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Aktion an der Freusburger Mühle
Ein Schutzschirm für das Wasser

Die Angelschnüre sind kaum zu erkennen, sodass die Schirme fast über der Staustufe an der Freusburger Mühle schweben. Mit dieser Aktion soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass Fische ausreichend Wasser brauchen – auch in den immer heißeren Sommern, die der Klimawandel mit sich bringt. Fotos: thor
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  • Die Angelschnüre sind kaum zu erkennen, sodass die Schirme fast über der Staustufe an der Freusburger Mühle schweben. Mit dieser Aktion soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass Fische ausreichend Wasser brauchen – auch in den immer heißeren Sommern, die der Klimawandel mit sich bringt. Fotos: thor
  • hochgeladen von Thorsten Stahl (Redakteur)

thor Kirchen. Unter all den Schutzschirmen, die momentan im Zuge der Corona-Krise aufgespannt werden, ist dieser mit Sicherheit der ungewöhnlichste: Es ist ein Schutzschirm für das Wasser im Allgemeinen und die Sieg im Speziellen – und er ist sogar zu sehen, wenn auch nur symbolisch angedeutet. Direkt neben der Brücke zur Freusburger Mühle baumeln einige Regenschirme über dem Fluss. Sieht ein bisschen aus wie ein modernes Kunstprojekt, hat aber einen ebenso realen und ernsten Hintergrund. Mit der Aktion wollen die Inhaber der Mühle und Betreiber der Wasserkraftanlage darauf hinweisen, wie wichtig in Zeiten des Klimawandels ein normaler Wasserstand ist und welch Funktion (durchlässige) Wehre dabei übernehmen können.

thor Kirchen. Unter all den Schutzschirmen, die momentan im Zuge der Corona-Krise aufgespannt werden, ist dieser mit Sicherheit der ungewöhnlichste: Es ist ein Schutzschirm für das Wasser im Allgemeinen und die Sieg im Speziellen – und er ist sogar zu sehen, wenn auch nur symbolisch angedeutet. Direkt neben der Brücke zur Freusburger Mühle baumeln einige Regenschirme über dem Fluss. Sieht ein bisschen aus wie ein modernes Kunstprojekt, hat aber einen ebenso realen und ernsten Hintergrund. Mit der Aktion wollen die Inhaber der Mühle und Betreiber der Wasserkraftanlage darauf hinweisen, wie wichtig in Zeiten des Klimawandels ein normaler Wasserstand ist und welch Funktion (durchlässige) Wehre dabei übernehmen können.

Thema seit Jahren "auf dem Schirm"

Friedhelm Schmidt weiß, dass er sich mit dieser Sichtweise nicht nur Freunde macht. Ihm ist bewusst, dass nun wieder der Vorwurf der Befangenheit aufkommt, ihm Eigeninteressen unterstellt werden. Allerdings treibt ihn dieses Thema schon seit Jahren um. Die jüngste Entwicklung in der Region hat ihn dazu veranlasst, an die Öffentlichkeit zu gehen – und ein zufällig kopfüber auf der Sieg gelandeter Schirm hat ihn auf die Idee zu dieser plakativen Aktion gebracht.

Keine "ökologischen Heldentaten"

Wenn Schmidt und die Nachbarn aus dem Fenster schauen, sehen sie noch Wasser in der Sieg. Das untere Wehr macht’s möglich. Ein solcher Anblick sei keine Selbstverständlichkeit mehr. Durch den seit Jahren andauernden Rückbau von Wehren und anderen Querbauwerken verkümmerten die heimischen Flüsse und Bäche immer mehr zu Rinnsalen, vor allem in den heißen Sommermonaten. Und Behörden, Umweltverbände und verantwortliche Politiker würden dies dann als „ökologische Heldentaten“ feiern, zuletzt den Rückbau des Wehres in der Heller an der Schneiderstraße in Herdorf.

Wo kein Wasser, da kein Fisch

Begründet würden diese Rückbauten mit den „vermeintlichen“ Forderungen der europäischen Wasserrahmenrichtlinie, die im Jahre 2002 durch Übernahme in das Wasserhaushaltsgesetz in nationales deutsches Recht umgesetzt worden sei. „Nicht nur, dass diese Rahmenrichtlinie nicht ausschließlich den Rückbau von Wehren vorschreibt, dieser Rückbau kostet den Steuerzahler auch noch sehr viel Geld, der Rückbau des kleinen Wehres in Herdorf z. B. 83 000 Euro“, so Schmidt. Viel schlimmer sei jedoch, dass der versprochene Erfolg, nämlich die Rückkehr von Meerforelle, Lachs und weiteren Arten in die kleinen Nebenflüsse und Bäche der Sieg weitgehend ausbleibe: „Denn wo kein Wasser mehr ist, kann kein Fisch mehr schwimmen und auch keine anders Wasser-Lebewesen sich mehr entwickeln.“

Grundwasserspiegel sinkt

Bei Regenfällen erhöhe sich ohne Wehre die Fließgeschwindigkeit in den Bächen und Flüssen, die Sohlerosion werde verstärkt, Bäche und Flüsse würden sich mit der Zeit tiefer in den Untergrund eingraben. Das hat laut Schmidt zur Folge, dass das Wasser aus Tälern vermehrt abfließt und damit auch das Grundwasser weiter absinke. „So werden der Austrocknung und Versteppung unserer Bachtäler und Auen Vorschub geleistet, was an manchen Stellen unserer Heimat auch schon zu beobachten ist.“ Doch vonseiten der Behörden halte man an der Vorgehensweise fest, statt in ökologisch durchgängige Barrieren zu investieren.

