Am Anfang war die »Kleinkinder-Bewahrschule«

Schon Ende des 19. Jahrhunderts entstand in Kirchen der erste Kindergarten/Oft waren An- und Umbauten notwendig

thor Kirchen. Eine urdeutsche Erfindung des 19. Jahrhunderts, die vom Namen her sogar Einzug in den englischen Sprachgebrauch fand, ließ auch in Kirchen nicht lange auf sich warten: die Kindergärten. Allerdings war diese Bezeichnung in früheren Zeiten noch unbekannt. Man sprach eher von »Verwahranstalten« oder auch »Kleinkinder-Bewohnschulen« – Begriffe, bei denen es jeden modernen Pädagogen bzw. jede Erzieherin schaudert. Wann genau mit der Betreuung des Kirchener Nachwuchses in der Gemeinde begonnen wurde, kann nicht mehr genau nachvollzogen werden. Fest steht aber, dass die Erziehung fest in den Händen der Kirchen war.

Eine »Kleinkinder-Bewohnschule« wurde 1895 im kath. St.-Elisabeth-Krankenhaus eröffnet, zehn Jahre nach dessen Einweihung. Pfarrer Merkelbach hatte zuvor einen Antrag in Berlin stellen müssen. Vom »Ministerium für geistliche Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten« kam am 20. April 1895 die Antwort: »Auf den gefälligen Bericht vom 19. März 1895 wollen wir der Genossenschaft der Franziskanerinnen von der Ewigen Anbetung aus dem Mutterhaus zu Mühlheim a.d. Möhne, früher Olpe, widerruflich gestatten, in Verbindung mit der in Kirchen bestehenden Niederlassung daselbst eine Kleinkinder-Bewohnschule neu zu errichten...«

Millionäre spendeten eifrig

Trotz mehrfacher Umbauten und Erweiterungen hatten die Kinder im Krankenhaus bald zu wenig Platz. Da kam eine Schenkung – bekanntlich in Kirchen früher die wirksamste Investitionshilfe – gerade richtig. Der Rentner und Junggeselle Ferdinand Bender, der in der Klotzbach in der Nähe der Siegbrücke eine Lohmühle mit Gerberei betrieb, vermachte der kath. Kirchengemeinde 30000 Reichsmark. So konnte man 1910 mit dem Bau des Pfarrheims in der Kirchstraße beginnen, wo im Untergeschoss der neue Kindergarten untergebracht werden sollte. Schon ein Jahr später wurde das neue Domizil bezogen.

Auch die ev. Gemeinde konnte sich auf ihre begüterten Gemeindeglieder verlassen. 1897 wurden ihr von der Familie Jung ein altes Haus – das letzte mit Strohdach in Kirchen – auf dem Kirchplatz plus 9000 Mark überlassen. Laut Henning Plate vom Heimatverein befand sich in diesem Haus lange Zeit eine »Spelunke der übelsten Art«, die den biederen Kirchenern schon lange ein Dorn im Auge war. Das Gebäude wurde abgerissen, und an gleicher Stelle entstand 1899 das neue ev. Gemeindehaus – im März 1900 zogen die Kinder ein. Die Baukosten von über 40000 Mark wurden überwiegend durch Spenden der Familien Jung, Stein, Kraemer sowie der Damen Emma Kraemer geb. Jung, Emma und Alwine Siebel finanziert.

Das Gemeindehaus sollte als nicht nur als Treffpunkt für die evangelischen Christen dienen, sondern auch eine Funktion als Altenheim und »Kleinkinder-Warteschule« übernehmen. Aber ähnlich wie bei den Katholiken bereiteten auch hier die beengten räumlichen Verhältnisse Probleme. 1930 wurde ein Rundbau an das Gemeindehaus angefügt, um den großen Saal zu erweitern.

Nazis sorgten für Auflösung

Es war damals noch die Zeit der strikten konfessionellen Trennung. Nur ganz selten »verirrte« sich ein kleiner Katholik im ev. Kindergarten oder umgekehrt. Das alles spielte keine Rolle mehr, als 1940 die braunen Machthaber im Zuge der Entkonfessionalisierung – Pfarrer i.R. Hans Fritzsche: »Gemeint war natürlich die Entchristlichung« – beide Kindergärten »dicht« machten. Die Weltanschauung der Nazis sollte schon beim Kleinkind durch die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) anfangen. Der kath. Pfarrer Dr. Funk musste von der Kanzel aus verkünden: »Unser Pfarrkindergarten ist auf behördliche Anordnung mit sofortiger Wirkung geschlossen worden. Begründung: 1. Der Kindergarten sei vor einiger Zeit in einen anderen Raum verlegt, ohne daß die Genehmigung dafür nachgereicht worden sei. 2. Es fehle jede Waschgelegenheit. 3. Die Toiletten-Anlagen seien zu beanstanden.«

