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Notbetreuung hat ihre Grenzen
Druck auf Kitas und Eltern wächst

Kinder wollen spielen. Gemeinsam. Ohne Berührungsängste. In der Kirchener Kita „St. Nikolaus“ ist das derzeit nur den Mädchen und Jungen möglich, die in die Notbetreuung aufgenommen wurden.  Foto: rai
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  • Kinder wollen spielen. Gemeinsam. Ohne Berührungsängste. In der Kirchener Kita „St. Nikolaus“ ist das derzeit nur den Mädchen und Jungen möglich, die in die Notbetreuung aufgenommen wurden. Foto: rai
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thor Kirchen. „Und, gut erholt während des Langzeiturlaubs?“ Glaubt man den Erzieherinnen der drei städtischen Kindertagesstätten in Kirchen, dann haben sie diese Frage so oder in anderer Form zuletzt mehrfach gehört. Wobei das keine Frage ist, sondern eine Frechheit. Denn in diesen Tagen wird deutlich, dass eben nicht nur Pfleger, Ärzte und Supermarkt-Mitarbeiter von elementarer Bedeutung für das Funktionieren einer Gesellschaft sind, sondern eben auch Lehrer – und Erzieherinnen. Bislang hat in Kirchen <jleftright>die Notbetreuung der Kleinen sehr gut funktioniert. Und funktioniert noch. Dennoch wächst mittlerweile der Druck von Tag zu Tag.

Mit Spannung werden die rund 60 Mitarbeiterinnen der Kitas „Im Wiesengrund“ (Herkersdorf/Offhausen), „St.

thor Kirchen. „Und, gut erholt während des Langzeiturlaubs?“ Glaubt man den Erzieherinnen der drei städtischen Kindertagesstätten in Kirchen, dann haben sie diese Frage so oder in anderer Form zuletzt mehrfach gehört. Wobei das keine Frage ist, sondern eine Frechheit. Denn in diesen Tagen wird deutlich, dass eben nicht nur Pfleger, Ärzte und Supermarkt-Mitarbeiter von elementarer Bedeutung für das Funktionieren einer Gesellschaft sind, sondern eben auch Lehrer – und Erzieherinnen. Bislang hat in Kirchen <jleftright>die Notbetreuung der Kleinen sehr gut funktioniert. Und funktioniert noch. Dennoch wächst mittlerweile der Druck von Tag zu Tag.

Mit Spannung werden die rund 60 Mitarbeiterinnen der Kitas „Im Wiesengrund“ (Herkersdorf/Offhausen), „St. Nikolaus“ (Kirchen) und „Wirbelwind“ (Freusburg) heute nach Berlin schauen, wird doch da der Fahrplan zum Betrieb der Einrichtungen in den nächsten Wochen und Monaten beraten.

Auch Stadtbürgermeister Andreas Hundhausen dürfte noch häufiger als sonst die Nachrichten checken, weiß er doch um die jüngste Entwicklung: „In vielen Familien sind inzwischen Urlaubstage und Überstunden abgebaut worden. Gleichzeitig wird aber auch schon die Kurzarbeit zurückgefahren.“ Die Folge: „Wir erhalten mehr Anfragen zur Notbetreuung. Das betrachte ich schon mit gewissen Sorgen“, so der Stadtbürgermeister.

In der Kita „St. Nikolaus“, wo insgesamt etwas über 100 Plätze zur Verfügung stehen, wird bei der Betreuung der Kinder in der nächsten Woche die Marke von 20 ereicht, wie Leiterin Andrea Braun im Gespräch mit der SZ (stellvertretend für ihre Kolleginnen) berichtete. In den beiden anderen Einrichtungen dürften es jeweils rund die Hälfte sein. Es spricht für die Erzieherinnen, das sie erst einmal den Blick auf andere lenken. Die Eltern leisteten seit Wochen Unglaubliches. „Und sie zeigen riesengroßes Verständnis“, so Braun.

