»Den Damen ist der Zutritt zum Schießstand verboten«

Kirchens männliche Schützen wollten zunächst unter sich bleiben/»Tell« bereits 1876 gegründet/Drei weitere Vereine folgten

thor Kirchen. Keiner hat Pfarrer i.R. Hans Fritzsche widersprochen, als er an dieser Stelle behauptete, dass die Kirchener früher »alle Militaristen« waren. Es handelte sich um jene Zeiten, da Nationalstolz die Pflicht des braven Bürgers war. Vor allem nach dem Krieg von 1870/71 blieb kein Dorf in Deutschland von der allgemeinen »Hurra-Stimmung« unberührt. Wenn es nicht schon Schützenvereine gab, so wurden diese spätestens in diesen Jahren gegründet. Stehen heute in den Vereinen der sportliche Wettkampf und die Geselligkeit im Vordergrund, waren damals die Bezüge zum Militär ebenso offensichtlich wie gewollt.

Henning Plate vom Kirchener Heimatverein weist darauf hin, dass es bereits vor der offiziellen Gründung des Schützenvereins »Tell« Kirchen im Jahr 1876 eine Art organisierten Schießbetrieb in der Gemeinde gab. Schon im Sommer 1867 sollen sich 14 Männer »auf der Önner« getroffen haben, um gemeinsam auf Scheiben zu schießen. Hierzu fehlen allerdings genaue Unterlagen. Man weiß nur, dass der Dienst als Soldat Vorraussetzung für die Mitgliedschaft in diesem vielleicht ersten Schützenverein war.

Wie gerade erwähnt: Neun Jahre später wurde der Schützenverein schließlich »aktenkundig«, als sich neun junge Männer zusammen fanden und ihrem Verein in Anlehnung an die Schweizer Sagengestalt den Namen »Tell« gaben. Nun war es in Kirchen (und wohl nicht nur dort) fast schon normal, dass ein Verein in den ersten Jahren mit jeder Menge Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. So wechselte bis 1890 bei den Schützen fast jährlich der Vorstand. Ab jenem Jahr kann man nahezu alle Könige in der Chronik nachlesen. Der erste »Registrierte« war 1890 Heinrich Sänger. Er errang seinen Titel auf einem Schießstand auf der Kircherhütte.

Neue Fahne kostete 500 Mark

Henning Plate erinnert daran, dass bereits zwei Jahre zuvor von den Schützen der Kauf einer eigenen Vereinsfahne »ins Visier« genommen wurde. Der erste Fahnenträger sollte Heinrich Wurm sein. Doch es dauerte zehn Jahre, bis die Fahne auch angeschafft wurde. Genau in diesem Jahr, 1898, war allerdings ausgerechnet Heinrich Wurm Schützenkönig. So ist es höchst fraglich, ob der amtierende Regent auch die Fahne tragen musste. Plate: »Die neue Fahne kostete stolze 500 Mark. Da war die Krone für die Königin schon preiswerter. Sie war für 20 Mark zu bekommen!«

Dass der Schützenverein plötzlich in der Lage war, derartige Anschaffungen zu tätigen, lag vielleicht auch am ersten Ehrenmitglied – dem Kirchener Lederfabrikanten Otto Kraemer. 1899 und 1900 avancierte mit Ernst Schulz erstmals der Bürgermeister zum Schützenkönig. Ganz langsam machte man sich auch erste Gedanken über eine eigene Schützenhalle. Vorschläge wurden gemacht und Kostenvoranschläge eingeholt – doch Konkretes entstand daraus nicht.

In der Jahreshauptversammlung am 17. April 1910 beschlossen die Schützen ihren Austritt aus dem Rheinischen Schützen-Verband und traten dem Hessisch-Nassauischen Schützengau bei. Ein Jahr später folgte die Umbenennung in SV »Tell« Kirchen-Wehbach. Als Schützenkönig musste man einen Hofstaat mit mindestens sechs Paaren stellen. 1913 und ’14 stand erneut das Gemeindeoberhaupt auch an der Spitze des Schützenvereins: Bürgermeister Otto Zartmann. Während des Ersten Weltkriegs und auch kurz danach mussten die inzwischen 63 Mitglieder zunächst auf ihr Hobby verzichten. Die Besatzungsmächte verboten den Schießsport, die Anlage auf der Kircherhütte wurde still gelegt, dort sollten Wohnhäuser entstehen.

