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Jugendherberge hat „falschen" Träger
Allen wird geholfen - nur der Freusburg nicht

Über der Freusburg thront nur noch der Giebelwald. Wie alle anderen Jugendherbergen kämpft auch sie derzeit ums nackte Überleben. Allerdings sind aus Mainz keinen finanziellen Hilfen zu erwarten. Foto: rai
  • Über der Freusburg thront nur noch der Giebelwald. Wie alle anderen Jugendherbergen kämpft auch sie derzeit ums nackte Überleben. Allerdings sind aus Mainz keinen finanziellen Hilfen zu erwarten. Foto: rai
  • hochgeladen von Thorsten Stahl (Redakteur)

thor Freusburg. Würde Heinrich IV. von Sayn noch leben, er würde vermutlich in diesem Moment all seine Mannen zur Waffenschau versammeln. Alsdann würde es gegen Mainz gehen, zum Rachefeldzug. Nun ist der Graf seit über 400 Jahren tot und die Zeit der Schwerter und Hellebarden lange vorbei – der Sturm der Entrüstung wird aber der gleiche sein. Die rheinland-pfälzische Landesregierung hat gestern ein Hilfsprogramm für Träger der Kinder- und Jugendhilfe mit Beherbergungsbetrieb vorgestellt, wozu auch Jugendherbergen gehören. Die Freusburg allerdings bleibt bei diesem Rettungsschirm außen vor – weil sie zum Landesverband Westfalen-Lippe des Deutschen Jugendherbergwerks gehört. Ein entsprechendes Vorgehen bestätigte das Mainzer Familienministerium auf Nachfrage der Siegener Zeitung.

thor Freusburg. Würde Heinrich IV. von Sayn noch leben, er würde vermutlich in diesem Moment all seine Mannen zur Waffenschau versammeln. Alsdann würde es gegen Mainz gehen, zum Rachefeldzug. Nun ist der Graf seit über 400 Jahren tot und die Zeit der Schwerter und Hellebarden lange vorbei – der Sturm der Entrüstung wird aber der gleiche sein. Die rheinland-pfälzische Landesregierung hat gestern ein Hilfsprogramm für Träger der Kinder- und Jugendhilfe mit Beherbergungsbetrieb vorgestellt, wozu auch Jugendherbergen gehören. Die Freusburg allerdings bleibt bei diesem Rettungsschirm außen vor – weil sie zum Landesverband Westfalen-Lippe des Deutschen Jugendherbergwerks gehört. Ein entsprechendes Vorgehen bestätigte das Mainzer Familienministerium auf Nachfrage der Siegener Zeitung.

Umsatz auf null gesunken

Dass die Jugendherbergen seit Beginn der Pandemie-Einschränkungen in ganz Deutschland in eine große Schieflage geraten sind, ist bekannt. „Durch diese Schließungen und das Verbot von Klassenfahrten ist unser Umsatz quasi über Nacht auf null gesunken“, hatte Wolfgang Büttner, Geschäftsführer des DJH-Landesverbands Westfalen-Lippe, vor einigen Wochen in einer Art Brandbrief berichtet. Und zugleich auch die Perspektive für die Einrichtungen aufgezeigt: „Ohne Hilfe werden wir die Krise nicht überstehen.“ Die Liquidität nehme rapide ab.

Land gibt 9 Mill. Euro

Zu eben dieser Hilfe hat sich nun Rheinland-Pfalz entschlossen. Familienministerin Anne Spiegel und ihre Kollegin aus dem Finanzressort, Doris Ahnen, erläuterten gestern die Einzelheiten. Konkret können die Träger einen Zuschuss erhalten, der ihre unabweisbaren Ausgaben in der Zeit von April bis Juni zur Absicherung der Einrichtung und der Verhinderung ihrer Insolvenz abdeckt. Das Volumen der Landeshilfen umfasst insgesamt 9 Mill. Euro.

"Nicht primär für den Tourismus"

Unter das Hilfsprogramm fallen die Jugendherbergen, Familienferienstätten, die Jugendbildungsstätten, die Einrichtungen des Jugendwohnens, die Naturfreundehäuser, die Wanderheime sowie die Jugendzeltplätze. Damit können nach Angaben des Landes insgesamt rund 180 Einrichtungen die finanziellen Mittel in Anspruch nehmen, wenn die entsprechenden Voraussetzungen vorliegen. „Diese Beherbergungsangebote sind jeweils nicht primär für den Tourismus gedacht, sondern unterbreiten Angebote speziell für junge Menschen, Familien, Schulklassen und Jugendeinrichtungen. Sie haben eine spezifische pädagogische Ausrichtung und Zielrichtung“, heißt es in der offiziellen Mitteilung.