Dabei haben die pädagogischen Fachkräfte in den vergangenen Wochen eben nicht Heimat-Urlaub im Garten gemacht, vielmehr wurde versucht, unter erschwerten Bedingungen mit den anwesenden Kindern ein Stück Normalität zu leben und sie mit ihren aktuellen Themen und Bedürfnissen aufzufangen, wie die Kitas in einer Art „Arbeitsbeschreibung“ darlegen. Und ja: Auch Erzieherinnen kennen den Begriff Home-Office. Was in ihrem Fall bedeutet: Von zu Hause aus wird intensiv an pädagogischen Themen gearbeitet.

Jede Woche gibt es demnach umfangreiche Aufgaben, die je nach Einrichtung variieren. Für eine Kindertagesstätte beinhaltet dies das Erstellen einer Homepage und einer neuen Konzeption, für die andere Arbeiten am Qualitätsmanagement oder am Raumkonzept, für die dritte eine Überarbeitung der Stellenbeschreibungen. Darüber hinaus gibt es sogenannte Gruppenarbeiten mit unterschiedlichen Arbeitsaufträgen. Dies reicht vom Desinfizieren von Spielmaterial bis hin zum Erstellen eines wöchentlichen Newsletters auf den jeweiligen Homepages, der Spiel- und Kreativangebote für die Kinder zu Hause anbietet.

Gemeinsame Absprachen und Auswertungen der Home-Office-Arbeit finden überwiegend in den wöchentlichen Web-Teamsitzungen statt. Die Leitungsteams der drei kommunalen Einrichtungen versuchen, all dies zu koordinieren und ständige Ansprechpartner für Mitarbeiter, Eltern und die Stadt zu sein.

„Aber die Not wird immer größer“, sagt Andrea Braun zum Betreuungsbedarf, auch wenn sich die Stadt bislang sehr kulant gezeigt habe. Denn nicht überall greifen nun einmal die systemrelevanten Berufe. Gerade auch viele Alleinerziehende stehen vor massiven Problemen. Die Erzieherinnen aus Kirchen kennen genug Beispiele, wo der Job an einer geregelten Kinderbetreuung hängt.

Dabei sind der Notversorgung nicht nur wegen des bislang ausgewählten Elternkreises Grenzen gesetzt. Pro Raum dürfen laut Braun maximal zehn Kinder betreut werden, aber natürlich müsse auch genügend Personal vorhanden sein. Gerade in Herkersdorf/Offhausen zählten aber viele Erzieherinnen zu den Risikogruppen. Überhaupt müsse man in Kitas nicht über Hygiene in Form von Abstandsregelungen sprechen, gerade bei den Kleinsten.

In der Kita „St. Nikolaus“ habe man sich gegen einen Mundschutz bei der Betreuung entschieden. „Wir wollten den Kindern nicht zumuten, dass da vermummte Erzieherinnen vor ihnen stehen“, berichtet die Leiterin. Maskenpflicht bestehe allerdings bei der Übergabe der Kinder im Foyer, sowohl beim Personal als auch bei den Eltern. Letztlich litten auch die Kinder unter der Situation: „Wir sind als Kita ja kein geschlossenes System. Die Kinder sind es eigentlich gewohnt, sich im ganzen Haus bewegen zu können.“

Braun weiß auch, dass einige Eltern ihre Kinder nicht in die Kita schickten, weil sie eine Ansteckung befürchteten. Dabei bleibt den Erzieherinnen nicht verborgen, dass dann teilweise auf die Großeltern für die Betreuung zurückgegriffen wird. Die vermutlich schlechteste Alternative.

Kein Wunder, dass Braun diese komplexe Gemengelage als „ganz, ganz schwierig“ bezeichnet. Von den politischen Entscheidungsträgern erhofft sie sich keine voreiligen Beschlüsse, sondern ein Vorgehen in kleinen Schritten. Am Ende stehe das große Ziel, einfach wieder für alle Kinder da sein zu dürfen.

„Wichtig ist aber auch, den Eltern wieder eine Perspektive zu geben“, meint Andreas Hundhausen. Er wünscht sich klare und bessere Absprachen, an die sich – bitte schön – auch alle Bundesländer halten sollten. Denn sonst müsse er sich wieder Sätze anhören, die mit „Ja, aber in Siegen...“ beginnen.

Autor:

Thorsten Stahl (Redakteur) aus Betzdorf

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