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Gratis-Masken: Apotheker kritisiert Bund
„Corona-Partys vor der Apotheke“

Apothekerin Rebecca Rosenthal zeigt das Objekt der Begierde: FFP2-Masken. Aber den Ansturm in der Adler-Apotheke sieht deren Besitzer Peter Merzhäuser mit sehr gemischten Gefühlen.
  • Apothekerin Rebecca Rosenthal zeigt das Objekt der Begierde: FFP2-Masken. Aber den Ansturm in der Adler-Apotheke sieht deren Besitzer Peter Merzhäuser mit sehr gemischten Gefühlen.
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  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

damo Niederfischbach. Gut 1000 Masken sind am ersten Tag rausgegangen, und auch am zweiten Tag stehen die Senioren vor der Adler-Apotheke in Niederfischbach Schlange. Und obwohl sich ein Gewerbetreibender ja eigentlich freuen sollte, wenn ihm die Bude eingerannt wird, sieht Peter Merzhäuser den Ansturm vor seiner Apotheke mit einer gehörigen Portion Skepsis.
Natürlich zweifelt Merzhäuser die Wirksamkeit der FFP2-Masken nicht an: „Grundsätzlich sind diese Masken eine gute Sache“, sagt er im Gespräch mit der SZ. Aber die Begleiterscheinungen der bundesweiten Verteilaktion schmecken ihm keineswegs. Zum einen zweifelt er die Sinnhaftigkeit der Aktion an, zum anderen hat er die Organisation hinter den Kulissen miterlebt.

damo Niederfischbach. Gut 1000 Masken sind am ersten Tag rausgegangen, und auch am zweiten Tag stehen die Senioren vor der Adler-Apotheke in Niederfischbach Schlange. Und obwohl sich ein Gewerbetreibender ja eigentlich freuen sollte, wenn ihm die Bude eingerannt wird, sieht Peter Merzhäuser den Ansturm vor seiner Apotheke mit einer gehörigen Portion Skepsis.
Natürlich zweifelt Merzhäuser die Wirksamkeit der FFP2-Masken nicht an: „Grundsätzlich sind diese Masken eine gute Sache“, sagt er im Gespräch mit der SZ. Aber die Begleiterscheinungen der bundesweiten Verteilaktion schmecken ihm keineswegs. Zum einen zweifelt er die Sinnhaftigkeit der Aktion an, zum anderen hat er die Organisation hinter den Kulissen miterlebt. Und die ist nach seiner Einschätzung „ein sehr plastisches Beispiel, wie schlecht das Krisenmanagement der Politik funktioniert“.

Viele Unklarheiten 

So kritisiert Merzhäuser, dass „sich die Politik etwas ausdenkt, aber die Personen, die am Ende handeln müssen, allein gelassen werden“. Im konkreten Fall bemängelt er, dass zwar schon vor mehreren Wochen verkündet worden sei, im Winter kostenlose FFP2-Masken an besonders vulnerable Bevölkerungsgruppen auszugeben – aber dass sich der Gesetzgeber herzlich wenig darum gekümmert habe, wie die Apotheken das umsetzen sollen.
So wurden die Apotheken laut Merzhäuser völlig im Unklaren darüber gelassen, ob sie zentral mit Masken versorgt werden oder ob sie selbst die Lager auffüllen sollen. Also konnten die Apotheken nur spekulieren: „Wir sind davon ausgegangen, dass es eine zentrale Bevorratung über die Bundesregierung geben wird“, sagt Merzhäuser.

Apotheken müssen Lager selbst füllen

Am Donnerstagnachmittag aber wusste er, dass der Bund keineswegs die Masken liefern würde. Denn da meldete sich der Landesverband rheinland-pfälzischer Apotheken. In einem Rundschreiben an die Apotheken teilte der Verband mit, dass ihm nur ein Entwurf der Rechtsverordnung vorliege, die den Umgang mit den FFP2-Masken regelt. Demnach würden die Apotheken keineswegs vom Bund mit Masken versorgt, sondern müssten selbst ihre Lager auffüllen, und zwar im Eiltempo. „Eine sehr unbefriedigende Situation“, schreibt der Verband, die „aufgrund lückenhafter Kommunikation“ entstanden sei.

Großhandel überfordert

„Unbefriedigend“ ist wohl nicht die Vokabel, die Merzhäuser wählen würde – er würde deutlichere Töne anschlagen. Denn: „Am Donnerstag wurden wir informiert – und am Dienstag mussten wir Tausende Masken auf Lager haben. Dazwischen liegen netto zwei Werktage.“ Nun könnte man denken: Okay, der pharmazeutische Großhandel ist ja bekannt dafür, schnell zu liefern – aber weit gefehlt. Angesichts der Massen an FFP2-Masken, die plötzlich benötigt wurden, sei auch der Großhandel schnell überfordert gewesen.

Neue Lieferanten suchen

Also mussten die Apotheker von jetzt auf gleich neue Lieferanten suchen, sagt Merzhäuser. „Statt bei Großhändlern bestellen zu können, mit denen wir seit Jahrzehnten vertrauensvoll zusammenarbeiten, mussten wir uns unter den Anbietern denjenigen aussuchen, der am wenigsten unseriös wirkt. Und wir konnten nur hoffen, dass wir FFP2-Masken bekommen und keine Fälschungen aus China.“ Merzhäusers Bestellung hat gepasst – aber glücklich ist er deswegen noch lange nicht.

Preise werden vermutlich steigen

Denn er bezweifelt auch, dass die Gratis-Verteilung wirklich durchdacht ist. Denn: „Natürlich wittern die Spekulanten Morgenluft, wenn plötzlich 450 Millionen Masken angefordert werden.“ Soll heißen: Merzhäuser geht fest davon aus, dass Produzenten und Zwischenhändler die Preise nach oben schrauben werden.
„Und schon in Friedenszeiten würde die Verteilaktion 450 Millionen Euro kosten“, rechnet der Apotheker vor, „aber man muss befürchten, dass es dank der künstlich herbeigeführten Nachfrage deutlich teurer wird“. Das hätte vermieden werden können, wenn die Apotheken rechtzeitig informiert worden wären: „Eine kleine Info hätte alle Probleme gelöst.“

Risikogruppen stehen Schlange

Zudem wirft Merzhäuser die Frage auf, ob die Gratis-Aktion nicht zum Schuss ins eigene Knie wird. Es habe zu jedem Zeitpunkt in den letzten Monaten reichlich FFP2-Masken auf dem Markt gegeben – und zwar zu einem Stückpreis von 1,50 Euro. Soll heißen: „Das Dezember-Masken-Geschenk hat einen Wert von dreimal 1,50 Euro. Für 4,50 Euro animiert man Menschen aus der Risikogruppe, sich in Schlangen zu stellen und vor den Apotheken kleine Corona-Partys zu feiern.“

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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