Birkener engagiert sich für die Ärmsten der Armen
Die verlorenen Kinder von Cebu

In den Abfällen – auch in denen aus Europa – suchen die Menschen Rohstoffe.
4Bilder

damo Betzdorf/Birken. Weiße Sandstrände, so weit das Auge reicht. Luxushotels, die keine Wünsche offen lassen. Schwimmen mit Walhaien, kulturhistorische Stätten und gigantische Shoppingtempel: Die Insel Cebu hat eine ganze Menge zu bieten. Und Matthias Merzhäuser war schon zwanzigmal da. Aber ihn zieht’s auf den Philippinen meistens auf die Müllkippen.

Denn vor nicht ganz 20 Jahren hat der Birkener eine Hilfsorganisation namen „Pro-Fil“ gegründet, deren vorrangiges Ziel es ist, notleidende Kinder zu unterstützen. Davon gibt es auf den Phillippinen viel zu viele, und die Ärmsten der Armen vegetieren auf den Müllkippen vor sich hin.

Der Müll (ja, auch der aus den westlichen Industrienationen) stapelt sich auf den drei Deponien Cebus meterhoch. Es wimmelt von Ratten und Skorpionen. In der Luft liegt nicht nur ein barbarischer Geruch von Fäulnis, sondern auch der beißende Gestank kokelnden Plastiks. Die Feuer schwelen in einem fort: Abfackeln ist die einfachste Art, aus dem Elektroschrott die verwertbaren Metallreste zu extrahieren – das Plastik schmilzt weg, am Ende bleiben ein paar Gramm Metalle übrig. Und das ist der Lohn einer unmenschlichen Arbeit, der auf den Phillippinen noch immer einige tausend Menschen nachgehen: des Mülltrennens.

Die Menschen leben vom Müll, sie leben im Müll. Sobald ein Müllwagen kommt, stürzen sie sich auf die Ladung, getrieben von der Hoffnung, noch verwertbare Rohstoffe zu finden. Verwertbar ist ein dehnbarer Begriff: Gemeint ist nicht nur Material, das zu einem erbärmlichen Preis an Wertstoffhändler verscherbelt werden kann, sondern auch Dinge, die die Mülltrenner als Kleidung auf dem eigenen Leib tragen oder zum Bau ihrer notdürftigen Baracken verwenden können. „Und wenn in Plastikbechern noch Lebensmittelreste kleben, sieht man oft Kinder, die die Becher auslecken.“ Oft jagen die Kinder auch den streunenden Hunden nach – denn da, wo viele Hunde sind, liegen meist Fleischreste.

Wer noch fit ist, baut seinen Verschlag am Rand der Müllkippe; wer gesundheitlich angeschlagen ist, spart sich den Weg und schläft inmitten der Müllberge, berichtet Merzhäuser weiter. Immer wieder versinken Menschen in Bergen von Abfall, der noch nicht verdichtet ist, immer wieder werden Kinder von den mächtigen Bulldozern überrollt, die den Abfall auf den Deponien hin- und herschieben. Merzhäuser war selbst einmal dabei, als ein Kind von den Ketten eines Fahrzeugs erfasst und getötet wurde.

Aber auch ohne Unfälle liegt die Lebenserwartung der Menschen auf der Deponie drastisch unter dem philippinischen Durchschnitt, sagt Merzhäuser, schließlich verbreiten sich Keime und Krankheiten auf den Deponien rasend schnell. Polio, Lepra, Krätze, Würmer: kaum ein Kind, das nicht krank ist.

Als Merzhäuser das erste Mal auf Cebu war, hat er von den „Müllkindern“ erfahren. Gesehen hat er sie nicht, denn zeigen wollte sie ihm niemand. „Offiziell gibt’s die gar nicht, ihre Existenz wird geleugnet. Aber beim nächsten Besuch habe ich jemanden gefunden, der mich hingeführt hat“, berichtete der Birkener jetzt vor den sechsten Klassen des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums.

An der UNESCO-Projektschule war er erschienen, um die Kinder über sein Engagement zu informieren – schließlich engagieren sich die Schüler des Betzdorfer Gymnasiums auf vielfältige Art und Weise, um soziale Projekte auf der ganzen Welt zu unterstützen. Und auch Merzhäusers Verein „Pro-Fil“ ist bereits zweimal mit Spenden bedacht worden: Im Vorjahr hatte das Gymnasium „Pro-Fil“ mit rund 2000 Euro unterstützt; jetzt kamen weitere 1000 Euro dazu.

Das Geld verwendet der 56-Jährige, indem er förderungswürdige Projekte anderer sozialer Verbände und Initiativen vor Ort unterstützt. So ist zum Beispiel Geld aus Mudersbach in den Bau von Kindergärten gesteckt worden. Denn der Schlüssel zu einem besseren Leben ist für Merzhäuser eindeutig die Bildung: „Wenn die Kinder vom Müll weg sind, wenn sie in den Kindergarten und die Schule gehen können, ist der wichtigste Schritt getan.“

Gerade einmal 50 Euro sind nötig, um einem philippinischen Kind ein Jahr lang den Besuch der Grundschule zu finanzieren. Etwas mehr Mittel braucht es, um ihnen den Umzug von der Müllkippe zu ermöglichen: „Pro-Fil“ hat auch schon den Bau von kleinen Siedlungen für „Müllmenschen“ mitfinanziert.

Übrigens: Dort wird der Müll auch getrennt, aber nicht hauptberuflich, sondern dann, wenn er in die Tonne geworfen wird. 

Mehr über die Arbeit von „Pro-Fil“ – und auch ein Spendenkonto gibt’s online unter www.pro-fil-hilfe.org.

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

3 folgen diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen