Ein unschöner Jahresausklang

Im Friesenhagener Rat wurde schmutzige Wäsche gewaschen und der Haushalt verabschiedet

ruth Friesenhagen. Geld allein macht nicht glücklich. In Friesenhagen kann man das wörtlich nehmen. Die einzige schuldenfreie Gemeinde in der Verbandsgemeinde Kirchen, die steuerkräftigste dazu, brachte gestern den Haushalt für das kommende Jahr auf den Weg. Bei nur einer Gegenstimme (Christoph Gehrke) und einer Enthaltung (Heike Leidig kam zu spät zur Haushaltsberatung) wurde der neue Etat auf den Weg gebracht. 13351 Euro hat die Gemeinde noch im Sparsäckel, und dennoch wurde am Mittwochabend kräftig schmutzige Wäsche gewaschen.

Keine Vorbilder mehr

Zunächst ergriff Ortsbürgermeister Hermann Mockenhaupt in guter alter Tradition das Wort. Er kritisierte den Staat, der schon lange nicht mehr funktioniere. »Wir tanzen auf einem sinkenden Schiff schon seit Jahren munter weiter« , kritisierte er auch die Bürger, die sich zunehmend als ein Volk von Egoisten darstellen. Mockenhaupt, der für ein ehrliches Wort bekannt ist, scheute sich auch nicht, den galoppierenden Sittenverfall der Gesellschaft zu brandmarken. »Unsere Staatsdiener können unserer Jugend kein Vorbild mehr sein« und: »Wenn das hier so weiter geht, frage ich mich, ob man in vier Jahren auch einen Ziegenbock heiraten kann«: Derbe Worte in einer schlechten Zeit.

Aus seiner Unzufriedenheit mit der Regierung machte der Ortschef ebenfalls keinen Hehl: »Ich habe den Eindruck, wir werden hier von Tünnes und Schäl regiert. Wenn wir jetzt nicht umdenken, ist der Staat am Ende«. Dass trotz des glänzenden Haushaltes auch in Friesenhagen die Alarmglocken läuten, wird an der Tatsache deutlich, dass die Gemeinde erstmals in ihrer Geschichte die Zuschüsse für die Vereine um 30 Prozent kürzen wird. Ein Ansatzpunkt, der für viel Kritik sorgte.

Nachdem Franz-Josef Brühl den Haushalt vorgestellt hatte, ging die eigentliche Aussprache los. Tobias Kappenstein (FWG) eröffnete den Reigen und kritisierte zuerst den Landrat, der aufgrund der zu erwartenden Umlageerhöhung »kein geeigneter Krisenmanager« sei. Die gute finanzielle Ausgangslage der Gemeinde führte der FWG-Mann darauf zurück, dass sich in den letzten Jahren nichts am Friesenhagener Ortsbild getan habe und somit auch kein Geld ausgegeben worden sei. Er kündigte für seine Fraktion Zustimmung an, die weiteren Details solle sein Kollege Norbert Klaes vortragen. In der Sprache der Landwirtschaft könne man dazu auch sagen, er ließ den Hund von der Kette ...

Scharfe Vorwürfe

Wie aus heiterem Himmel attackierte Klaes den Ortsbürgermeister, als wolle er an seinem Stuhl sägen. Mockenhaupt nehme die kommunale Selbstverwaltung zu wörtlich und führe sich auf, wie ein Gutsherr. »Die Willkür hier im Ort ist schon einmalig« . Angeblich munkle man in der Bevölkerung, Mockenhaupt sei unfähig, den Bauhof zu führen und die Kürzung der Vereinszuschüsse sei nicht nachvollziehbar. Was den Fremdenverkehr betrifft, sei der Ortsbürgermeister geradezu als fremdenverkehrsfeindlich zu bezeichnen. Das Internet sei für Mockenhaupt ein viel zu modernes Instrument, dessen Nutzung sich Mockenhaupt völlig verschließe, was man ihm auf Grund seines Alters schon gar nicht mehr vorwerfen könne. »Desinteresse und Ignoranz« hielt Klaes dem altgedienten Ortschef schließlich vor.

Der einzige, der dieser Debatte etwas Positives abgewinnen konnte, war Christoph Gehrke. Er fand es toll, dass sich in der »Schlafgemeinde« wieder so etwas wie eine politische Diskussionskultur rege. Der Haushalt sei ihm jedoch zu optimistisch, deshalb lehne er ihn ab.

Gelassen reagiert

Erstaunlich gelassen reagierte Hermann Mockenhaupt auf die schweren Vorwürfe von Norbert Klaes. Zu dem »Gutsherrenvorwurf« sagte er, »ich kann nur soviel Gutsherr hier sein, wie Sie es als Ratsmitglieder zulassen.« Ob und was in der Bevölkerung über seine Fähigkeit, den Bauhof zu führen, geredet werde, könne er nicht beurteilen. Dass er aber in Sachen Fremdenverkehr untätig sei, wies Mockenhaupt scharf zurück. Er sei der einzige, der regelmäßig Gruppen durchs Wildenburger Land führe und durch seine Kontakte zum Fernsehen immer wieder auf die Vorzüge Friesenhagens hingewiesen habe. Ob nun genügend Übernachtungsmöglichkeiten im Ort zur Verfügung stünden, sei Privatsache, das liege nicht in seiner Hand. Auch in Sachen Internet sei er nicht untätig gewesen. Ein Anschluss für das Gemeindebüro sei beantragt, und auch schon während seiner Rektorenzeit habe er sich mit dem Medium beschäftigt.

An Gehrke gewandt sagte Mockenhaupt, dass ein gewisser Optimismus notwendig sei, damit es vorwärts gehe. Kein Wachstum bedeute Rückgang.

Christel Reuber (CDU) warf Klaes ein »sehr schlechtes Miteinander« vor, und auch der übrige Rat war von der heftigen Attacke des FWG-Manns schockiert. Den (eigentlich guten) Jahresabschluss hätte sich Hermann Mockenhaupt sicherlich anders vorgestellt.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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