„Unser Landschaftsbild wird sich verändern“
Das Wüten im Wald geht weiter

Vom Waldweg aus sah dieser Fichtenbestand oberhalb von Niederschelderhütte noch gut aus; nachdem die Haubergsgenossen genauer hingeschaut hatten, mussten sie praktisch jeden Baum markieren: Die Fichten sind vom Borkenkäfer befallen und müssen möglichst rasch gefällt und abtransportiert werden – egal, ob es nun einen Käufer gibt oder nicht.
  • Vom Waldweg aus sah dieser Fichtenbestand oberhalb von Niederschelderhütte noch gut aus; nachdem die Haubergsgenossen genauer hingeschaut hatten, mussten sie praktisch jeden Baum markieren: Die Fichten sind vom Borkenkäfer befallen und müssen möglichst rasch gefällt und abtransportiert werden – egal, ob es nun einen Käufer gibt oder nicht.
  • Foto: damo
  • hochgeladen von Daniel Montanus (Redakteur)

damo Mudersbach. Je genauer man hinschaut, desto mehr tut’s weh. Der erste Blick vom Waldweg aus macht den drei Männern noch Mut: Sieht doch alles ganz gut aus. Bei etwas kritischerer Betrachtung fällt ihnen dann eine Fichte mit roter Krone auf, aber immerhin wirken alle Bäume drumherum vital. Die gründliche Untersuchung der einzelnen Bäume bringt aber eine ganz andere Wahrheit ans Licht: Praktisch alle Fichten in dem Waldstück oberhalb von Niederschelderhütte sind vom Borkenkäfer befallen. Und so wie dort sieht’s in vielen Beständen aus: „Das ist übler als letztes Jahr, so etwas habe ich noch nicht gesehen. Und ich habe 46 Jahre bei Landesforsten gearbeitet“, sagt Martin Szostak.

Der pensionierte Giebelwald-Förster stapft seit einigen Tagen gemeinsam mit Helmut Hellinghausen und Friedhelm Mockenhaupt durch die Wälder rund um Mudersbach: Die drei Haubergsgenossen sind dabei, all die Bäume zu markieren, in die der Borkenkäfer seine Eier gelegt hat. Denn sobald die Brut in der Borke ist, drängt die Zeit: Innerhalb weniger Wochen wachsen die Larven zu neuen Käfern heran. Und wenn die erst einmal ausfliegen, droht ein Domino-Effekt: Aus einem Borkenkäfer-Baum können binnen eines Sommers tausende werden.

Denn auch wenn eine Fichte hundert Jahre lang Wind und Wetter getrotzt hat und 30 Meter in die Höhe geschossen ist, hat sie gegen den nur wenige Millimeter großen Käfer kaum eine Chance. Zumal der Sechsbeiner leichtes Spiel hat: Der Dürre-Sommer 2018 wirkt noch immer nach, der Waldboden ist knochentrocken, die Bäume sind geschwächt. „Da hilft nur: befallene Bäume erkennen, fällen und abtransportieren. Und zwar so schnell wie möglich“, meint Szostak.

Um Bäume in einem frühen Stadium des Befalls zu identifizieren, muss man genau hinschauen: Braunes Bohrmehl am Fuß der Bäume, kleine Löcher in der Rinde und Harztropfen verraten, dass Buchdrucker oder Kupferstecher am Werk waren – auch wenn die Krone noch satt grün ist.

Solche Bäume finden sich in Massen. Die drei Haubergsgenossen sind seit der vergangenen Woche unterwegs, und sie haben schon mehrere hundert Käfer-Bäume entdeckt. Oft stehen die dem Tod geweihten Fichten dicht beieinander – so drohen überall in den Wäldern Kahlflächen. „Unser Landschaftsbild wird sich verändern“, sagt Szostak. Fichten werden seiner Einschätzung nach nur noch in feuchteren Lagen (weiter unten in den Tälern, in Nord- und Ostlagen) eine Chance haben. Und sollten die Worst-Case-Prognosen zum Klimawandel eintreten, dürfte auch diese Prognose wacklig werden.

Das bleibt nicht ohne wirtschaftliche Folgen: „Die Haubergsgenossen verlieren gerade ihre Sparbücher“, meint Szostak. Und wenn die Fichte weiter gebeutelt werde, stehe eine ganze Branche vor massiven Problemen: „Da hängt eine Industrie dran.“

Diese düstere Prophezeiung fußt nicht nur auf dem Unheil, das die Larven des Borkenkäfers unmittelbar verursachen: Szostak verweist im Gespräch mit der SZ auch auf drohende Folgeschäden. Wenn in den Fichtenwäldern große Löcher entstehen, steigt zwangsläufig das Windwurf-Risiko: „Bislang konnten die Stürme über die geschlossenen Waldbestände hinwegfegen. Künftig aber werden sich überall Angriffsflächen bieten.“ Auch werden die Bäume leiden, die jahrelang im dunklen Inneren eines geschlossenen Bestands standen und plötzlich von der Sonne beschienen werden. Und weil sich auf den Kahlflächen Adlerfarn, Birken und Brombeeren breitmachen werden, wird die Wiederaufforstung doppelt schwer. Dass Szostak Lieferengpässe bei klimastabileren Baumarten befürchtet, ist nur noch das i-Tüpfelchen.

Alles in allem seien die Konsequenzen der Käfer-Katastrophe schwerwiegender als die des Orkans Kyrill: „Da lag nach einer Nacht alles, da wusste man, was los ist. Diesmal ist es so, als ob wir in einem Hamsterrad laufen, das sich immer schneller dreht. Ständig ist die Situation neu.“ Und neu meint fast ausnahmslos schlechter.

In Zeiten des Klimawandels werden die Waldbauern nicht umhin kommen, klimastabilere Mischwälder aufzubauen. Dazu wird aber Manpower nötig sein, und zwar auf Jahre. „Es ist von der Politik unverantwortlich, in dieser Situation an die Umstrukturierung der Forstreviere und die Reduzierung des Personals zu denken“, kommentiert Szostak die Sparpläne von Landesforsten (die SZ berichtete mehrfach).

Aber nicht nur Förster werden gebraucht: Auch Waldarbeiter und Fahrer von Holztransportern sind derzeit äußerst gefragt. Denn das Holz muss raus aus dem Wald – ein einziger Brutbaum, der stehenbleibt, kann einem ganzen Fichtenbestand den Garaus machen.

Die Mudersbacher Haubergsgenossen wollen deshalb das frühere Nasslager hinter der Firma Patz reaktivieren – wenn auch als Trockenlager. Entscheidend ist: Von dort aus sind die nächsten Fichtenbestände mehr als 500 Meter entfernt, und so weit fliegt kein Borkenkäfer.

Dass der Transport und die Zwischenlagerung zusätzlich ins Geld gehen, fällt angesichts der Marktlage kaum noch ins Gewicht, wie Friedhelm Mockenhaupt verdeutlicht: „Selbst wenn Sie Ihr Holz verschenken wollen, bekommen Sie es im Moment nicht los.“

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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