»Dann hat am Grindel das Geschirr gewackelt«

Eine Firmengeschichte wie ein Roman (Teil 3)/Bergbaulok »Troll« feierte große Erfolge/Im Visier der alliierten Bomberverbände

thor Kirchen. Henning Plate und Werner Panthel vom Heimatverein wissen es noch genau: »Wenn das Ding in Betrieb war, dann hat am ganzen Grindel das Geschirr in den Schränken gewackelt.« Mit dem »Ding« ist ein wahres Ungetüm gemeint, das 1921 in der Schmiede der Fa. Jung aufgestellt wurde: der so genannte Banning-Hammer. Dort wurden alle Teile für den Dampflokomotiven-Bau vorbereitet. Um die gewaltigen Kräfte zu kontrollieren, hatte man ein 5 Meter tiefes Fundament gegründet. Bis ins Kirchener Oberdorf war das Stampfen zu hören, berichtet Panthel, was früher freilich keine Menschenseele störte, bedeutete dieses Geräusch doch gleichzeitig Lohn und Brot für viele Menschen.

In der schwierigen Zeit der 20er Jahre war die Jung-Mannschaft um Paul Hintze mehr denn je bestrebt, mit Neukonstruktionen den Erfolg fortzusetzen. Es sollte der »Troll« sein, der dem Unternehmen ein völlig neues Geschäftsfeld erschloss. Hintze war damals mit dem Grubeninspektor Olzog aus Dortmund bekannt gemacht worden, der die Idee hatte, die Pferde in den Gruben durch kleine Lokomotiven zu ersetzen. Im Jungenthaler Werk wurde sofort eine mit Pressluft betriebene Maschine entwickelt und bereits 1922 an die Zeche »Recklinghausen I« ausgeliefert. Im Dezember 1923 wurde die Serienproduktion aufgenommen. Man schlug völlig neue Wege ein und baute im Gegensatz zu den bis dato bekannten Pressluftloks nach Art der Dampflokomotiven (mit Zylinder) einen Pressluftmotor, der nach dem Gleichstromverfahren arbeitete.

Bei einer zweiten Lieferung an die Zeche im Mai 1924 schrieb die Siegener Zeitung über die Lok: »Sie ist trotz ihrer kleinen und gedrungenen Bauart in der Lage, schwere Lasten zu bewegen und vereinigt alle Schikanen und Errungenschaften auf dem Gebiet der Technik in sich. Diese Lokomotiven werden aller Voraussicht nach eine kolossale Umwälzung, besonders für die Arbeit unter Tage, bedeuten und den Lokomotivenbau im allgemeinen um ein großes Stück weiterbringen.« Im Oktober 1924 war der »Troll« wegen seiner kompakten Art eine kleine Sensation auf einer großen Berliner Lokomotivenausstellung.

Mit der Zeit verlagerte sich der Bedarf des Bergbaus immer mehr von der Pressluftlokomotive zur Akkumulator-Lok. Rechtzeitig stellte man sich bei der Fa. Jung auch auf diesen Typ ein. Diese Maschinen galten als robust, anspruchslos in der Wartung und sehr sicher. Die gute alte »Troll I« erhielt 1939 einen Ehrenplatz im Bochumer Bergbaumuseum.

Der erste Dieselmotor

Die Jung-Ingenieure waren in den 20er Jahren aber noch auf anderen Entwicklungsfeldern aktiv: 1924 wurde der erste Zweitakter-Dieselmotor vorgestellt. Schon bald begann man mit der Serienproduktion in einer Größenordnung von 8 bis 120 PS. Die Motoren behaupteten sich glänzend auf dem deutschen und auch internationalen Markt. Nach amtlichen Zahlen wurden von der Fa. Jung in den Jahren 1930/31 über ein Drittel aller deutschen Dieselerzeugnisse nach Frankreich geliefert. Ebenfalls 1924 rüstete man die ersten kleineren Baulokomotiven mit Dieselmaschinen (22 und 24 PS) aus. Bis in den Zweiten Weltkrieg wurden der größte Teil aller Diesel-Feldbahnloks von der Fa. Jung hergestellt. Auch als es um die Entwicklung »normaler« Rangierloks ging, waren die Kirchener sofort zur Stelle.

Zum Jubiläum arbeitsfrei

All dieser Ideenreichtum war auch dringend notwendig, erfolgte die wirtschaftliche Erholung doch nur langsam. Bis 1932 war die Belegschaft im Werk Jungenthal auf etwa 500 Arbeiter zurückgegangen. Erst Mitte der 30er Jahre setzte der Aufschwung ein, so dass im Jubiläumsjahr 1935 – das Unternehmen bestand 50 Jahren – wieder über 1000 Menschen in auf der Gehaltsliste standen. Das »Goldene« wurde in großem Stil auf der »Sigambria« gefeiert, die Arbeit ruhte für einen Tag.