Klimawandel angekommen

Der überzeugte Wasserkraft-Nutzer weist darauf hin, dass die jetzt durchgeführten Maßnahmen auf einer Interpretation der europäischen Wasserrahmenrichtlinie auf Erkenntnissen beruhten, die Jahrzehnte zurückliegen würden. Meteorologen und andere Wissenschaftler, die damals vor einem bevorstehenden Klimawandel mit stark verändertem Niederschlag (nasse Winterhalbjahre, trockene und sehr heiße Sommer) gewarnt hätten, seien als „Untergangspropheten“ oder „grüne Spinner“ abgetan worden. „Heute erleben wir diesen Klimawandel hautnah, vor allem mit den trockenen und sehr heißen Sommern“, so Schmidt.

Sieg in einem künstlichen Bett

Nirgendwo sonst als in den Stau-Bereichen der noch vorhandenen wenigen Siegwehre hielten sich noch nennenswerte Fischbestände auf. Der Wasserstand in den freifließenden Strecken sei für einen Fluss der Größenordnung der Sieg im Sommer dazu mittlerweile viel zu gering. Und da die Sieg nahezu im gesamten Siegerland in ein künstliches Bett gezwungen worden sei, fehlten den Fischen natürliche Rückzugsmöglichkeiten wie Kolke und Seitenarme.

Es geht auch anders

Für den Kirchener ist die Politik gefordert, diese Erfahrungen in die aktuelle Gesetzgebung einfließen zu lassen. Bis das aber passiere, sei vermutlich das letzte Wehr in allen heimischen Bächen und Flüssen abgerissen. Gerade deshalb setze man nun ein solches Zeichen am Ufer der Sieg an der Freusburger Mühle, wo bewiesen worden sei, dass es auch anders gehe. 2014 hatte das Umweltministerium seinen Verzicht auf den Abriss des Wehres erklärt und einem Kompromiss zugestimmt. Diese Entscheidung, so erinnert Schmidt, sei aber auch durch massives Mitwirken aller politischen Kräfte der Region getroffen worden.

Weitere Schirme willkommen

Heute sei die Richtigkeit dieser Entscheidung zu erkennen. Rund um die Freusburger Mühle habe sich schon früh der Widerstand formiert, und die Bürgerinitiative existiert nach wie vor. „Wir ermuntern alle Bürger, die die beschriebenen negativen Auswirkungen durch den Abriss der Wehre sehen, auch Zeichen ihres Unmuts zu setzen.“ Jeder sei aufgerufen, einen weiteren Schirm mit Namen abzugeben, damit er an der Sieg platziert werden kann. Viel wichtiger aber sei, die verantwortlichen Politiker aus der Region auf das Thema anzusprechen.

Scharfe Kritik an Umweltverbänden

Schmidt und seine Mitstreiter laden ausdrücklich dazu ein, die laufende Petition zur Erhaltung des Auenwaldes und zur Wiederinbetriebnahme des Wasserkraftwerkes in Euteneuen zu unterstützen (die SZ berichtete). Auf die Hilfe der Naturschutzverbände müsse man nicht hoffen, meint Schmidt: „Diese verraten zurzeit ihre eigentliche Aufgabe, nämlich unwiederbringlichen Auenwald zu schützen. Stattdessen behaupten sie, eine Wasserkraftnutzung am Wehr in Euteneuen sei mit den naturschutzrechtlichen Anforderungen an diesem Siegabschnitt nicht vereinbar. Sie lassen lieber den ökologisch hochwertigen, jahrhundertalten Auenwald, der auf den Stau durch das Wehr angewiesen ist, mit all seiner Flora und Fauna elendig zugrunde gehen, als dem schon vorliegenden Kompromiss zur zusätzlichen Wasserkraftnutzung zuzustimmen.“

Die Angelschnüre sind kaum zu erkennen, sodass die Schirme fast über der Staustufe an der Freusburger Mühle schweben. Mit dieser Aktion soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass Fische ausreichend Wasser brauchen – auch in den immer heißeren Sommern, die der Klimawandel mit sich bringt. Fotos: thor
Ein natürliches Flussbett sieht anders aus. In Betzdorf wird die Sohle der Sieg von Rasengittersteinen gebildet.
Autor:

Thorsten Stahl (Redakteur) aus Betzdorf

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