Ein Fass Wasser vor der Tür – das war dann doch zu wenig

Die Geschichte der Kirchener Feuerwehren/Die Freusburger waren die ersten/Werksfeuerwehr der Fa. Jung galt als äußerst schlagkräftig

thor Kirchen. Am Anfang war das Feuer – und die Menschheit brauchte Jahrtausende, um sich gegen seine unkontrollierte Seite zur Wehr zu setzen. Dazwischen lagen Jahrhunderte, voll von schlimmen Erfahrungen mit der zerstörerischen Kraft der Flammen. Auch Kirchen blieb in seiner Geschichte nicht von großen Bränden verschont. Henning Plate vom Heimatverein verweist auf ein verheerendes Feuer am Abend des 11. März 1676. Kirchen bestand damals nur aus der Kirche und 13 Häusern in unmittelbarer Nachbarschaft des Gotteshauses. Wie sich später herausstellte, hatte der Knecht eines Offiziers in einem Stall mit Feuer hantiert, was zu einer Katastrophe werden sollte. Zwölf der 13 Häuser brannten in kürzester Zeit nieder, nur Kirche und Pfarrhaus blieben verschont. Menschenleben waren nicht zu beklagen, aber jede Menge Vieh verendete. Weitaus tragischer war ein Brand am 19. Mai 1727. Sieben Häuser, zehn Scheunen und zwei weitere Gebäude wurden ein Raub der Flammen, drei Kirchener kamen sofort ums Leben, sieben starben später an ihren Verletzungen. Und 1767 schlug ein Blitz in die Kirche ein, die bis auf den Turm abbrannte.

An all das mag Heinrich Kraemer gedacht haben, als er 1877 den Anstoß für die erste Freiwillige Feuerwehr in Kirchen gab. Gesucht wurden »junge und kräftige Männer« ab 15 Jahren. Jedes Mitglied »hatte dafür zu sorgen, dass in seinem Haus wenigstens ein Feuereimer vorhanden ist, welcher bei einem Brande unbedingt zur Brandstelle geschafft werden muß...« Damit führte man eine alte Regel im Dorf weiter. Als es noch keine Feuerwehr gab, besagte eine Vorschrift der Polizei, dass jeder Hausbesitzer – für den Notfall – ein Fass Wasser vor die Tür stellen musste.

Als Bürgermeister ließ Heinrich Kraemer eine Druckleitung mit drei Pumpen bis in die Dorfmitte verlegen. Untergebracht war die erste Ausrüstung der Wehr vermutlich in dem alten Leiterhäuschen unweit des Kirchplatzes. Hier wurden vormals auch kleine Gauner für eine Nacht eingesperrt. Älteren Kirchenern mag auch noch der alte (nun schon längst zugeschüttete) Brandweiher am Baumschulweg in Erinnerung geblieben sein. In den ersten Jahren war immer wieder die Einsatzfähigkeit der neuen Feuerwehr gefragt, so z.B. 1894 beim Brand des Gefängnisses hinter dem Amtsgericht.

1910 hatten die räumlichen Provisorien ein Ende – es wurde ein richtiges Spritzenhaus mit Steigerturm im Inken gebaut, vermutlich mit der damals obligatorischen Hilfe der Kirchener Millionäre. Zu einem Großeinsatz kam es dann am 29. Juli 1913 (einen Tag nach dem Kriegerfest), als im Oberdorf das neben dem Schulgebäude gelegene Fachwerkhaus der Familien Mauer und Ottersbach abbrannte. Übrigens: Die Kirchener Wehr musste nie über Personalmangel klagen, selbst in den Jahren nicht, als die körperlichen Anstrengungen sehr groß waren. Man half stets auch bei Einsätzen in Betzdorf oder Siegen, ja sogar in Koblenz.

Motorspritze kam erst 1933

Im Jahr 1933 erhielten die Kirchener endlich die erste Motorspritze als Ersatz für die alte Handpumpe. Zum Transport wurde auch schon mal ein Pferd vorgespannt, wenn gerade kein Auto zur Verfügung stand. 1934 mussten sich sämtliche Wehren auf Anordnung der braunen Machthaber auflösen und zu Amtswehren vereinigen. Als die Kirchener Feuerwehr 1952 ihr 75-jähriges Bestehen feierte, war dies mit dem Kreisfeuerwehrtag verbunden. 60 Wehren aus dem Kreis nahmen an diesem Fest teil. Als 1977 das »100-Jährige« anstand, bildete man bereits zusammen mit den Löschgruppen Freusburg, Herkersdorf, Katzenbach, Offhausen, Wehbach und Wingendorf den Löschzug Kirchen mit 123 Aktiven. Und auch baulich ging es weiter. Weil das alte Feuerwehrhaus vorne und hinten nicht mehr den Anforderungen der Zeit entsprach, wurde Mitte der 80er Jahre an der Katzenbacher Straße ein Neubau errichtet und am 1. September 1988 eingeweiht. Werner Panthel kann sich erinnern, dass vorher einige Fahrzeuge bei der Fa. Jung untergebracht waren. Das alte Feuerwehrhaus wurde einige Jahre später bekanntlich zum Domizil des Heimatvereins.

