Die „Schneemänner" und Thomas Schmidt ziehen sich zurück
Der Friesenhagener Karneval erlebt eine Zäsur

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thor Friesenhagen. Oha, das ist mal ein Schnitt, und zwar ein radikaler. Der Friesenhagener Karneval muss künftig auf zwei tragende Säulen verzichten. Am Samstagabend verkündeten sowohl die „Schneemänner“ als auch Sitzungspräsident und Dampfplauderer Thomas Schmidt ihren Rückzug von der Bühne. Sie alle haben in den vergangenen Jahren der 5. Jahreszeit im Wildenburger ihre mehr oder weniger fetten Stempel aufgedrückt.

In der Tat werden die Zeiten härter in Friesenhagen. Das merkt man im Gemeinderat (nix mehr mit Harmonie), das merkt man im Karneval. Zu martialischen Klängen eroberte zur großen Sitzung eine wilde Horde die Mehrzweckhalle: Die Wikinger waren an den Gestaden des Wildenburger Landes angekommen. Unbarmherzig. Gnadenlos. Doch keine Angst: Weder hatten sie es auf die verborgenen Schätze von Schloss Crottorf abgesehen, noch wollten sie eine neue BI gründen. Das einzige Ziel der Invasion: Gute Laune verbreiten, ohne Kompromisse. Das ist den Nordmännern hervorragend gelungen.

Als hätte es noch eines Beweises bedurft: Egal welches Motto man dem Elferrat auch gibt, er setzt es grandios um. Die Jungs könnten vermutlich auch das Thema „Heuschnupfen“ für den Karneval adaptieren. Und die Organisatoren können sich ihrerseits auf ein treues Publikum verlassen. Bei ihrer Invasion trafen die Wikinger auf jede Menge Landsleute im Saal: „Ihr seid bescheuert, schön bescheuert, dass ihr immer diesen Wahnsinn mitmacht”, bedankte sich Schmidt für die Kostüme. Was längst wie ein Selbstläufer wirkt, ist in Wirklichkeit harte Arbeit. Und so war auch dieser närrische Feldzug wochen-, ja monatelang vorbereitet worden.

Aber, wie gesagt: Bei aller Fröhlichkeit war es auch ein trauriger Abend, denn nach 22 Jahren standen ein letztes Mal die „Schneemänner“ auf der Bühne. Aufhören, wenn es am schönsten ist, hatte Ober-Schneemann Uwe Knepper im Vorfeld im Gespräch mit der SZ gesagt. Man habe inzwischen auch ein gewisses Alter erreicht. In der Tat ist das älteste Mitglied 72, und wie ein Wink des Schicksals hatte sich ausgerechnet Knepper bei den Proben schwer an Arm verletzt. So tanzten sie ein letztes Mal, traten aber in der Gewissheit ab, dass sie selbst den Weg für viele junge Friesenhagener im Karneval geebnet haben. Das gilt auch für Thomas Schmidt, der erst ganz zum Schluss die Katze aus dem Sack ließ und alle überraschte. Auch er wäre diesen Schritt niemals gegangen, wenn er nicht wüsste, dass er ein glänzend bestelltes Feld zurücklässt.

Denn viele junge Friesenhagener engagieren sich mit viel Herzblut im Karneval: Der eigenen Stärke ist man sich inzwischen bewusst, soll heißen: Die Zeit der Kölner Importe ist endgültig vorbei. Büttenredner Frank Friedrichs („Ne Spätzünder”) gilt inzwischen als eingemeindet im Wildenburger Land. Er berichtete von den Leiden eines Teenager-Vaters. Der Mann ist zweifellos gut, einer aber ist besser: Thomas Wickler. Niemandem tritt man zu nahe, wenn man behauptet, dass er bei der Analyse des Geschehens vor Ort mit seinem tiefgründig-subtilen Humor in einer anderen Liga spielt. Und auch der Ex-Küster hatte sich am diesjährigen Motto orientiert: Wenn schon kein Auftritt als Wikinger, dann diesmal eine etwas härtere Gangart.

Dass ihm nichts verborgen bleibt, ist bekannt, weder ein zäher Pool-Bau in Friesenhagen noch die Einzelheiten der Hochzeitsnacht von Natascha und Tim Feldmann. Als Ratsmitglied ist Wickler selbstverständlich auch manche Entwicklung im Gemeinderat nicht entgangen. Und er machte keinen Hehl aus seiner Überzeugung, dass eigentlich nur parteilose Arbeit die Gemeinde voranbringt. Nun weiß jeder, in welcher Reihe Wickler im Rat sitzt. Daher bekam erstmal CDU-Fraktionssprecher Christoph Strahlenbach sein Fett weg. Der habe sich zur Vorbereitung auf die Haushaltsrede acht Tage in Tiefschlaf begeben, jetzt werde der Depp gesucht, der ihn geweckt habe. Christoph Gehrke von der Liste Zimmermann hingegen sei so grün: „Wenn der mal stirbt, wird er nicht beerdigt, sondern kompostiert.“ Und dann ließ Wickler seinen alten Kumpel, Ex-Papst Benedikt, zu Wort kommen – vielmehr über den CDU-Vorsitzenden Matthias Mockenhaupt herziehen. Überhaupt sei die komplette (CDU-)Liste „Marionetten der Neuhöher Puppenkiste”. Fraktionskollege Thomas Schmidt fiel fast vom Stuhl vor Lachen. Dennoch dürfte Wickler in den nächsten Tagen garantiert dem einen oder anderen die Frage beantworten müssen, warum denn Norbert Klaes so glimpflich davonkam. Ist es doch nicht so, dass der Ortsbürgermeister zuletzt rein gar keine Angriffsfläche geboten hätte.

Völlig unpolitisch sind freilich die Tänze und Musikvorführungen. Man kann sich an dieser Stelle nur wiederholen: Friesenhagen kann mächtig stolz auf die DJK und ihre Tanzgruppen sein. 100 Jahre nach der Gründung der Deutschen Jugend Kraft stehen Gruppen wie „Hot Socks“, „No Limits“ oder „Confused Beats“ dafür, dass auch Traditionen im 21. Jahrhundert bestehen können, sofern sie denn so entstaubt werden wie hier. Musikalisch hatte Elferratsmitglied Jan Günther mit „Korns Kellerband“ seine Hochzeitskapelle aus dem vergangenen Jahr mitgebracht, und der Musikverein „Concordia“ zeigte, dass er auch die aktuellen Charts kennt.

Das Motto für das nächste Jahr ist übrigens „Karneval in San Francisco 69“. Eine Erinnerung an den „Summer of love“ – was gewissermaßen etwas Hoffnung macht, dass die Zeiten in Friesenhagen wieder kuscheliger werden. Für den Soundtrack wird dann nicht Rammstein, sondern Scott McKenzie sorgen.

Autor:

Thorsten Stahl (Redakteur) aus Betzdorf

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