Zu dieser Zeit ging es natürlich auch deshalb aufwärts, weil die braunen Machthaber großen Wert darauf legten, dass die Reichsbahn vernünftig ausgestattet wurde. 1936 entstand der dritte und letzte Trakt des Verwaltungsgebäudes. Bald rollten wieder Loks aller Größen, Gattungen und Spurweiten aus dem Werk. Für die Reichsbahn wurden in erster Linie die Baureihen 64 und 80 gebaut. Daneben liefen auch die schmalspurigen Typen gut, wurden sie doch auf den unzähligen Baustellen im Land gebraucht. 1938 erhielt die Fa. Jung einen Auftrag über schwere Güterzuglokomotiven der Baureihe 41 von der Reichsbahn. Es handelte sich um eine Heißdampf-Zweizylinder-Lok mit einem vierachsigen Tender und einem Leergewicht von 122,5 Tonnen. Das waren bis bislang größten von Jung gelieferten Loks an die Bahn, die teilweise sogar einen Umbau des Werkes notwendig machten.

1939: Tod von Paul Hintze

Bevor der Zweite Weltkrieg begann, traf das Unternehmen ein großer Schicksalsschlag: Am 2. März 1939 verstarb auf der Bühler Höhe im Schwarzwald Paul Hintze. Er hatte mit seiner ganzen Kraft die Fa. Jung durch schwere Jahre geführt. Allen Bestrebungen von außen, den Familienbesitz zu verkaufen oder mit anderen Firmen zu verschmelzen, war er stets entschlossen entgegen getreten. An der Schwelle eines Krieges hatte er das Unternehmen übernommen, an der Schwelle eines Krieges hinterließ er sein Erbe. Sein Sohn Arnold Hintze trat in seine Fußstapfen.

Der Krieg stellte an die Fa. Jung höchste Anforderungen. Die Nachfrage nach rollendem Material war von der Industrie kaum zu bewältigen. Die Fabriken liefen auf Hochtouren. Nachdem 40 Loks der Baureihe 41 das Werk verlassen hatten, wurde diese Serie 1941 durch die Baureihe 50 abgelöst. Anfang 1942 verließ die 10000. Lokomotive, festlich geschmückt, die Hallen. Sie war schon eine so genannte »Übergangslokomotive«, das heißt, an ihr waren einige Änderungen gegenüber der Baureihe 50 vorgenommen worden. Ein Übergang deshalb, weil anschließend mit dem Typ 52 nur noch »Kriegslokomotiven« gefragt und gebaut wurden. Sie entstand nach einfachen und materialsparenden Gesichtspunkten, wurde sie doch in großen Stückzahlen benötigt. Wegen ihr wurde die Produktion von Pressluft- und Akkuloks zum Teil verlagert, die Herstellung von Dieselmotoren kam ganz zum Erliegen. Bis zu zwölf Stück dieser Loks verließen pro Monat das Werk. Gegen Ende des Krieges wurde auch der Lokomotivenbau gestoppt, die Nazis wollten nur noch Panzer haben.

Mit zunehmender Dauer des Krieges war auch im Jungenthal immer häufiger des Dröhnen der alliierten Bomberverbände zu hören. Ganz klar: Das Werk »genoss« die besondere Aufmerksamkeit von Amerikanern und Briten. Der schwerste Angriff erfolgte am 19. Februar 1945: Um 14.45 Uhr flog ein Bomberverband ein. Die ersten Spreng- und Brandbomben fielen bereits auf dem Brühlhof. Der Angriff setzte sich über Kirchen fort und endete in Betzdorf. Motorenbau und Schlosserei wurden völlig zerstört, das Dach der Blechwerkstatt war eingestürzt, und auch Schmiede und Verwaltungszentrale hatten Treffer abbekommen. Fast alle Fensterscheiben waren zerstört, die Gleise auf vielen Metern unterbrochen. Die Beschäftigten hatten sich rechtzeitig in Keller und Bunker flüchten können. So war kein Todesopfer zu beklagen. Am 12. März ging erneut ein Bombenhagel nieder, der weitere Schäden anrichtete.

In der Osternacht 1945 besetzten amerikanische Vorauskommandos das Werk – der Krieg war im Jungenthal zu Ende, und fast, so schien es damals, auch die Geschichte der Lokomotivfabrik.

Fotos: Heimatverein Kirchen/Henning Plate

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

2 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige
Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de komplett überarbeitet.
3 Bilder

Optimiertes Stellenanzeigen-Portal
Mit 57jobs.de einen neuen Job finden

Neues Design und neue Angebote für Unternehmen, aber bewährte Technik: Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de einem Relaunch unterzogen, der sowohl die Suche nach einem neuen Job als auch die Suche nach neuen Fachkräften noch einfacher gestaltet. Auf dem Portal der Siegener Zeitung und des Wochenanzeigers finden sich unter den ständig 10.000 Jobangeboten aus Siegerland, Wittgenstein sowie den Kreisen Olpe und Altenkirchen auch sämtliche Anzeigen aus den...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen