»Die Kirchener waren alle begeisterte Militaristen«

Die früheren Volksfeste in der Sieggemeinde (Teil 1): Besonders das Kriegerfest zog die Massen an

thor Kirchen. Lang ist´s her, aber Pfarrer i.R. Hans Fritzsche weiß noch genau, wie er in den 20er Jahren vom elterlichen Haus aus das Geschehen auf der Bahnhofstraße verfolgte: »Vorneweg marschierte die Knüppelmusik mit Pfeifen und Trommeln, dann kamen die Offiziere aus dem Ersten Weltkrieg mit ihren Pickelhauben, anschließend eine riesige Schar von Kriegsinvaliden. Die trugen alle Kyffhäusermützen. Unter ihnen waren noch Veteranen von 1864/65 und 70/71. Die Spazierstöcke wurden wie Gewehre geschultert. Die Parole lautete: Orden und Ehrenzeichen sind zu tragen. Da trugen manche einen ganzen Blechladen am Körper.«

Was Fritzsche hier so anschaulich schildert, war der jährliche Aufmarsch des Kirchener Kriegervereins. Es war das Fest in der Gemeinde überhaupt: das Kriegerfest, das zwischen 1869, dem Jahr der Gründung des Vereins, und 1936, als die Gleichschaltung der Vereine kam, stets im Sommer gefeiert wurde. Ganz Kirchen war bei diesem Volksfest auf den Beinen. Doch hat damit natürlich nicht das Feiern an sich in Kirchen begonnen.

Waren es in heidnischer Vorzeit noch Opferfeste und Sonnenwendfeiern, wurden diese mit der Christianisierung durch traditionelle Feste wie Weihnachten, Ostern etc. ersetzt. Jedes Dorf mit einer Kirche feierte später das Kirchweihfest, kurz Kirmes genannt. Hier, wie auch auf den wiederkehrenden Märkten, traf sich das Volk und tauschte Neuigkeiten aus. Es wurde gefeiert, getrunken und gerauft, allerdings zunehmend in einem Maße, das Kirche und Obrigkeit zu denken gab. Schon Pfarrer Ungewitter hatte 1730 darüber geklagt, dass die Sonntage in Kirchen »mehr einem Jahrmarkt als einem Feiertage ähnlich sind«.

Bald schon wurden die ersten Gesetze erlassen, die es den Wirten untersagten, den »liderlichen Säufern« mehr als ein halbes Maß Bier zu zapfen. Auch das Spielen um Geld war bei Strafe verboten. Henning Plate vom Heimatverein hat nachgelesen, dass der Fürst zu Wied 1781 dem gemeinen Volk die Erlaubnis entzog, »Prosit« zu sagen: »Weil unter dem Vorwand des Gesundheitstrinkens ein großer Mißbrauch vorgehet und der Weg zur Völlerey gebahnt wird....« Diese Regelung gefiel den benachbarten Landesherren in Sayn und Nassau-Siegen so gut, dass sie sie flugs übernahmen.

Gegen eine allzu strenge Reglementierung sprach sich aber bereits 1760 Amtsverwalter Thomas Friedrich Wurm auf der Freusburg aus: »Es sollen jedoch tunlichst die von den Alten hergekommenen Bräuche, als da sind der Richtbaum und der gottwohlgefällige Zimmermannsspruch wie ebenfalls der anmuthige Reigen der Maiden nicht dem Vergessen anheimfallen.« Kräftig gefeiert werden durfte freilich bei Hochzeiten der Landesfürsten, so 1754, als Markgraf Christian Carl Alexander mit Friederike Caroline von Sachen-Coburg-Gotha vermählt wurde. Den ganzen Tag lang feuerten zu Ehren des Brautpaars die Kanonen auf der Freusburg. Eine große Feier gab es auch 1803 am Kirchener Bergamt, als Landesherr Friedrich August von Nassau-Usingen zu Besuch weilte. Knappen und Hüttenleute standen in Tracht in langen Reihen Spalier, ist überliefert. Noch einmal donnerte der Klang der Kanonen durchs Siegtal, als 1840 Friedrich Wilhelm IV. den Thron bestieg. Hierbei ließ allerdings – in Folge eines Rohrkrepierers – ein junger Mann aus Katzenbach sein Leben.

