»Dem Wahren, Guten, Schönen soll unser Lied ertönen«

In Kirchen wurde schon früh dem organisierten Gesang gefrönt/Männer blieben am Anfang unter sich/Vereine in (fast) allen Ortsteilen

thor Kirchen. Wer kann heute noch sagen, wann und wo und bei welcher Gelegenheit es den ersten organisierten Gesang in der Welt gegeben hat? Das Singen mag (fast) so alt wie die Menschheit selbst sein, doch die ersten Vereine, die sich ausschließlich dem Gesang verpflichtet sahen, wurden erst spät aus der Taufe gehoben. In Kirchen war es Mitte des 19. Jahrhunderts soweit. Was die Geschichte der Chöre und Gesangvereine angeht, so sind zwar viele Daten in Erinnerung geblieben, manches aber ist vom Mantel der Zeit bedeckt worden, und auch das Archiv des Heimatvereins kann nicht alle Fragen beantworten. Sollten Leser Ergänzungen haben oder andere Versionen von der Geschichte der Kirchener Chöre und Gesangvereine kennen – der Heimatverein Kirchen (in Person von Werner Panthel und Henning Plate) sowie die SZ sind für jede Nachricht dankbar.

Der 7. Juli 1897 gilt als offizielle »Geburtsstunde« des MGV »Liederkranz« Kirchen. Damals gründeten etwa 20 junge Männer, überwiegend Beschäftigte der Fa. Jung, in der Gastwirtschaft Lang einen Gesangverein – allerdings noch unter dem Namen MGV »Jungenthal«. Das Motto lautete: »Dem Wahren, Guten, Schönen soll unser Lied ertönen.« Erst ein Jahr später nannte man sich »Liederkranz«, nachdem man durch zahlreiche Neuzugänge gezwungen war, ein größeres Vereinslokal zu nutzen.

Doch Henning Plate hat Aufzeichnungen gefunden, wonach schon am 23. April 1850 ein Männer-Gesangverein ins Leben gerufen wurde, der ebenfalls den Namen »Liederkranz« trug. Die ersten Dirigenten waren die beiden Lehrer Arnsdorf und Ungewitter, geprobt wurde zunächst im Haus von Adam Höfling. Doch dann gab es offenbar Unstimmigkeiten im Verein, die 1861 zur Gründung eines zweiten Männerchores führten. Dieser könnte später auf den Namen »Concordia« getauft worden sein, denn der Heimatverein verfügt über ein Bild, das die Fahnenweihe eines solchen Vereins zeigt. Beide Vereine sollen in der Bahnhofstraße in der ehemaligen Posthalterei (später Haus Düsberg) geprobt haben, bis sich der MGV »Liederkranz« auflöste.

»Du liebliche Sieg, Rheinlandens Zier«

Wie dem auch sei: 1897 wurde auf jeden Fall der »Liederkranz« neu gegründet. Zwei Jahre später folgte der erste öffentliche Auftritt bei einem Volksliederkonzert. Der Verein nahm an zahlreichen Wettbewerben teil und errang viele Preise. 1906 übernahm Musikdirektor Josef Cleuver aus Siegburg die Leitung und behielt sie bis 1933. Eines seiner Lieblingslieder hatte die Zeilen: »Wo die muntere Sieg zu dem Rheine hineilt, wo Burgen auf waldigen Höhen, in freundlichen Städtchen der Wanderer gern weilt, da ist meine Heimat so schön. Ich grüße Dich, Du mein Heimatfluß, Du liebliche Sieg, Rheinlandens Zier, und wenn ich einmal scheiden muß, so bleibt mein Herz doch bei Dir...«

Schwierige Zeiten durchlebte der Chor vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Doch zum 25-jährigen Bestehen 1922 zählte man 94 aktive Sänger. Im Zweiten Weltkrieg kam das Vereinsleben – wie bei fast allen anderen Chören auch – zum Erliegen, da viele Mitglieder in den Krieg ziehen mussten. So wurde das »50-Jährige« 1947 auch nur in kleinem Rahmen gefeiert. Ab 1954 war der MGV »Liederkranz« zusammen mit dem VfL und dem Schützenverein »Tell« Träger des Volks- und Schützenfestes in Kirchen. Nicht nur mit der Zahl der Aktiven ging es wieder aufwärts, zahlreiche bekannte Solisten und Chöre aus ganz Deutschland konnten auf Einladung des MGV an der Sieg begrüßt werden. 1992 wurde das vereinseigene Sängerheim an der Siegbrücke eingeweiht, 1997 feierte man das »100-Jährige«, dem »Liederkranz« wurde zu diesem Anlass die Zelter-Plakette verliehen.

