Der frühe Schüler »fängt« die Lehrstelle

Rechtzeitige Bewerbung, Praktika und klassische Tugenden erhöhen die Erfolgschancen

thor Kirchen. Am Morgen hatten Berthold Löcherbach noch erhebliche Zweifel geplagt: Sollten er und seine Kollegen vielleicht doch zu viele Stühle aufgestellt haben? Einige Stunden später waren die Bedenken ausgeräumt, weil genau das Gegenteil eintrat: Die Sitzgelegenheiten wurden zur Mangelware. Die Duale Oberschule auf dem Molzberg hatte am Donnerstag zur Praktikumspräsentation und Informationsbörse eingeladen, doch das größte Interesse fand eine Podiumsdiskussion zu Themen rund um die Ausbildung. Die deutlich formulierte Einladung von Rektor Löcherbach hatte offenbar gewirkt. Man gehe davon aus, »dass alle Eltern der Entlassschüler die Gelegenheit wahrnehmen, sich über die Ausbildungssituation 2004 zu informieren«.

»Mut machen und Anstöße geben«

»Unsere Aufgabe ist es, Hilfe zu geben auf dem schwierigen Weg in die Ausbildung. Wir wollen Mut machen und Anstöße geben«, umriss der Schulleiter im Vorfeld die Ziele der Veranstaltung. Gleichzeitig solle klar werden, dass es ohne Leistungsbereitschaft und Ehrgeiz sehr schwer werde. »Wir brauchen engagierte Leute«, so Löcherbach. Die gute Resonanz wertete er als Zeichen dafür, dass auch die Eltern mittlerweile wissen, was die Stunde geschlagen hat.

Keine Entspannung in 2004

Doch statt Lob mussten sich die Zuhörer der Diskussionsrunde, die von MdL Franz Schwarz moderiert wurde, zunächst kritische Töne gefallen lassen. Guntram Böhmer vom Arbeitsamt Neuwied ging davon aus, dass sich auch im nächsten Jahr die Situation auf dem Ausbildungsmarkt kaum entspannen werde. »Was mir Sorge bereitet, ist der Aktivitätsgrad an Bewerbungen«, berichtete Böhmer. Erst ein Fünftel bis ein Viertel der Entlassschüler hätten Bewerbungen für das kommende Jahr geschrieben. »Das lässt mich doch sehr nachdenklich werden«, so der Arbeitsamtsvertreter, denn: »Nach hinten raus wird es eng.« Bereits im Januar würden 50 Prozent der Lehrstellen für 2004 besetzt sein.

»Viele nehmen das zu leicht«

Ähnliche Erfahrungen hat Josef Gans als Ausbildungsberater der Handwerkskammer Koblenz gemacht: »Viele, viele Jugendliche nehmen das zu leicht und lassen sich treiben.« Dabei habe es das Handwerk im nördlichen Rheinland-Pfalz mit »erheblichen Kraftanstrengungen« geschafft, noch einmal mehr Ausbildungsplätze als im vergangenen Jahr zur Verfügung zu stellen. Gans riet den Jugendlichen, sich nur auf einen (Wunsch-)Beruf zu konzentrieren. Und gerade für DOS-Abgänger biete das Handwerk attraktive Möglichkeiten – bei 60 Prozent der Stellen reiche ein guter Hauptschulabschluss.

Bei der AOK im Kreis Altenkirchen sei die Auswahl der Azubis für 2004 bereits getroffen worden, berichtete Regionaldirektor Edgar Holzapfel, der am Podium die Verwaltungen vertrat. Den schriftlichen Einstellungstest bei der Krankenkasse würden noch relativ viele Bewerber schaffen, aber: »Viele outen sich, wenn sie dann in einer Diskussion keinen Redebeitrag leisten können.« Holzapfels dringender Appell an die Schüler: »Es muss deutlich werden, dass ich dahin will, dass ich das Unternehmen kenne. Verkaufen sie sich so teuer wie möglich.« Und weiter: »Sie können nicht früh genug damit beginnen, sich zu bewerben. Sehen Sie die Schule nicht als wirkliche Alternative, die Lehrstelle sollte für sie das Allerwichtigste sein.«

Berthold Löcherbach betonte, dass man an der Schule versuche, die Schüler möglichst früh dazu anzuleiten, sich konkret mit Ausbildung bzw. Bewerbungen zu beschäftigen. Leider müsse man oft genug feststellen, dass erst im Mai oder Juni entsprechende Aktivitäten stattfinden würden: »Das wird dann für alle dramatisch.« Er rief Eltern, Lehrer und Unternehmer dazu auf, sich als Einheit zu verstehen und die gemeinsamen Anstrengungen auf ein Ziel auszurichten: die Schüler. Ermutigende Worte für die DOS-Schüler fand Reinhold Krämer, der neue Schulleiter der Berufsbildenden Schule Wissen. Seiner Einschätzung nach hätten die Absolventen dieser Schulform durchaus Vorteile gegenüber Gleichaltrigen, wären diese doch aufgrund des praxisnahen Unterrichts eher mit Werten wie Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Ausdauer vertraut. Krämer erzählte aber, dass es im Land derzeit 1800 Jugendliche gebe, die in keiner Statistik auftauchten, weil sie eine »Warteschleife« in den Berufsschulen drehen würden. Sein Tipp: ein freiwilliges Praktikum in den Ferien. »Das macht einen guten Eindruck.«

Am regionalen Angebot orientieren

In der Diskussionsrunde war man sich einig, dass persönliches Engagement und Eigeninitiative manche schlechte Noten ausbügeln können. Guntram Böhmer forderte die Jugendlichen und ihre Eltern dazu auf, sich stärker am tatsächlichen Angebot des regionalen Arbeitsmarkts zu orientieren. Es könne nicht sein, wie jüngst bei einem Besuch in Herdorf erlebt, dass sich nur ein oder zwei Schüler für einen industriellen Metallberuf interessieren würden.

Auch bei der Fa. Wurth in Niederfischbach würde man sich freuen, wenn Jugendliche nicht nur in Büros, sondern auch in der Produktion arbeiten wollten. Geschäftsführer Friedhelm Wurth verwies auf die Chance des »Hocharbeitens« und gab damit das Stichwort für Josef Gans: Eine handwerkliche Ausbildung öffne einem alle Türen. Vereinbart wurde zum Schluss, dass der Kontakt zwischen Betrieben und Schule intensiviert und besser über neue Berufsbilder wie die Fachkraft für Lagerwirtschaft (nein, dahinter versteckt sich kein Staplerfahrer) informiert wird. Auch Bürgermeister Wolfgang Müller sagte die Unterstützung der Verbandsgemeinde zu und empfahl gleichzeitig die Gewerbedatenbank der Strukturförderungsgesellschaft. Alle Bemühungen führen freilich nur zum Erfolg, wie Reinhold Krämer anmerkte, wenn auch die Eltern ihrer Verantwortung gerecht werden.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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