Die NSV richtete an der Hauptstraße, in einem ehemaligen Jung-Haus, einen Kindergarten ein. Für einige Mädchen und Jungen war die Kindergarten-Zeit damit vorbei, denn manche Eltern weigerten sich, ihre Sprösslinge dem Einfluss der Nazis auszusetzen. So auch für Werner Panthel vom Heimatverein, dessen Vater zu den Gründern der SPD-Ortsvereins in Kirchen gehörte. Pfarrer Fritzsche erinnert in diesem Zusammenhang an ein »Gebet«, das die Kinder überall in Deutschland aufsagen mussten: »Händchen falten, Köpfchen senken, immer an den Führer denken...« SZ-Leser Eberhard Köhler, der 1948 aus dem Kindergarten entlassen wurde, weiß von seiner Mutter, dass Mütter bei Fliegeralarm im Kindergarten Schutz suchten, wenn sie ihre Kinder abholen wollten.

Mit dem Untergang des »1000-jährigen Reiches« kehrte auch bei den Kindergärten wieder Normalität ein. Die kath. Kirchengemeinde mietete die ehemalige NVS-Stätte an der Hauptstraße zwischen Brunnen und Metzgerei Hermes. Aber es dauerte wiederum nicht lange, bis ein Neubau erforderlich wurde. 1962 stellte die Gemeinde Kirchen neben der »Heringsburg«-Schule kostenlos ein Grundstück zur Verfügung. Im Mai 1963 wurde Richtfest gefeiert, am 27. Juni 1964 fand die feierliche Einweihung des kath. Kindergartens »Im Höfergarten« statt. Nach dem Abriss der »Heringsburg« wurde der Kindergarten noch ausgebaut. Seit den Feiern zum 25-jährigen Bestehen 1989 trägt er den Namen des hl. Nikolaus.

Erinnerungen an Schwester Friedel

Der ev. Kindergarten war nach dem Krieg wieder ins Gemeindehaus umgezogen, wo Schwester Friedel ihre Arbeit in geordnetem Rahmen aufnehmen konnte. Henning Plate kannte die langjährige Leiterin noch gut. Sie sei eine Frau gewesen, »die immer gut gelaunt war und auf die Leute zugegangen ist«. 1961 wurden die Diakonissen vom Kreuznacher Mutterhaus zurückgerufen, eine personelle Neubesetzung war notwendig. Doch auch in baulicher Hinsicht tat sich einiges: 1964 wurde ein Anbau am Gemeindehaus eingeweiht, der für einen zweigruppigen Kindergarten vorgesehen war. Doch die Zahl der Anmeldungen war so groß, dass ein dritter Gruppenraum eingerichtet werden musste. Völlig umgebaut und saniert, sodass er seitdem allen pädagogischen Anforderungen entspricht, wurde der ev. Kindergarten 1998.

Kindergärten gibt es natürlich nicht nur in Kirchen, sondern auch in allen größeren Ortsteilen. In Wehbach nahm die ev. Kirchengemeinde bereits in den 30er Jahren die Kindergarten-Arbeit auf. Heute ist die Einrichtung neben der Christus-Kirche zu finden, während der kath. Kindergarten an der Wingendorfer Straße steht. Freusburg wurde 1975 von der Gemeinde Kirchen mit einem eigenen Kindergarten in der alten Schule versorgt, und 1992 entstand unterhalb der Druidenhalle ein eigener Kindergarten für Herkersdorf/Offhausen.

Das Kindergarten-Wesen in Kirchen kann also auf eine über 100-jährige Geschichte zurück blicken. Auch wenn andernorts die Sorgenfalten angesichts sinkender Geburtenzahlen tiefer werden, scheint Kirchen hier in den nächsten Jahren noch eine kleine »Insel« zu sein. Vorbei sind natürlich längst die Zeiten der konfessionellen Trennung. Heute entscheidet allein der Wohnort, welcher Kindergarten besucht wird. Ökumene darf ruhig im Sandkasten beginnen.

Fotos: Heimatverein Kirchen/Henning Plate/Eberhard Köhler

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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