Ein Kreuzweg, der ins Kreuz geht

Dankbarkeit der Kriegsheimkehrer sorgte 1919 für Vereinsgründung/Bau einer Erfrischungshalle war umstritten/Sanierung forderte alle Kräfte

thor Herkersdorf. Es war eine große Dankbarkeit, gepaart mit einem tiefen Glauben, die jene Männer aus Herkersdorf vor fast 90 Jahren dazu bewogen hatten, ein kühnes Projekt in Angriff zu nehmen. Unbeschadet aus dem Ersten Weltkrieg ins Siegerland heimgekehrt, wollten es Vinzenz Höfer, Karl Zart, Wilhelm Mertens, Josef Schmidt, Karl Zöller und andere nicht bei einem Gebet oder einer Kerze belassen. Nein, ein kompletter Kreuzweg sollte es sein, vom Dorf hinauf bis zum Druidenstein. So wurde am 23. August 1919 der kath. Kreuzwegbauverein ins Leben gerufen (die gerichtliche Eintragung erfolgte drei Jahre später). Die 14 Stationen sollten sich künstlerisch an dem Kreuzweg in Marienthal orientieren. Der erste Vorsitzende von anfangs 45 Mitstreitern war Peter Christ. Der Einsatz der Heimkehrer sollte von Erfolg gekrönt sein und wirkt bis heute nach – im Kirchbauverein Herkersdorf/Offhausen wird das Erbe mit großer Sorgfalt verwaltet.

Passionsspiele auf der »Sigambria«

Zunächst eine reine Angelegenheit der Herkersdorfer, wurden auch Familien aus Offhausen schnell beteiligt: »Damals war eine Mitgliedschaft im Kreuzwegbauverein eigentlich selbstverständlich«, meinen rückblickend Heimatexperte Edmund Mertens und Hans Schmidt, der 2. Vorsitzende des Kirchbauvereins. Und auch die Haubergsgenossen wollten nicht außen vor stehen und stellten im Mai 1920 Grundstücke über einen Pachtvertrag zur Verfügung. Bereits im Jahr zuvor war zur Finanzierung des Kreuzwegs mit Passionsspielen auf der »Sigambria« begonnen worden – die Darsteller kamen laut Mertens ausschließlich aus Herkersdorf. Wie den Protokollbüchern zu entnehmen ist, freute sich Kassierer August Kreps Ende 1920 über Einnahmen von 11500 Mark aus den Aufführungen.

Kollekte erbrachte 3 Mrd. Mark

Am 31. Oktober 1921 wurde die 800 Meter lange Wegstrecke festgelegt und in Lose zu 10, 20 und 30 Meter an die Mitglieder verteilt. Schmidt und Mertens weisen darauf hin, dass der Kreuzweg dem Wald in Hand- und Spanndiensten buchstäblich abgerungen werden musste. Bei dem damaligen »offiziellen« Weg zum Druidenstein dürfte es sich um die heutige Zufahrtsstraße gehandelt haben. Am 14. Oktober 1923 erfolgte die Grundsteinlegung. Die bei dieser Gelegenheit durchgeführte Sammlung erbrachte eine Summe von über 3 Mrd. Mark – die Inflation ließ grüßen. Und die rapide fortschreitende Geldentwertung beeinflusste natürlich auch den Kreuzweg-Bau. So wurden laut Protokoll 55 Mill. Mark zur »Ausführung von Maurerarbeiten für 55 Arbeitsstunden übergeben«. Der Verein versuchte durch weitere Eigenleistungen, aber auch durch den Verkauf von Postkarten, durch Theateraufführungen und Feste, ja sogar durch Anteilsscheine den Kreuzweg weiter voran zu treiben. Eine Geldanleihe von der Haubergsgenossenschaft wurde freilich abgelehnt, dafür wurde beim Kirchbauverein in Wehbach ein Darlehen über 1000 Mark aufgenommen. Der Herdorfer Bauunternehmer Peter Becher hängte zu dieser Zeit die von ihm gefertigten Zeichnungen der geplanten Stationen in vielen Gaststätten auf, um so die Menschen zu Spenden zu animieren.

Trotz der wirtschaftlichen Not und der großen finanziellen Schwierigkeiten – der große Tag kam am 16. Oktober 1927: An diesem Sonntag erfolgte die feierliche Einweihung durch Pfarrer Josef Lellmann. An der Gaststätte Baldus hatte sich ein langer Prozessionszug formiert. 4000 Gläubige sollen diesem Ereignis beigewohnt haben. Ein neues Pilgerziel für die Katholiken aus dem gesamten Siegerland war entstanden. Josef Schneider hatte inzwischen den Vorsitz des Vereins inne.

Widerstand in Offhausen

»Wenn man den Kreuzweg gegangen ist, weiß man, was ein Kreuzweg ist«, meint Hans Schmidt zur nicht gerade ebenen Strecke. Daran müssen auch schon seine Vorgänger gedacht haben, denn bereits 1928 wurde der Antrag auf Errichtung einer tragbaren Verkaufshalle (Verkäufer: Peter Höfer) am Druidenstein gestellt. Auch wenn es sich nach Meinung von Edmund Mertens um kaum mehr als einen Bauchladen gehandelt haben dürfte – Pfarrer Lellmann muss entschieden dagegen gewesen sein. Seltsamerweise regte sich aber auch bei den Offhausenern Widerstand. Am 4. Juni 1931 wurde eine Unterschriftenaktion durchgeführt: Aus Offhausen votierten 21 Bürger gegen, aus Herkersdorf 66 für den Bau einer mittlerweile stationären Erfrischungshalle. In einer außerordentlichen Mitgliederversammlung des Kreuzwegbauvereins wurde der Bau mit 36 gegen acht Stimmen beschlossen. Mit den Haubergsgenossen hatte man sich zuvor über die Anpachtung einer weiteren Fläche am Druidenstein geeinigt. Wann genau die Erfrischungshalle nun eröffnet wurde, steht nicht fest. Es dürfte aber vermutlich noch 1931 gewesen sein – der Grundstock für das heutige »Waldhotel« von Norbert »Knurri« Greb war gebildet. Für den Getränkeverkauf sorgte damals Heinrich Würden.

