Am Standort für die Kirche schieden sich die Staaten

Die Geschichte der »Vereinigten Staaten« (Teil 2)/Kreuzweg- umd Kirchbauverein gegründet/Freilichtspiele zur Finanzierung aufgeführt

thor Kirchen. Es ist wohl etwas mehr als nur ein Gerücht, dass manchem jungen Dermbacher früher angst und bange wurde, wenn ihn sein (Kirch-)Weg nach Kirchen über Offhausen führte. Am Ortseingang gab es von der Dorfjugend erst einmal etwas hinter die Ohren – dann konnten die »Dermijer« weiterziehen. So jedenfalls erzählt es ziemlich glaubhaft Heimatexperte Edmund Mertens, war er doch wohl öfters mit von der Partie. Ob ihn die Herdorfer später allein wegen dieser praktischen Erfahrung als »Dorfsheriff« ins Städtchen holten, ist nicht überliefert.

Es gab aber auch eine Zeit, in der die Offhausener mit den Herkersdorfern ihre Probleme hatten und es sich erklären lässt, warum Mertens in der letzten SZ-Folge von den »Veruneinigten Staaten« gesprochen hat. Hierzu muss man etliche Jahre zurückblicken. Schon 1919 strebte man in beiden Gemeinden den Bau einer eigenen Kapelle an, war der sonntägliche Gang nach Kirchen doch sehr beschwerlich. Allerdings dauerte es fast 30 Jahre, bis den Plänen Taten folgten. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg gründete sich der Kirchbauverein Herkersdorf-Offhausen.

Passionsspiele als Vorbild

Doch auch ein Gotteshaus benötigt zu erst einmal eines: Geld. Da erinnerte man sich – laut Mertens war es Willi Neuhaus – einer Sache, die in beiden Gemeinden schon früher zum Erfolg geführt hatte: Ab 1920 wurden auf der »Sigambria« Passionsspiele aufgeführt, mit deren Erlös eine Kreuzweganlage zum Druidenstein finanziert werden sollte. Der Kreuzwegbauverein hatte sich 1919 gegründet, und bereits am 14. Oktober 1923 konnte der Grundstein für die 1. Station gesetzt werden. In harter Handarbeit vieler Familien aus Herkersdorf und Offhausen wurden nach und nach weitere Stationen fertiggestellt. Am 16. Oktober 1927 wurde unter großer Beteiligung der Einwohner die gesamte Anlage durch den Kirchener Pfarrer Lellmann eingeweiht. Zu dieser Zeit zählte der Kreuzwegbauverein immerhin 160 Mitglieder, so Henning Plate vom Heimatverein.

Warum sollte man also das damals Erreichte nicht nochmals versuchen, zumal sich der Kreuzwegbauverein 1949 dem Kirchbauverein anschloss? Unterhalb des Druidensteins wurde eine Freilichtbühne errichtet – die Gemeinden hatten ab 1952 eine Attraktion mehr. Das Holz hatten die Haubergsgenossen gestiftet, ortsansässige Handwerker zimmerten die Bühne zusammen. Unvergessen sind die beiden Brachbacher Heimatschriftsteller Stephan und Rudolf Utsch, die so erfolgreiche Stücke wie »Es werde Licht« (1952), »Wandulf der Waldschmied« (1954), »Der Schinderhannes« (1956) und »Varus und Arminius« (1957) inszenierten. Es war mehr als nur eine glückliche Fügung, dass es in Herkersdorf bereits eine Theatergruppe gab, deren Aktive natürlich sofort mit eingebunden wurden – darunter auch Edmund Mertens, der zahlreiche Hauptrollen übernahm.

