Guido Frommann und Heike Müsse (v. l.)
  • Die Interessengemeinschaft wirbt für eine Anpassung des Bebauungsplans an die Realität: Jens Röser, Angelika und Guido Frommann und Heike Müsse (v. l.)
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Dagegen wiederum liefen andere Sturm, gründeten die „Initiative zur Erhaltung des Feriendorfes“.
Immer wieder gab es Reibungspunkte zwischen Bewohnern und Behörden. Ein Erstwohnsitz-Verbot ließ sich nicht durchsetzen, wohl aber gab es wiederholt Streit um zu große Nebenbauten, Gauben und ungenehmigte Stellplätze. 2002 waren gar 43 Anlagen vom Abriss bedroht.

Klärungsbedarf bei Winterdienst- und Abfallgebühren

Klärungsbedarf gab es zudem bei Winterdienst- und Abfallgebühren, teils vor Gericht. Inzwischen sind 90 Prozent der Ferienhäuser dauerhaft bewohnt. Senioren leben hier, aber auch „mittelalte“ und jüngere Paare, selbst Familien haben sich mit den zwischen 60 und 75 Quadratmeter kleinen Häusern arrangiert. „Man muss kreativ sein und sich manche Möbel passgenau selbst bauen“, schmunzelt Jens Röser, Schriftführer des Vereins. Auch der Stadt dürfte die Dauernutzung gelegen sein – massive Leerstände will hier oben niemand haben, die Feriendörfler pflegen ihre Anlagen in Eigenregie, verknausern auch Nachteile: „Im Dunkeln brauchen wir Taschenlampen“, lacht Heike Müsse. Wegebeleuchtung gibt’s nun einmal nicht. Obst und Gemüse anzubauen ist wegen der Bodenbelastung problematisch.

Die IGFM, in der 68 Häuser organisiert sind, wird in Kürze ihre Mitglieder zusammentrommeln. Der Vorstand will ein Votum einholen, möchte bei Stadt und Kreis noch einmal dafür werben, das Planungsrecht an die Realität anzupassen. Ein Wohngebiet zu werden, sei nicht das Ziel, berichtet Frommann. Der Bebauungsplan sei indes längst überholt. Die ursprüngliche Nutzung sei heute nicht mehr denkbar. Beispiel: Photovoltaik sei zwar wegen der Dachausrichtungen kaum Thema im Feriendorf. „Vielleicht möchte aber mal jemand eine Luftwärmepumpe einbauen.“ Eine solche aber könne als Nebenanlage gewertet werden – und sei damit nicht erlaubt. Und, das wünscht sich Heike Müsse: „Der Erstwohnsitz im Feriendorf sollte nicht nur geduldet werden, sondern offiziell genehmigt.“

Leben im Grünen – auch wenn der Wald am oberen Bildrand inzwischen großteils dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen ist: Das Feriendorf Müsen ist faktisch längst in den Händen der dauerhaften Bewohner.
Die Interessengemeinschaft wirbt für eine Anpassung des Bebauungsplans an die Realität: Jens Röser, Angelika und Guido Frommann und Heike Müsse (v. l.)
Autor:

Jan Schäfer (Redakteur) aus Siegen

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