Henning Plate: »Von den vielen Kirchener Feuerwehrleuten, die mit ihrem freiwilligen Einsatz immer für die Bevölkerung und den Ort Kirchen da waren, soll stellvertretend für alle nur einer genannt werden: Oberbrandmeister Hans Grimmig, der 45 Jahre lang treu seinen Dienst getan hat und von 1944 bis 1971 die Leitung der Feuerwehr Kirchen hatte.«

Neben der Freiwilligen Feuerwehr existierte in Kirchen über Jahrzehnte eine weitere Wehr, die viele als schlagkräftigste im weiten Umkreis sahen: die Werksfeuerwehr der Fa. Jung. Sie wurde am 6. November 1910 zunächst als Löschzug II Jungenthal gegründet und erst 1919 umbenannt. Kommerzienrat Arnold Jung stellte auf dem Werksgelände Räume zur Verfügung und sorgte für eine großzügige Ausstattung. Als erste Wehr im Kreis verfügte sie 1921 über eine Motorspritze, denn auch Paul Hintze, der Schwiegersohn von Jung und sein Nachfolger an der Betriebsspitze, war ein großer Förderer der Truppe. Er ließ 1922/23 ein eigenes Feuerwehrhaus gegenüber der Fabrik errichten. Die etwa 40 Aktiven wohnten fast alle im in der Nachbarschaft der Fa. Jung und waren so stets schnell zur Stelle.

Flugzeug stürzte brennend ab

Die Werksfeuerwehr stand der »normalen« Kirchener Wehr immer hilfreich zur Seite, Konkurrenzdenken gab es nicht. 1941 und 1944 half man bei zwei schweren Feuern in der Freusburger Mühle, und auch am 22. Februar '44 rückte man aus, als ein amerikanisches Flugzeug brennend im Rußloch abstürzte. Am 19. Februar 1945 erfolgte ein Bombenangriff auf die Fa. Jung, wobei ein Arbeiter getötet wurde und ein weiterer beide Beine verlor. Ende der 70er Jahre wurde die Jung'sche Feuerwehr aufgelöst. Nur die hölzerne Ausziehleiter – einst der ganze Stolz der Männer – hat »überlebt«: Sie gehört mittlerweile zum Fundus der Historischen Feuerwehr Elben.

Wenn man auch viel über die Kirchener Wehren schreiben kann, ein Ortsteil hatte – wieder mal – die Nase vorn, auch in Sachen Feuerwehr. Denn in Freusburg wurde schon am 28. Februar 1849 gegründet. Vielleicht ist die Wehr aber noch älter, denn im Archiv der Kirchengemeinde Freusburg hat Pfarrer Kraussoldt unter dem Datum 6. November 1811 festgehalten, dass ohne sein Wissen Gelder aus dem Kapellenfonds zur Anschaffung einer Feuerspritze verwendet wurden.

In Wehbach wurde 1907 eine Feuerwehr ins Leben gerufen, maßgeblich initiiert durch Friedrichshütten-Direktor Heinrich Klostermann. Anlass war ein Brand in den werkseigenen Wohnungen gewesen. Einen großen Einsatz hatten die Kameraden in der Nacht zum 2. August 1925, als ein Feuer die ehemalige Brauerei auf dem Buchenhof vernichtete. Im selben Jahr trat auch erstmals die eigene Feuerwehrkapelle auf, aus der später der Musikverein Wehbach werden sollte.

Pfiffige Offhausener

In Herkersdorf wurde 1913 für die Gemeinde eine Feuerspritze angeschafft, in Offhausen entstand 1931 auf Anregung des damaligen Gemeindevorstehers Robert Jung ein Löschtrupp, der sich durch Theateraufführungen erste Anschaffungen finanzierte. Mitte der 30er organisierte man mit großem Erfolg ein Preisschießen, um sich Uniformen zu kaufen. In Katzenbach kam es 1934 zur Gründung einer Feuerwehr, und als letzter Ortsteil war 1953 Wingendorf an der Reihe, nachdem es immer wieder zu Waldbränden gekommen war und man auf die Hilfe der Wehbacher angewiesen war. – Heute, in Zeiten einer gut ausgestatteten und ausgebildeten Wehr, müssen die Hausbesitzer in Kirchen nicht mehr auf Wasserfässer vertrauen. Im Fall eines Falles sind die Einsatzkräfte in Minuten vor Ort – ohne Handspritze, dafür aber, falls notwendig, mit der Drehleiter.

Fotos: Heimatverein Kirchen/Henning Plate

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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