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Der Krieg verändert alles
Das Herz von Lothar Birnbach schlägt für Russland und die Ukraine

Ohne Karte sollte man auch heute nicht eine so lange Reise antreten. Lothar Birnbach bereist Russland und die Ukraine seit 30 Jahren. In beiden Ländern hat er zahlreiche Maschinen zur Textilreinigung aufgestellt.
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  • Ohne Karte sollte man auch heute nicht eine so lange Reise antreten. Lothar Birnbach bereist Russland und die Ukraine seit 30 Jahren. In beiden Ländern hat er zahlreiche Maschinen zur Textilreinigung aufgestellt.
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goeb Niederschelderhütte. 3300 Kilometer Strecke zeigt der Tachometer an, wenn Lothar Birnbach seine "Tour" dreht: Siegen – Polen – Lemberg – Donbass – Jalta – Rostow am Don. Für den 70-Jährigen aus Niederschelderhütte ist der Krieg auch ein persönliches Drama, denn er hat Freunde und Bekannte in beiden Ländern. "Ich schalte schon morgens den Fernseher ein", berichtet er, darunter auch ein lokaler Sender aus Rostow am Don. Dort wohnt Peter Strehl, ein Russe mit deutschen Wurzeln. Strehls Opa emigrierte nach Rostow, heiratete eine Russin und eröffnete dort eine Bäckerei. Die beiden verbindet eine 30-jährige Freundschaft, die 1992, während der Perestroika begann. Sie hält bis heute. Jeden dritten Tag telefonieren sie miteinander.

goeb Niederschelderhütte. 3300 Kilometer Strecke zeigt der Tachometer an, wenn Lothar Birnbach seine "Tour" dreht: Siegen – Polen – Lemberg – Donbass – Jalta – Rostow am Don. Für den 70-Jährigen aus Niederschelderhütte ist der Krieg auch ein persönliches Drama, denn er hat Freunde und Bekannte in beiden Ländern. "Ich schalte schon morgens den Fernseher ein", berichtet er, darunter auch ein lokaler Sender aus Rostow am Don. Dort wohnt Peter Strehl, ein Russe mit deutschen Wurzeln. Strehls Opa emigrierte nach Rostow, heiratete eine Russin und eröffnete dort eine Bäckerei. Die beiden verbindet eine 30-jährige Freundschaft, die 1992, während der Perestroika begann. Sie hält bis heute. Jeden dritten Tag telefonieren sie miteinander. Strehl war mit seiner Familie auch schon in Deutschland zu Besuch.

Lothar Birnbach von Russland und der Ukraine fasziniert

Lothar Birnbach hat beruflich jahrzehntelang die Siegtalreinigung geführt und als Generalunternehmer für einen italienischen Hersteller von Textilreinigungsmaschinen gearbeitet. "Und da gab es einen Kunden in Düsseldorf-Reisholz, ein Russe", erzählt er. "Der hat mich gefragt, ob ich seine alte Maschine in Rostow aufbauen kann. So hat das alles angefangen." Untergebracht war er in einem ehemaligen Sanatorium, Peter Strehl (heute 64) hörte er dort auf Deutsch telefonieren, so kam man miteinander ins Gespräch.

Donezk, Rostow, Mariupol: Heute sind uns diese Namen bestens vertraut.

Birnbach war von Anfang an von Russland und der Ukraine fasziniert. Die Ukraine sollte er nämlich auch bald kennenlernen, weil der russische Kunde wiederum seine alte Maschine nach Simferopol auf der Krim verkauft hatte. "Dreimal dürfen Sie raten, wer die da aufgebaut hat", sagt Birnbach schmunzelnd. Er erinnert sich: "Du fährst stundenlang an Sonnenblumen- und Weizenfeldern entlang. Die Städte sind schön, Charkiw, Mariupol, das sind Perlen." Wie es dort heute aussieht, verfolgt er in den Nachrichten und Trauer stellt sich ein. "Das ist wie in einem Film. Das übersteigt meine Vorstellungskraft."

