Als Schützenfeste noch Ereignisse waren

Die Volksfeste in der Sieggemeinde (Teil 2)/Arbeiter der Fa. Jung hatten früh Feierabend

thor Kirchen. Nachdem in der vergangenen Woche Kirchens »kriegerische Seite« in den Vordergrund gestellt wurde, soll heute von etwas zivileren Feiern berichtet werden. Im Übrigen gab es nicht nur hier einen Kriegerverein, und die Sehnsucht nach den Verhältnissen der Kaiserzeit war nach dem Ersten Weltkrieg überall in Deutschland weit verbreitert.

Dennoch hat auch der nächste Verein mit Schießen zu tun. 1876 setzten sich neun Kameraden zur Gründung des ersten Schützenvereins in Kirchen zusammen. Wann genau das erste Schützenfest gefeiert wurde, ist leider nicht überliefert. Ab 1890 sind aber fast alle Schützenkönige bekannt, darunter 1899 und 1900 Bürgermeister Ernst Schulz. Der erste Schießstand hat sich wohl auf der Kircherhütte befunden, wie Henning Plate vom Heimatverein berichtet.

Im März 1911 wurde von den Schützen folgender Beschluss gefasst: »Der Verein soll künftig Schützenverein ,Tell’ Kirchen-Wehbach heißen. Der Schützenkönig hat zum Schützenfest einen Hofstaat von mindestens sechs Paaren zu stellen.« Gefeiert wurde auf der »Sigambria«, wo der große Festzug endete, der traditionell auf dem Kirmesfeld seine Aufstellung genommen hatte und dann bergab zog. Ähnlich wie beim Kriegerverein war auch bei den Schützen die örtliche »Prominenz« in den ersten Reihen zu finden. Als 1924 auch ein Schießstand im Wehbacher Hauberg errichtet wird, können auch hier Feste stattfinden.

In der Nazizeit und vor allem während und nach dem Krieg mussten die Schützen ihre Aktivitäten gewaltig zurückschrauben bzw. ganz einstellen. Erst Anfang der 50er Jahre kam das Vereinsleben wieder in Schwung. 1954 konnten die »Tell«-Mitglieder wieder ihr erstes großes Schützenfest auf der »Sigambria« feiern. Und der Zuspruch zeigte, dass die Kirchener einen großen Nachholbedarf an solchen Volksfesten hatten. Die Gastwirtschaft, der große Saal und der Festplatz hinter den Gebäuden wimmelte drei Tage lang von Menschen. Der »Startschuss« war traditionell um 10 Uhr mit einem Standkonzert am Jägerheim gefallen.

Getragen wurde das Schützenfest nicht nur vom ausrichtenden »Tell« selbst, sondern auch von Vereinen wie dem VfL und dem »Liederkranz«. Und was heute in Kirchen nahezu unvorstellbar ist, war noch vor etwa 30 Jahren eine Selbstverständlichkeit: Am Schützenfest-Montag war es in Firmen üblich, den Mitarbeitern frei zu geben. So auch bei der Fa. Jung, wo spätestens um 10.30 Uhr die Kirchener Arbeiter die Werkbänke verließen, um zur »Sigambria« zu eilen. Die Direktion hatte keinerlei Einwände, war doch der damalige Hauptanteilseigner des Unternehmens, Arnold Hintze, Vorsitzender des VfL und deshalb dem Schützenfest alles andere als abgeneigt.

Auch die Schüler freuten sich auf das Schützenfest. Wenn der Festzug, vom Jägerheim kommend, durch die Lindenstraße marschierte, wurde an der Haupt- und an der Grundschule gestoppt. Abordnungen marschierten in die Lehrerzimmer, das sichere Signal für die Kinder: Schluss mit dem Unterricht – auf zur »Sigambria«.

Bereits 1952 hatte sich in Kirchen ein zweiter Schützenverein gegründet: Die Sportschützen Grindel waren aus dem 1920 aus der Taufe gehobenen Wandersportverein »Fahrende Gesellen« hervorgegangen (die Jubiläumsfeiern zum »50.« im vergangenen Jahr dürften noch in Erinnerung sein). In den 50er Jahren wurde von beiden Vereinen die »Börnches Kirmes« ausgerichtet, benannt nach einem kleinen Brunnen, der noch heute am unteren Grindel sprudelt. Im Rahmen der Kirmes fand ein Vogelschießen statt, ein Festzug marschierte von Kircherhütte durchs Jungenthal, am Buschert vorbei zurück zum Börnchen. Damals hatte der 1952 gegründete Musikverein »Bovenderd« seine ersten öffentlichen Auftritte.

Ebenfalls nur eine Episode im Festkalender von Kirchen blieb der »Michaelis Markt« im Oberdorf. Gefeiert wurde es zwischen 1949 und 1959. Das Fest begann am 30. September, dem Tag des hl. Michael, und endete am darauf folgenden Montag. Auf der Hauptstraße reihten sich zwischen dem Kirchplatz und der Einmündung zur Katzenbacher Straße zahlreiche Verkaufsstände und Buden aneinander. Vor der ehemaligen Gaststätte Morgenschweis stand eine Berg- und Talbahn, eine Schiffsschaukel vor der Bäckerei Euteneuer, und ein Kinderkarussell beim Haus Happ. Im Inken vor dem alten Feuerwehrhaus waren ein Kinderkarussell und ein Autoscooter zu finden. Sehr beliebt war auch das Schubkarrenrennen der männlichen Jugend auf der Hauptstraße.

Heute wird sich mancher mit Wehmut an die großen Volksfeste erinnern. Schon in den 70er Jahren hatte das Interesse am Schützenfest nachgelassen, hinzu kam der Bau des Einkaufsmarkts auf der »Sigambria«. Seit Anfang der 80er Jahre wird es nur noch »intern« gefeiert. Verschwunden ist damit auch ein Stück Gemeinschaftssinn, denn wo können die Kirchener heute noch behaupten, dass es einen speziellen Tag im Jahr gibt, wo Jung und Alt, Reich und Arm zusammen kommen?

Fotos: Heimatverein Kirchen/Josef Kötting

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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