Um den Schützenkönig 1920 zu ermitteln, wichen die Kirchener auf den Schießstand nach Betzdorf aus. Mitte der 20er Jahre wurde ein Pachtvertrag mit der Wehbacher Haubergsgenossenschaft abgeschlossen, um einen neuen Schießstand anzulegen. 1924 fing man mit den Arbeiten an, zwei Jahre später konnte erstmals ein König ausgeschossen werden. Doch auf ein Schützenfest musste in diesen mageren Jahren wegen Geldmangels verzichtet werden. 1927 fand die Feier im Saale Heikaus statt, 1928 in Wehbach. Zu dieser Zeit scheinen sich merkwürdige Dinge abgespielt zu haben, denn 1929 wurde folgender Beschluss gefasst: »Den Damen ist der Zutritt zum Schießstand und den Versammlungen des Schützenvereins verboten. Bei Vereinsfestlichkeiten und Schießveranstaltungen werden Damen ausgeschlossen, wenn sie durch ihr Verhalten Ärgerniß erregen.«

Während der Nazi-Diktatur war auch der »Tell«-Verein gleichgeschaltet. Werner Panthel vom Heimatverein kann sich noch erinnern, dass öfters die HJ auf dem Schießstand »zu Gast« war. Nach Ende des Krieges war es dann sehr schwer, das Hobby wieder aufzunehmen, war doch jeglicher Waffenbesitz verboten. »Selbst die Förster und Jäger mussten ihre Gewehre abgeben. Das führte zu einer großen Wildschweinplage«, so Pfarrer Fritzsche. So konnte erst im August 1952 ein neuer Vorstand gewählt werden. Die ablehnende Haltung in der Bevölkerung gegenüber jeder Form von Waffen hatte sich schnell wieder gewandelt. Aus dem ersten Vogelschießen nach dem Krieg im Jahr 1954 ging Metzgermeister Edmund Gerhardus hervor. Die Kirchener genossen wieder ausgelassen ihre Schützenfeste, worüber an dieser Stelle schon ausführlich berichtet wurde.

Der Schützenverein feierte bei diversen Meisterschaften große Erfolge, ab 1958 wurde neben Luftgewehr und Kleinkaliber auch mit der Pistole geschossen. Und als 1972 dann endlich auch Frauen beim Vogelschießen zugelassen wurden, zeigten diese direkt Flagge: Prompt wurde Liesel Weber Schützenkönigin. 1974 wurde eine neue Königskette angeschafft. Das Kuriosum: Der letzte Träger der alten Kette, Klaus Weber, verewigte sich als erster Schützenkönig auch auf der neuen Insignie der Regentschaft. Als der Verein 1976 sein 100-jähriges Bestehen feierte, sagte Bürgermeister Paul Wingendorf: »In der langen, wechselvollen Geschichte, in guten und schlechten Zeiten, hat der Schützenverein seiner Tradition gedient und den Schießsport sowie die Geselligkeit im dörflichen Leben gepflegt und damit der Heimat in Treue gedient.«

Bereits 1952 wollten einige junge Männer aus den Reihen des Wandervereins »Fahrende Gesellen« eine eigene Schützenabteilung gründen, was aber im Vorstand auf wenig Gegenliebe stieß. Kurzerhand gründete man einen eigenen »Verein für Geselligkeit«, aus dem später – genauer am 30. November 1979 – die Sportschützen Grindel wurden. Der Name lag auf der Hand, kamen die meisten Mitglieder doch aus diesem Ortsteil. Vereinslokale waren die Gaststätten Himmrich und Rückert. Als erster »Schießstand« diente die alte Schutthalde der Fa. Jung. Erster Schützenkönig war 1953 Werner Stock, allerdings noch inoffiziell. Der erste »richtige« König war 1960 Ewald Windhagen. Inzwischen hatte man in viel Eigenarbeit einen eigenen Schießstand errichtet, der im April 1994 durch den Neubau zwischen Freibad und Turnhalle in Wehbach »abgelöst« wurde.

1954 war in Wehbach/Wingendorf die Schützenbruderschaft St.Hubertus im Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften entstanden. Das Schützenhaus in Wingendorf wurde in den Jahren 1963/64 gebaut und später erweitert. 1972 erhielt Freusburg seinen eigenen Verein – die Sportschützen. Von Spenden wurde das erste Gewehr gekauft, erster Schützenkönig war Werner Jung. Im Februar 1980 begann man mit den Arbeiten für das heutige Schützenhaus auf dem Gelände der ehemaligen Grube »Wilhelmine«.

Fotos: Heimatverein Kirchen/Henning Plate

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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