Im 400. Geburtsjahr von Martin Luther wurde 1883 von Männern und Frauen aus Kirchen und Betzdorf ein ev. Kirchenchor gegründet. Zwar wird schon 1846 ein »kirchlicher Gesangverein« erwähnt, Pfarrer Semmelroth (1920 bis 1933 in Kirchen) war aber der Ansicht, dass es sich hier wohl um einen Schülerchor gehandelt hat. Erster Dirigent des Chors war ein Lehrer Lang, gesungen wurde abwechselnd in Betzdorf und Kirchen. Fortschrittlichkeit bewies man 1893, denn da wurde der Kirchenchor zum »gemischten Chor« mit 60 bis 80 Aktiven. Ab 1897 fanden plötzlich keine Proben mehr statt. Vermutlich, so Henning Plate, strebte das aufstrebende Betzdorf nach mehr Selbstständigkeit.

Als am 5. November 1899 das neue ev. Gemeindehaus in Kirchen eingeweiht wird, ist dies auch die Gelegenheit, dem Kirchenchor neues Leben einzuhauchen. In der Satzung heißt es: »Der ev. Kirchenchor stellt sich die Aufgabe, im Anschluß an die bestehenden deutsch-evangelischen Kirchengesangsvereine den kirchlichen Chorgesang zu pflegen und dadurch den Gottesdienst und das kirchliche Leben zu heben und zu fördern.«

Auch für den Kirchenchor kamen dann nicht einfache Zeiten; 1946 übernahm dann Karl Horn aus Wehbach die Leitung, auf ihn folgte Hans Gerth, ebenfalls aus Wehbach. Einen Aufschwung erlebte der Kirchenchor in den 60er Jahren unter seinem Chorleiter Herbert Ermert. Als dieser seinen Vertrag 1971 kündigte, kam wenig später auch für den Kirchenchor das Aus. Erst nach fast zehnjähriger Pause erfolgte 1983 die Neugründung. In Wehbach hatte sich 1946 ein eigener ev. Kirchenchor gebildet, der Jahrzehnte lang von Hans Gerth – ab 1978 mit dem Titel »Kantor« versehen – geleitet wurde. Seit 1980 wird der Chor von Helmut Kipping aus Kirchen geführt.

Auf das Betragen der Sänger geachtet

Als Vorläufer des kath. Kirchenchors war 1881 der MGV »Cäcilia« entstanden. Am 30. Januar 1885 legte man in den Statuten fest, dass die Hauptaufgabe die »Verherrlichung des Gottesdienstes durch würdigen Kirchengesang« ist. Mitglied konnte jeder Mann ab 18 werden, »dessen religiöses sowie bürgerliches Betragen keinen Anstoß erregt und dessen Stimme die nötige Kraft sowie Klang und Umfang hat, um als tätiges Mitglied des Vereins mitwirken zu können«. 1885 gab es 30 Sänger, und der Chor erhielt eine erste Vereinsfahne. Als die St.-Michaels-Kirche am 16. Juli 1889 eingeweiht wurde, sang man erstmals eine vierstimmige Messe. Kurios: Als der Chor 1891 sein zehnjähriges Bestehen feiern wollte, konnte der genaue Gründungstag nicht mehr ermittelt werden – man einigte sich auf den 29. Juni. Ab 1900 firmierte man unter »Katholischer Kirchenchor Cäcilia«. Dirigent war 46 Jahre lang (!) Josef Schuhen. Von 1912 stammen Hinweise, dass auch ein kath. Frauenchor bestand. Allerdings dauerte es bis 1947, bis die Frauen offiziell in den Kirchenchor aufgenommen wurden. 1952 übernahm für 40 Jahre Hubert Lessenich den Dirigentenstab. Mit ihm zusammen wurde 1981 auch der 100. Geburtstag begangen.

Freusburger waren früh dran

Auch in den Kirchener Ortsteilen kamen schon früh passionierte Sänger zusammen, in Freusburg bereits 1851, als 14 Männer im Rittersaal der Burg die »Einigkeit« gründeten. 1926 wurde hier das Sänger-Bundesfest mit 30 Vereinen aus. In Wehbach existierte seit dem 26. April 1868 ein Gesangverein, der sich bald darauf »MGV Männergesangverein Wehbach« nannte. Ende der 1970er Jahre wurde es ein gemischter Chor, der seit 1985 unter dem Namen »Singkreis 1868 Wehbach« bekannt ist. Es muss aber früher auch einen Gesangverein »Frohsinn« in Wehbach gegeben haben, über den es allerdings keine Aufzeichnungen gibt.

In Offhausen besteht seit 1885 der von Bergleuten gegründete Gesangverein »Liederkranz«. Auch im benachbarten Herkersdorf gab es ab 1876 einen Chor. Dessen Vereinsfahne wird heute im Heimatmuseum aufbewahrt. Der MGV »Einigkeit« Katzenbach entstand 1894 und ist heute noch der kulturtragende Verein des Dorfes. Das gemeinsame Singen kann in Kirchen also auf eine 150-jährige Tradition zurückblicken. Und auch wenn den ein oder anderen Chor mittlerweile Nachwuchssorgen plagen: Wenn eine Sache erst in der Gemeinschaft richtig Freude macht, dann ist es der Gesang.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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