Bereits im Vorfeld der Pressekonferenz hatte die SZ explizit die Sonderrolle der Freusburg hinterfragt. „Die werden sich schon an Nordrhein-Westfalen wenden müssen“, lautete die Antwort aus der Pressestelle des Familienministeriums, nachdem Rücksprache mit der Fachabteilung gehalten worden war.

Zum Siegerland zählend

Die Freusburg, seit 1928 eine Jugendherberge, wird nun aber Opfer ihrer geografischen Lage bzw. der Zugehörigkeit. Schon immer wurde sie von Westfalen aus geleitet, wo man sie zu den Häusern des Siegerlands zählte – was am Fuße des Giebelwalds auch eine durchaus zutreffende Einordnung ist. Die Sonderrolle der Burg hatte dazu geführt, dass sie oftmals in rheinland-pfälzischen Veröffentlichungen überhaupt nicht auftaucht. Hinter Bad Marienberg kommt eine große weiße Fläche. Nur bei den amtlichen Übernachtungszahlen taucht die Freusburg in den Statistiken auf. Den vielen Freunden der Herberge war dieser Formalismus egal: Wer sie finden wollte, hat sie immer gefunden.

Eigentlich auf gutem Weg

Unter der Leitung von Jürgen Hof war die Freusburg zuletzt auf bestem Weg, an alte Glanzzeiten anzuknüpfen. Die Buchungen für das laufende Jahr waren hervorragend – bis das Virus kam. Seitdem sind alle Zahlen und Prognosen Makulatur. Hof konnte die von der SZ überbrachte Nachricht aus Mainz zunächst gar nicht glauben. In einem Gespräch zuvor war er fest davon ausgegangen, dass auch die Freusburg vom Hilfsprogramm profitieren werde. Bei der Förderung von Firmen werde doch auch geschaut, wo das Unternehmen ansässig sei.

Vorgaben aus Rheinland-Pfalz

„Wir unterliegen ja auch sonst allen Vorgaben von Rheinland-Pfalz“, sagte der Herbergsleiter. So darf die Freusburg z. B. ab dem 18. Mai wieder öffnen, in NRW öffnen sich die Türen erst drei Tage später. Überhaupt habe kein Landesbeamter aus dem Nachbarland, auch wenn hier der Träger beheimatet ist, irgendwelche Befugnisse auf der Freusburg, so Hof. Eine offizielle Stellungnahme vom DJH-Landesverband war nicht zu erhalten, die Geschäftsstelle in Hagen ist aufgrund der Kurzarbeit freitags verwaist.

Ortsvorsteher: "Dicker Hund"

Freusburgs Ortsvorsteher Michael Bauer bezeichnete die Nicht-Berücksichtigung als „dicken Hund“. Natürlich liege die Jugendherberge in Rheinland-Pfalz: „Da muss man die Kirche mal im Dorf lassen, und das im wahrsten Sinne des Wortes.“ Bauer kündigte an, das Gespräch mit Hof zu suchen, aber auch mit der Stadt und der Verbandsgemeinde. „Dann schauen wir mal, was wir noch machen können.“ Stadtbürgermeister Andreas Hundhausen kündigte ebenfalls an, noch am Wochenende alle Beteiligten zu einem Treffen einzuladen.

Der „Worst Case“ ist dabei schon klar: Sollte man sich in Düsseldorf zu einem ähnlichen Rettungspaket für derartige Einrichtungen entschließen, könnte die Freusburg zwischen alle Stühle geraten, sprich: Die NRW-Landesregierung könnte die Frage aufwerfen, warum sie eine Jugendherberge in Rheinland-Pfalz unterstützen sollte.

Haus Marienberge bekommt Hilfe

Nun ist die Freusburg im Oberkreis nicht die einzige Einrichtung mit guten Beziehungen zum Nachbar-Bundesland, auch das Haus Marienberge in Elkhausen ist dort fest verwurzelt, zahlreiche Gruppen kommen aus dem Rheinland und dem Ruhrgebiet. Auch hier ist die wirtschaftliche Not derzeit immens groß. Und ja, sollten die Voraussetzungen erfüllt sein, könne das Haus Marienberge mit Unterstützung rechnen, so das Ministerium.

Was man wiederum hoch über dem Siegtal jetzt interessiert zur Kenntnis nehmen dürfte, denn: Träger ist hier der Verein für Familienerholung Marienberge mit Sitz in Elkhausen, im Vereinsregister ist man allerdings – wie bei der Freusburg – aus „historischen“ Gründen in Essen-Borbeck eingetragen. Und noch liegt das Ruhrgebiet nicht in Rheinland-Pfalz.

Autor:

Thorsten Stahl (Redakteur) aus Betzdorf

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