Auf dem Riegelhof war seltsames Volk anzutreffen

Die Geschichte vom Jungenthal und dem Riegel/»Fahrensleute aus allen Teilen des Reiches«/Über 20 Häuser für die neue L280 abgerissen

thor Kirchen. Es sind nicht nur die Villen, die heute noch an das Leben der Kirchener Millionärsfamilien erinnern. Das beste Beispiel: Der Name Kraemer »lebt« in der Begegnungsstätte der Gemeinde und in einem Straßenzug weiter. Eine noch größere Ehre wurde allerdings der Familie Jung zuteil. Denn wer kann schon von sich behaupten, dass ein ganzes Gebiet nach seiner eigenen Sippe benannt wurde? Als der Spinnereibesitzer Johann Christian Jung 1797 die so genannten »Amtmanns Wiesen« kurz vor der Mündung der Asdorf in die Sieg erwarb, um dort eine neue Fabrik zu errichten, da verfügte wenig später Minister Freiherr von Hardenberg, dass dieser Landstrich künftig »Jungenthal« zu nennen sei. Die entsprechende Urkunde befindet sich heute im Provinzialarchiv in Bonn.

Das Jungenthal, so erklärte Henning Plate vom Heimatverein, war praktisch die alte Koblenz-Olper-Straße und begann an der Einfahrt zum Brühlhof bzw. eigentlich schon bei Lang's Ecke und reichte bis zur Kircherhütte. Auf Veranlassung der Gebrüder Jung wurde 1817 auch ein Weg von der alten Kirchener Siegbrücke bis zur Fischbacherhütte gebaut. Das Haus Jungenthal, das 1818 Christoph Ernst Jung erbauen ließ, war lange Zeit das einzige Wohngebäude an der Straße. Bis das imposante Haus am 8. April 1981 im Zuge des Neubaus der L280 dem Abrissbagger zum Opfer fiel, diente es sechs Generationen der Familie Jung als Heimat. Erst nach 1870 entstanden an der Hangseite der Jungenthaler Straße weitere Wohnhäuser. 1922/23 kam das Feuerwehrhaus hinzu. Es sollte bis zum Jahr 1977 dauern, als die dramatische Veränderung des Jungenthals begann und eine gesamte Häuserzeile abgerissen wurde. Über 20 Häuser verschwanden, um Platz für die neue Trasse der Landesstraße zu machen.

Im Jungenthal, so weiß Pfarrer i.R. Hans Fritzsche, gab es früher eine Kneipe, die viele Bergleute aus dem Siegerland gerne aufsuchten, wenn sie auf dem Weg nach Betzdorf waren, um in der dortigen Barbara-Kapelle zu ihrer Schutzpatronin zu beten. Die Reise führte damals noch über die Höhenzüge, waren die Täler von Sieg und Asdorf doch oftmals reines Überschwemmungsgebiet und daher viel zu sumpfig. Erst die Preußen sorgten hier – auch aus militärischen Überlegungen – für Abhilfe.

Gleich hinter dem Haus Jungenthal ging es hinauf zum Riegel. Hier stand vermutlich schon im Mittelalter ein Bauernhof. 1601 werden in einer ersten Urkunde drei Gebäude erwähnt, ebenso 1667 drei Feuerstätten. Der Riegelhof gehörte der Kirche, die ihn komplett oder in Teilen verpachtete. Er stand etwa dort, wo der Weg vom Alexander in den Riegel einmündet, nahe der Villa Hintze.

»Riegel-Kommune« lebte nicht schlecht

Erbauseinandersetzungen führten dazu, dass der einst stattliche Hof immer mehr verfiel. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass im Jahr 1762 von einem seltsamen Volk die Rede war, das sich auf dem Riegel eingenistet hatte. Der verstorbene Kirchener Heimatforscher Benno Solbach sprach im Kreis-Heimatbuch von 1982 von »Fahrensleuten aus allen Teilen des Reiches, Männlein und Weiblein, die bunt durcheinander hausten«. Da gab es den ehemaligen Soldaten Johann Peter Meyer, genannt »Hannespatte«, und eine Henriette Hühnlein (die »lange Jette«), denen sich ein Bettelweib aus Kundert, ein Töpferkrämer aus dem Hachenburgischen, ein Scherenschleifer aus Nassau-Siegen und ein Leinwanddrucker aus dem Bergischen angeschlossen hatten. Auf dem Hof fehlte es an nichts. Von nächtlichen Streif- bzw. Schmuggelzügen kamen die Mitglieder der »Riegel-Kommune« stets mit einem Hasen oder Ferkel und einem guten Trunk Starkbier bzw. einem Krug »Unnauer Heckedeeler« zurück. Allerdings war die Gemeinschaft nie vollzählig. »Einer saß wohl immer im Knast auf der Freusburg«, meint Pfarrer Fritzsche.

Die Preußen sorgten für Ordnung

Die Altenkirchener Kanzlei wusste zwar von dem alles andere als legalen Treiben, unternahm aber ernsthaft nichts. Das änderte sich erst, als ab 1792 die Preußen das Sagen hatten. Zwar gehörte Kirchen offiziell noch bis 1817 zum Hause Ansbach, doch Minister von Hardenberg führte schon vorzeitig die Passpflicht ein. So kehrte auf dem Riegel allmählich Ruhe ein. Am 21. März 1796 unterschrieben Christian Kalleicher und seine Frau Anna Elisabeth einen Lehnsbrief über einen Teil des Guts. Johann Christian Jung erwarb 1797 eine andere Parzelle. Er ließ das verfallen Gebäude renovieren und vermietete es weiter. Gegenüber entstand ein neues, größeres Haus, der »Jungenthaler Hof zum Riegel«, später einfach als »Riegelhaus« bekannt. 1812 kam dann das endgültige Aus für den alten Hof. Er wurde »zum Abbruch« verkauft, das noch nutzbare Holz nahm man zum Bau eines Anwesens auf dem Brühlhof.

In einer Liste von 1822 wird das Riegelgut wie folgt beschrieben: ein Wohnhaus, eine Scheune, 150 Ruthen Wiese, 108 Ruthen Baumhof, 187 Ruthen Hauberg und 288 Ruthen Wald – alles im Besitz der Familie Jung. Die eigentliche Wohnbebauung des Riegels begann erst relativ spät, überwiegend nach 1900. Wie schon auf dem Brühlhof und dem »Roten Hahn« wohnten hier viele Beschäftigte der Fa. Jung. Zwischen 1909 und 1911 ließ Fabrikbesitzer Paul Hintze auf dem Riegel die heute noch stehende Villa nach den Plänen von Prof. Dr. Metzendorf bauen. Besonders auffällig in einem ausgedehnten Park war ein kuppelförmiger Pavillon.

Jagdschloss brannte ab

Hintze war es auch, der sich auf dem Molzberg (aber eigentlich noch zum Riegel gehörend), ein schmuckes Jagdhaus gönnte. Dieses brannte in der Nacht zum 7. Januar 1939 bis auf die Grundmauern und den Kamin ab. Die Ursache wurde nie geklärt, in Kirchen aber munkelte man von Brandstiftung. Für Henning Plate und seine Freunde waren die Keller der Ruine in der Kindheit noch ein »Abenteuerspielplatz«, heute sind (fast) alle Spuren verschwunden. – In der nächsten Folge der SZ-Serie geht es um Grindel, Kircherhütte und »Gerberei«.

Fotos: Heimatverein Kirchen/Henning Plate

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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