Mehr als 20000 Besucher pro Saison

Es muss ein beeindruckender Anblick gewesen sein, wenn bei gutem Wetter die Besucherscharen, gleich einer großen Prozession, zum Druidenstein zogen. In einer guten Saison kam mehr als 20000 Besucher aus nah und fern zu den Aufführungen. Kein Wunder, dass der Verein sich über die Einnahmen für den Kirchbau nicht beklagen konnte. Am 12. Mai 1957 wurde die Grundsteinlegung für die neue Heilig-Kreuz-Kirche gefeiert. Allerdings hatte die Suche nach einem Standort für »einigen Zoff« (Mertens) zwischen Herkersdorf und Offhausen gesorgt. Wäre es nach den Offhausenern gegangen, hätte man die Kirche genau auf die Gemarkungsgrenze gesetzt. So aber wurde sie ganz eindeutig auf Herkersdorfer Gemeindegebiet gebaut. Architekt war der Kölner Dombaumeister Dr. Weyres. Trotz dieser prominenten Hilfe gab es Probleme mit dem Turm, denn plötzlich traten in 16 Metern Höhe Risse auf. Der Turm musste komplett abgetragen und neu errichtet werden. Am 18. September 1960 war es dann soweit und aller Zwist (fast) vergessen: Die Heilig-Kreuz-Kirche wurde eingeweiht und ist seitdem der kirchliche Mittelpunkt der »Staaten«.

1961 sah der Druidenstein mit »Die Siegerländer Eisenbahn« die letzten Aufführungen. Viele glauben, das Aus habe ausschließlich mit dem Tod von Rudolf Utsch am 30. November 1960 zusammen gehangen. Doch Edmund Mertens weiß noch zwei andere Gründe: Man habe nicht die erhofften Zuschüsse vom Land erhalten, zum anderen sei kurz zuvor (1955) die Freilichtbühne Freudenberg eröffnet worden. Und doch wurde die Theatertradition nicht ganz aufgegeben. »In irgendeiner Form sollte es weitergehen«, erzählt Mertens. So blieb das schauspielerische Talent im 1958 gegründeten Herkersdorfer Carnevals-Club erhalten.

Wenn von Herkersdorf und Offhausen die Rede ist, darf natürlich auch der Otto-Turm nicht fehlen. Das von dem Gewerken Otto Stein den Kirchener Bürgern gestiftete Bauwerk erlaubt bei klarem Wetter einen Blick bis zum Siebengebirge bzw. ins »tiefe« Siegerland. Nach einer Dokumentation der Verbandsgemeinde Kirchen wurde der 18 Meter hohe Turm 1908 errichtet. Henning Plate weist jedoch darauf hin, dass der Heimatdichter Otto Kasch das (richtige) Jahr 1911 angibt.

Ursprünglich sollte der Turm nicht auf dem Kahlenberg stehen, sondern einen Kilometer weiter am »Weißen Stein«. Doch der Wagen mit den schweren Stahlstreben brach auf dem Weg dorthin zusammen, und so wurde der Otto-Turm einfach an Ort und Stelle gebaut. 1990 erfolgte eine umfangreiche Sanierung, und auch das Umfeld sollte attraktiver gestaltet werden. Bürgermeister Fritz Greßnich sagte: »Ziel ist es, dass wieder eine schöne Anlage entsteht, die in die Landschaft hinein passt.« Von einer »schönen Anlage« kann allerdings bis jetzt wahrlich nicht gesprochen werden.

Auch die Kreuweganlage wurde in den 80er Jahren für etwa 450000 DM aufwändig saniert und am 4. Oktober 1992 neu eingeweiht.

Vom früheren (Kirchen-)Streit ist heute in den beiden Dörfern nichts mehr zu spüren, zu groß sind die Gemeinsamkeiten. Das drückte sich schon in einem Schulverband aus: Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wechselten sich die Orte damit ab, wo die Kinder unterrichtet wurden. 1959 wurde »in der Mitte« die neue gemeinsame Schule gebaut. Bereits seit 1929 existiert ein gemeinsamer Friedhof. Und auch die Vereine haben Mitglieder aus beiden Ortsteilen. Der Älteste ist der 1885 gegründete Gesangverein »Liederkranz« Offhausen, nicht zu vergessen auch der 1900 von Bergleuten aus der Taufe gehobene Maiverein »Immergrün«. So lässt es sich gut leben und feiern in den »Vereinigten Staaten«. Auch die Dermbacher müssen mittlerweile keine Angst mehr haben, dass die am Ortseingang von Offhausen verdroschen werden. Jedenfalls ist nichts Gegenteiliges bekannt...

Fotos: Heimatverein Kirchen/ Henning Plate/Edmund Mertens

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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