Der Kreuzweg von Herkersdorf lockte die Gläubigen an: An Christi Himmelfahrt oder am Karfreitag zogen Prozessionen zum Druidenstein, oft genug trafen die Gläubigen sternförmig aus allen Himmelsrichtungen – ob nun aus Brachbach oder Herdorf kommend – zum gemeinsamen Gebet in Herkersdorf ein. Von den Nazis anfangs noch geduldet (allerdings durfte kein Geld mehr gesammelt werden, Kollekten wurden beschlagnahmt), mussten die Prozessionen erst in der Kriegszeit aufgegeben werden. Dann gab es in den 70er Jahren auf einmal Bestrebungen in Kirchen, die traditionellen Prozessionen ganz abzuschaffen. »Die Kirchener waren wohl zu müde für den Weg«, meint Edmund Mertens – dabei waren sie doch über Jahrzehnte »mit Pauken und Trompeten« zum Druidenstein gezogen. Nach einem kurzen Streit einigte man sich auf einen Kompromiss: Die mühsame Tour über die »Sohle« blieb den Kirchenern erspart, der Kreuzweg begann fortan konditionsschonend an der 1. Station.

Im neuen Kirchbauverein aufgegangen

Zu dieser Zeit war vom Kreuzwegbauverein schon lange keine Rede mehr: 1949 war man in einem Akt von »freundlicher Übernahme« im neuen Kirchbauverein aufgegangen, konnte man so doch ein lang gehegtes Ziel besser verwirklichen. Schon in den 20er Jahren hatte im Verein der Wunsch bestanden, an Fuß des Kreuzwegs auch eine Kapelle zu errichten. Nach den anfangs großen Problemen wegen der Standortfrage, in deren Zusammenhang Edmund Mertens gerne von den »Veruneinigten Staaten« spricht, konnten die Menschen 1960 ihr neues Gotteshaus einweihen.

Nun könnte man meinen, der Verein hätte sich nur noch auf die Kirche konzentriert. Weit gefehlt. Der Kreuzweg geriet nie in Vergessenheit. Dabei mussten sich die Vereinsmitglieder in den 50er und auch noch Anfang der 60er Jahre mit zunehmenden Vandalismus beschäftigen. Verantwortlich dafür waren ausgerechnet »Mineralienfreunde«. Zum Hintergrund: Für den Bau bzw. die Ausschmückung des Kreuzwegs hatten zahlreiche Bergleute aus der Region – vor allem aus Herdorf – »Stufen« gespendet. Die so genannten »Sammler« scheuten nicht davor zurück, die »Stufen« mit Werkzeugen aus den Kreuzwegstationen zu brechen, berichtet Hans Schmidt.

Als wäre das nicht schon schlimm genug, sorgten Wasser, Frost und Sturm für die eigentlichen Schäden. Immer wieder musste der Verein Ausbesserungsarbeiten vornehmen, bis die Situation Mitte der 80er Jahre untragbar wurde. Alle Stationen waren dringend sanierungsbedürftig und teilweise sogar einsturzgefährdet. »Uns war klar, wenn da etwas passiert, sind wir reif – da ging uns gewaltig die Düse«, erzählt Schmidt. Die »Düse« ging allerdings nicht nur wegen drohender Personenschäden, sondern auch wegen der ersten Kostenschätzung. 100000 DM sollte die komplette Sanierung kosten, was höchst sparsam gerechnet war: Denn am Ende sollte das Projekt sieben Jahre dauern und insgesamt 471000 DM verschlingen. Jahr für Jahr, Station für Station, »kämpfte« man sich den Berg hinauf. Nur aufgrund der immensen Eigenleistungen, der guten Kontakte zu Firmen und der Zuschüsse von Land und Bistum war das Werk zu meistern. Im Zuge der Arbeiten hatten alle Stationen eine vernünftige Abdeckung aus Kupfer erhalten. Am 14. Oktober 1992 wurde der Kreuzweg durch Weihbischof Leo Schwarz neu eingesegnet.

Auch wenn der Kirchbauverein den Kreuzweg nicht mehr im Namen trägt, steht er nach wie vor gleichberechtigt neben der Kirche. Und er ist mittlerweile auch der Kreuzweg der Offhausener geworden, betonen Schmidt und Mertens. Ob die »Öffeser« immer noch etwas gegen das »Waldhotel« haben, ist nicht bekannt. Das kleine Lokal befindet sich übrigens immer noch im Besitz des Kirchbauvereins und weist zudem eine Besonderheit auf: Wer an der Theke etwas bestellt, befindet sich auf dem Gebiet der Haubergsgenossen, später am Tisch hat man bereits die »Grenze« zum Besitz der Waldgenossen überschritten.

Mit dieser Geschichte ist die Reihe »Kirchen wie es früher einmal war« nun endgültig abgeschlossen. Die in loser Reihenfolge in den vergangenen Monaten veröffentlichten Folgen werden alle noch im zweiten Band des Buches zu finden sein, das voraussichtlich Ende September erscheinen wird.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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