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Hammer-Attacke auf Mudersbacher Kirmes
66-Jährige bleibt straffrei

Die Hammer-Attacke auf der Mudersbacher Kirmes im Oktober 2018 bleibt ungesühnt. Die angeklagte Johanna K.  ist nicht schuldfähig.
  • Die Hammer-Attacke auf der Mudersbacher Kirmes im Oktober 2018 bleibt ungesühnt. Die angeklagte Johanna K. ist nicht schuldfähig.
  • Foto: Archiv
  • hochgeladen von Klaus-Jürgen Menn (Redakteur)

damo Mudersbach. Die junge Frau da vorne ist bei ihrem Freund, dem Metzger, in ganz schlechten Händen, das wird nicht gut enden. Hey, die besoffenen Jugendlichen machen ja alles kaputt! Und da, in der Geisterbahn, lauert doch eine große Gefahr für die Kinder. Wieso sehen das die Eltern denn nicht?
All das hat Johanna K. im Kopf, als sie an einem Sonntagmittag im Oktober 2018 über den Mudersbacher Kirmesplatz läuft. Umstehende beschreiben sie als aufgeregt, verwirrt – aber ist das ein Wunder? Denn all das, was die damals 64-Jährige da sieht, macht ihr Angst. Aber zumindest die Kinder könnte sie doch schützen...

damo Mudersbach. Die junge Frau da vorne ist bei ihrem Freund, dem Metzger, in ganz schlechten Händen, das wird nicht gut enden. Hey, die besoffenen Jugendlichen machen ja alles kaputt! Und da, in der Geisterbahn, lauert doch eine große Gefahr für die Kinder. Wieso sehen das die Eltern denn nicht?
All das hat Johanna K. im Kopf, als sie an einem Sonntagmittag im Oktober 2018 über den Mudersbacher Kirmesplatz läuft. Umstehende beschreiben sie als aufgeregt, verwirrt – aber ist das ein Wunder? Denn all das, was die damals 64-Jährige da sieht, macht ihr Angst. Aber zumindest die Kinder könnte sie doch schützen...

Verstörende Bilder im Kopf

Wie sie versucht hat, die Kinder vom Kirmesplatz zu verscheuchen, ist mittlerweile hinlänglich bekannt: Lautstark rufend und mit einem Hammer, den sie über ihrem Kopf schwingt, stürmt Johanna K. auf die Kinder und ihre Eltern zu. Natürlich jagt sie den beiden Familien einen fürchterlichen Schrecken ein – schließlich ist es für alle anderen Besucher des Volksfests ein ganz normaler Sonntagmittag auf der Kirmes. Die verstörenden Bilder hat einzig und allein Johanna K. in ihrem Kopf.
„Sie hat keine Alternative gesehen“, sagt der psychiatrische Gutachter und spricht von einer schizo-affektiven Störung, von manischen und von depressiven Phasen, von Verfolgungswahn und Halluzinationen. All das plagt Johanna K. im Herbst 2018 schon seit geraumer Zeit. Sie hat eigenmächtig ihre Medikamente abgesetzt, landet dann und wann in der Wissener Psychiatrie, aber fällt, wenn sie wieder allein zu Hause ist, stets in ein neues Loch. „Wie ein Nebel“ sei ihre Depression, berichtet sie dem Gutachter in einem Gespräch in der Klinik.
Dr. Ingo Weisker kennt solche Fälle, schließlich ist er Ärztlicher Leiter der Rhein-Mosel-Fachklinik. Und er weiß auch, dass die Wahnvorstellungen seiner Patienten furchtbar real erscheinen können. Hat Johanna K. also an diesem Tag auf der Kirmes Schuld auf sich geladen? Nein, sagt der Gutachter, sie sei absolut außerstande gewesen, ihr Verhalten zu steuern. „Eine Einsicht in das Unrecht ihrer Tat war ihr nicht möglich.“

Psychiater korrigiert erstes Gutachten

Nun will der Gesetzgeber nicht nur Schuld sühnen: Das Strafgesetzbuch hat auch den Anspruch, potenzielle Opfer zu schützen. Und so war es an Dr. Weisker, der 4. großen Strafkammer des Landgerichts die zentrale Frage des Prozesses zu beantworten: Geht von Johanna K. eine Gefahr für ihre Mitmenschen aus?
In seinem schriftlichen Gutachten hatte der Psychiater diese Frage noch bejaht: Es sei damit zu rechnen, dass Johanna K. nochmal die Sicherungen durchbrennen könnten. Allerdings: Während des Prozesses hat Dr. Weisker neue Erkenntnisse gewonnen – insbesondere die Aussage des gesetzlichen Betreuers hat ihn bewogen, seine Einschätzung zu korrigieren. Der Betreuer hatte berichtet, dass Johanna K. seit geraumer Zeit in einem Heim lebe, das auf den Umgang mit psychisch Kranken spezialisiert sei, und dass Johanna K. dort gut untergebracht sei. Und so kam Dr. Weisker zu dem Schluss, dass man neuerliche Taten zwar nicht ausschließen könne, sie aber nicht sehr wahrscheinlich seien.
Das griffen auch Staatsanwältin Anna-Maria Heidrich und Verteidigerin Sandra Jung in ihren Plädoyers auf. Beide revidierten zuerst die Anklageschrift: Es sei nicht von einer versuchten gefährlichen Körperverletzung auszugehen, sondern allenfalls von einer Bedrohung. Und diese sei aber nicht zu bestrafen, weil Johanna K. nicht schuldfähig sei. Noch wichtiger aber: Johanna K. sei nicht gefährlich, also dürfe man sie auch nicht in eine geschlossene forensische Klinik einweisen. Die Kammer um Richter Torsten Bonin folgte dieser Einschätzung: Johanna K. bleibt straffrei – und vor allem da, wo sie sich nach eigener Aussage wohlfühlt.
„Da bin ich gut aufgehoben, da wird auf mich aufgepasst“, sagte sie. „Da gibt es ein Sozialteam, die sind für uns da.“ Und: „Die fahren sogar mit uns zur Kirmes.“

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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