Nach den gewonnenen Kriegen Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs auch in Kirchen das nationale Selbstbewusstsein, was sich u.a. in der eingangs erwähnten Gründung des Kriegervereins niederschlug. Henning Plate hat einen Bericht gefunden, in dem es heißt: »Anlässlich des Kriegerfestes 1872 war der Boden auf dem Festgelände ,Im Sand´ auf den Jungenthal vorgelagerten Wiesen so aufgeweicht, daß man Laufstege anlegen mußte. Die Männer erschienen in Schaftstiefeln, die Frauen hatten ihre schönsten Kleider zuhause lassen müssen. Von der Freusburger Bastion aber schickte dennoch eine Kanone unentwegt ihren Salut in den wolkenverhangenen Himmel. Man hatte sich das Geschütz aus Koblenz ausgeliehen.«

Wer in Kirchen etwas auf sich hielt oder ein hohes Amt inne hatte, der war wohl fast »zwangsläufig« Mitglied im Kriegerverein. Zu den Vorsitzenden zwischen 1900 und 1936 zählten u.a. Fabrikant Arnold Jung, Amtsrichter Krüger, Rittmeister Siebel und Amtsgerichtsrat Dr. Schlüter. Ein großer Festtag war der 27. Januar – Kaisers Geburtstag. Die Kinder hatten schulfrei und die Kirchener Honoratioren trafen sich im »Saynischen Hof« zum Festessen zu Ehren seiner Majestät. »Im Sand« wurde übrigens nicht lange gefeiert. Der Festzug des Kriegervereins formierte sich in der Regel am Kirmesfeld und zog von dort aus zur »Sigambria«. Dort wurden dann meist pathetische Reden geschwungen und natürlich das Deutschlandlied gesungen. Pfarrer Fritzsche weiß noch, dass es zu Zeiten von Bürgermeister Zartmann einen (einzigen) Kommunisten in Kirchen gab, der das Gemeindeoberhaupt regelmäßig dadurch auf die Palme brachte, dass er beim Deutschlandlied stur sitzen blieb.

Glücklich über singenden Prinz

»Die Kirchener waren alle begeisterte Militaristen!« Was für manche provokativ klingen mag, weiß Fritzsche aus Erfahrung. Noch lange nach Ende des Ersten Weltkriegs hätten sich die Kirchener nach der Kaiserzeit gesehnt. Als 1930 ein Schülerchor aus Potsdam in Kirchen auftrat, gab es im Dorf große Aufregung, war doch ein leibhaftiger Prinz unter den Gymnasiasten: Louis Ferdinand von Preußen aus dem Haus Hohenzollern, der bei der Familie Hintze untergebracht war. Laut Fritzsche war es für einige Kirchener das höchste Glück, wenn sie ein paar Worte mit dem Prinzen wechseln durften.

Doch nicht nur der Kriegerverein wusste zu feiern. 1928 richtete der Kirchener Kolpingverein ein großes Fahnenweihfest aus. Bei einem Festzug durch Kirchen mit über zehn Handwerkswagen, darunter die Schreiner mit kompletter Hobelbank und die Schuster mit einem überdimensionalen Stiefel, fanden die Feierlichkeiten auf der »Sigambria« ihren Abschluss.

Mit den großen Kriegerfesten war es kurz nach der Machtübernahme durch die Nazis vorbei, als 1936 das Gleichschaltungsgesetz erlassen wurde. Doch schon vorher hatten die braunen Machthaber damit begonnen, pompöse Mai-Umzüge in Kirchen zu veranstalten. 1935 war in der Zeitung nachzulesen: »Schon früh um 7.30 Uhr sammelte sich die Belegschaft der Lok-Fabrik Jung vor den Werksgebäuden, um eine Ansprache des Ortsgruppenführers der NSDAP entgegenzunehmen. Dann wurde unter dem Geheul der Fabrik-Sirene und ehernem Schweigen der Hunderte die schwarz-weiß-rote und die Hakenkreuzfahne hochgezogen, das Horst-Wessel-Lied klang aus, der Zug ging zum Platz oberhalb Kirchens. Ein frischer Morgenwind ließ Hunderte von Fahnen und Wimpeln und Papierfähnchen flattern, raschelte durch vieles Birken- und Tannengrün, das aus den Fenstern grüßte. Einer hatte den anderen übertroffen, ganze Straßenzüge wetteiferten im Schmuck des Maiengrüns...«

Ebenfalls populär waren im Dritten Reich die Ernte-Umzüge. Zum Erntedankfest ging in den 30er Jahren ein Marsch über die Hauptstraße zum Kirmesfeld. Die Teilnehmer trugen Sensen und Mistgabeln auf der Schulter und trugen Körbe, gefüllt mit Obst und Feldfrüchten. – Im zweiten Teil dieser Folge werden Schützenfeste, »Börnches Kirmes« und »Michaelis-Markt« zu neuem Leben erweckt.

Fotos: Heimatverein Kirchen/Henning Plate

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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