Dummheit ist relativ

Von EU-Subventionen, Lammfleisch und schlauen Schafen: Ein Wanderschäfer berichtet

damo Niederfischbach. Schafe sind dumm. Sie glotzen aus großen Augen, und wenn sie sich artikulieren, klingt das immer nach einem Geschwür auf dem Stimmbändern. Wenn ein Schaf nach links geht, folgt die ganze Herde ergeben – und wenn eine sechsspurige Autobahn auf dem Weg liegt, kümmert das die Schafe wenig. Selten dürfte sich das Volk so einig sein wie in seinem niederschmetternden Urteil über Schafe – und dabei ist die landläufige Meinung schlicht falsch.

Frank Klein muss das wissen. Er hat sein halbes Leben mit Schafen verbracht. Tagein, tagaus. »Die wissen genau, was sie wollen«, meint er. Und wenn man eine halbe Stunde inmitten einer Schafherde verbracht hat, wirkt die Einschätzung des Wanderschäfers verständlich. Schafe sind zum Beispiel neugierig, aber nicht leichtfertig: Bis zum ersten Knabbertest an der Kameratasche vergeht eine Viertelstunde. Schafe sind auch treu sorgend: Immer wieder verliert ein Lämmchen das Muttertier – mit ihren ganz eigenen Stimmen finden sich die Tiere wieder. Und wenn das Blöken nicht reicht, geht die Schafmutter zielstrebig auf die Suche. Schafe wissen auch, wo es das beste Futter gibt: »Die können sich noch nach Jahren an gute Wiesen erinnern, und obwohl sie nur einmal da waren, finden sie ganz alleine den Weg dorthin«, berichtet Klein. Und noch was: Eine Schafherde ist perfekt organisiert – binnen Sekunden setzt sich eine gigantische Wollknäuelmasse zielstrebig in gleichmäßigen Trab. So viel zum Versuch der gesellschaftlichen Rehabilitation der Schafe.

Kommen wir nun zum nächsten Klischee: Wanderschäfer haben einen idyllischen Job. Diese Einschätzung rührt laut Klein daher, dass er immer dann von Spaziergängern gesehen wird, wenn die Sonne scheint. Wenn es nämlich regnet, sitzen die Spaziergänger in ihrem warmen Wohnzimmer – während der Schäfer die Idylle einer durchweichten Kleidung genießt. »Man muss an dem Job hängen«, meint Klein. Er tut es. Auch sein Vater war Wanderschäfer; damals ein normaler Beruf. Heute sieht man die Schäfer – amtsdeutsch: die Tierwirtschaftsmeister mit Schwerpunkt Schafhaltung – mit ihren Herden immer seltener.

Das liegt schlicht daran, dass die Gewinnspanne immer kleiner wird. Die Konkurrenz von Frank Klein geht ihrem Job auf der anderen Seite der Erde nach: Schafsfleisch aus Australien und Neuseeland überschwemmt den europäischen Markt. »Ich kann mit diesen Preisen nicht konkurrieren«, erklärt Klein – was angesichts des enormen logistischen Aufwands für den Transport aus Australien auf den ersten Blick verwundern mag.

Um Klein zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, wie in Neuseeland produziert wird. Riesige Weideflächen werden das ganze Jahr über von immer der gleichen, gigantisch großen Herde abgegrast. Die Tiere werden laut Klein einmal im Jahr zusammengetrieben; dann wird geschlachtet. »Ich hatte mal einen neuseeländischen Klauenpfleger bei meiner Herde. Ich habe ihn gefragt, ob sich denn keiner um die kranken Tiere in einer so großen Herde kümmert.« Die Antwort: Meist falle es nicht auf, ob ein Tier krank sei; und wenn doch, werde es eben abgeschossen.

Klein ist das ganze Jahr bei seinen Tieren. Dank der EU – denn ohne deren Subventionen könnte er seinem Job nicht mehr nachgehen. So aber rechnet es sich noch, mit seinen rund 600 Schafen vom Rhein über das Sauerland bis in den Westerwald zu ziehen. Ein Zuckerschlecken ist dieser Job aber keineswegs. Täglich müssendie Schafe gepflegt werden, und Gefahren lauern immer. Auf den langen Wanderungen muss Klein immer wieder Straßen überqueren – kein Spaß mit 600 Schafen im Schlepptau. Einmal ist ein Lkw ungebremst in die Herde gerauscht; sieben Schafe blieben auf der Strecke. Und im vergangenen Jahr hat ein Autofahrer die gleiche Quote geschafft.

Verkaufen kann Klein nur das Lammfleisch; Hammel mag niemand. »Wenn ich ein altes Schaf überhaupt loswerde, bin ich zufrieden. Da geht's dann aber nicht mehr um den Preis.« Und Wolle? »Für ein Kilo Schafwolle bekomme ich siebzig Cent« – bei 3,5 Kilo pro Schaf kein gutes Geschäft.

»Wegen des Geldes kann man diesen Job nicht machen«, räumt Klein folglich ein – aber: »Ich bin mein eigener Herr, ständig draußen, und ich erlebe, wie die Herde wächst, wie Lämmer geboren werden und heranwachsen – das entschädigt.« Kleins treueste Gefährten sind seine Hunde Mohr, Tina, Nicky, Funny und Ned. Allesamt Mischlinge – aber robust: »Die gehen richtig hin. Wenn ein Hund nicht mal zupackt, dann lachen ihn die Schafe aus.«

Über Ostern war Klein, der sein Domizil in Langenbach bei Kirburg hat, in Niederfischbach unterwegs. Bald wird ihn sein Weg auf den Westerwald führen. Im Schlepptau 600 Schafe. Und immer wieder werden Autofahrer im Wollknäuel-Stau stecken, hupen und fluchen. Und denken: »Meine Güte, was sind das für dumme Tiere.«

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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