Lothar Birnbach stellt die These der "Brüdervölker" infrage

Kommt die Sprache auf die "Brüdervölker", die nun im Krieg miteinander sind, schränkt Birnbach ein: "Ganz harmonisch war das nie." In der Ukraine lernte die Demokratie laufen, während in Russland bestenfalls alles beim Alten blieb. Vieles verschlechterte sich. "Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erlebten viele einfache Russen mit, wie manche Geschäftsleute einen sagenhaften Reichtum anhäuften. Die Korruption uferte aus. Den Oligarchen, nicht Putin,  geben sie heute die Schuld dafür, dass es ihnen schlechter geht als je."

Beim Besuch in Deutschland wollte Peter Strehl (2.v.r.) zusammen mit seiner Familie auf Einladung von Lothar Birnbach auch gern eine Kölschkneipe kennen lernen.
  • Beim Besuch in Deutschland wollte Peter Strehl (2.v.r.) zusammen mit seiner Familie auf Einladung von Lothar Birnbach auch gern eine Kölschkneipe kennen lernen.
  • Foto: privat
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1998 wurde er von einem Russen angesprochen. Ein bekannter Deutscher sei gerade in Rostow, Gerhard Schröder, euer Bundeskanzler. "Der war oft in Russland", erinnert sich Birnbach, war dort sehr beliebt. "Weil alle Geschäfte mit deutschen Unternehmen machen wollten und Schröder die Kontakte stiftete." . Die einfachen Leute, das hat Birnbach in den vielen Jahren immer wieder erleben müssen, sind die Verlierer. Wer 40 Jahre Lkw gefahren ist, bekommt heute 25 000 Rubel Rente, das sind umgerechnet 310 Euro im Monat. "Und das gilt als fürstlich. Eine Verkäuferin muss mit 11 000 Rubel im Monat über die Runden kommen." Sein Freund Strehl war selbstständiger Schuhmacher, ist jetzt praktisch ohne Rente. Ein Nachbar besitzt eine VW-Autowerkstatt. Die ist dicht, seit die Polen keine ersatzteile mehr liefern. "Das hat dazu geführt, dass viele Russen Selbstversorger sind und quasi von ihrem Garten leben", berichtet er weiter. Der Krieg hat alles teurer gemacht. "Es gibt so gut wie keine westlichen Waren mehr." 

Lothar Birnbach hat ein Herz für die einfachen Menschen in Russland und der Ukraine

Besonders arg hat das Schicksal einen ukrainischen Bekannten gebeutelt, der sein Lebtag alles Geld in sein Häuschen auf der Krim gesteckt hat, wo er seinen Lebensabend verbringen wollte. Seit 2014 ist die Krim russisch besetzt. "Der hat mir erzählt, dass sein Haus jetzt im Ausland steht und er an seinen Traum vom Lebensabend einen Haken machen kann." 

Lothar Birnbach hat ein Herz für die einfachen Menschen. "Für die Ukrainer wie für die Russen", sagt er fest. Er unterstützt die demokratischen Anstrengungen in der Ukraine. "Gleichzeitig macht mir das Bauschmerzen, wenn nun Panzer geliefert werden." Die russische Propaganda sei für westliche Menschen unvorstellbar, betont er. "Der Nationalismus und die Aufwertung des 9. Mai als Feiertag, der den Sieg im großen vaterländischen Krieg symbolisiert, das alles hat in den letzten Jahren so zugenommen, dass es schon beängstigend ist." Selbst einfache Leute erkennen jeden deutschen Panzer auf Anhieb. Dazu die totale Desinformation durch die Regierung.

Peter Strehl aus Rostow am Don (vorn) und Lothar Birnbach aus Niederschelderhütte verbindet eine Freundschaft.
  • Peter Strehl aus Rostow am Don (vorn) und Lothar Birnbach aus Niederschelderhütte verbindet eine Freundschaft.
  • Foto: privat
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Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Der griechische Philosoph Heraklit meinte damit die ungeheure Kraft der negativen Veränderung durch den Krieg. Insgeheim weiß Lothar Birnbach, dass sowohl Russland wie die Ukraine wohl nie wieder so sein werden wie er diese Länder kennen und lieben gelernt hat.

Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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