Eine Lkw-Wäsche und ihre Folgen

Ärger in den »Mudersbacher Wiesen«:

Spediteur Noll liegt mit einem Anwohner »über Kreuz«/Großkunde Isover kündigte Vertrag

thor Mudersbach. Als mit der Post ein Einschreiben im gelben Umschlag kam, da war für Rüdiger Noll das Maß voll. »Jetzt reicht’s«, dachte sich der Spediteur und schaltete auf stur. Für die Verbandsgemeinde Kirchen ging es um 100 Euro, für Noll aber ums Prinzip. Diesen Bußgeldbescheid – denn darum handelte es sich – wollte der Mudersbacher nicht akzeptieren und legte Widerspruch ein. Gestern Morgen wurde die Sache am Betzdorfer Amtsgericht verhandelt. Und eigentlich wäre diese gerade einmal 20 Minuten dauernde Verhandlung keine Zeile wert, hätte der Rechtsstreit nicht eine bemerkenswerte Vorgeschichte und weit reichende Auswirkungen. Der Reihe nach:

Spediteur Rüdiger Noll ist seit vielen Jahren mit seinem Unternehmen im Gewerbegebiet »Mudersbacher Wiesen« ansässig. Nun war er angezeigt worden, weil einer seiner Fahrer einen Lastzug am Sonntagabend gewaschen haben soll, was man laut Gesetz tunlichst unterlassen sollte. Beobachtet hatte den Vorfall weder ein Mitarbeiter des Ordnungsamts noch ein Polizist, sondern ein Anwohner aus Birken. Frieder H. (Name von der Redaktion geändert) trat gestern als Zeuge vor Gericht auf. Glaubt man den Aussagen von Noll, so macht ihm dieser seit geraumer Zeit das (berufliche) Leben zur Hölle.

Von Richter Karst befragt, erläuterte der 61-jährige Unternehmer die Ursache des konkreten Streitfalls zunächst aus seiner Sicht. Einer seiner Fahrer sei an einem Samstagabend sehr spät von einer Tour aus Berlin zurückgekehrt. Am Sonntag habe die nächste Fahrt bereits um 22 Uhr angestanden. Zur Vorbereitung habe der Mann den Lkw betankt sowie die wichtigsten Stellen, wie Windschutzscheibe und Kennzeichen, in der betriebseigenen Waschanlage abgespritzt. Von einer kompletten Wäsche könne keine Rede sein.

»Da bin ich sofort auf 180«

Das sah Frieder H. (68) freilich ganz anders: Als er am besagten Sonntag von einem Spaziergang nach Hause gekommen sei, habe er das »typische« Geräusch einer Waschanlage vernommen: »Das ist schon sehr laut. Da bin ich sofort auf 180.« Der Anwohner berichtete, dass von dem Betrieb »erhebliche Störungen anderer Art« ausgehen würden. Die Verbandsgemeinde und die Gewerbeaufsicht würden die Verantwortlichkeit jedoch ständig hin- und herschieben. Per Handy hatte der pensionierte Dipl.-Ingenieur dann die Polizei gerufen. Doch auch von deren Verhalten war er bitter enttäuscht. Zwar kam eine Streifenwagenbesatzung zum »Tatort«, doch – wie sich später herausstellte – war der Vorfall den Beamten noch nicht einmal ein Eintrag im Dienstbuch wert. »Die haben das als Bagatelle abgetan und sich zum Richter aufgespielt«, empörte sich Frieder H.

Der Anzeigeerstatter gab an, dass der Lastzug rund 40 Minuten in der Waschanlage gestanden habe, deshalb sei es wohl etwas mehr als ein kurzes Abspritzen gewesen. Rüdiger Noll lieferte jedoch eine andere Erklärung: »So lange dauert es einfach, bis die 1100-Liter-Tanks voll sind.« Und überhaupt: Er unternehme alles, um sich an die teils »horrenden Auflagen« in dem Gewerbegebiet zu halten, allein für Schallschutzgutachten habe er über 20000 Euro ausgegeben, seine rund 40 Lkw entsprächen den »modernsten Richtlinien«. Verglichen mit der Bahnlinie gehe es auf seinem Gelände sehr leise zu. Wenn es nicht mehr möglich sei, einen Lkw sonntags zu betanken, »dann muss ich mit meiner Firma dorthin gehen, wo das möglich ist. Dann wohnen wir am falschen Ort«, sagte Noll.

Widerspruch stattgegeben

Richter Karst gab nach dieser Anhörung dem Widerspruch des Unternehmers statt, die Verbandsgemeindekasse muss somit auf 100 Euro verzichten. Dennoch wies er Noll deutlich darauf hin, dass nirgendwo an Sonntagen eine Wagenwäsche erlaubt sei. Da es sich aber um einen ersten Vorfall gehandelt habe, wolle er es bei einer Belehrung belassen.

Wie die SZ erfuhr, hat Frieder H. den Spediteur aber schon wieder beim Ordnungsamt in Kirchen gemeldet. Abteilungsleiter Rüdiger Kipping kennt den Namen des Birkeners sehr gut. Seine Eingaben füllten in der Verwaltung ganze Aktenordner. Kipping verwahrt sich gegen die Kritik, das Rathaus würde sich um nichts kümmern. Beide Seiten seien stets befragt worden. Während von anderen Anliegern noch nie Beschwerden vorgetragen wurden, hat Frieder H. nach Auskunft des Ordnungsamtsleiters den Spediteur nun zum zweiten Mal wegen des gleichen Delikts angezeigt. Kipping: »Wir haben ihm mitgeteilt, dass wir erst einmal das Betzdorfer Urteil zum ersten Fall abwarten wollen, um die Einschätzung der Justiz kennen zu lernen. Zwei Tage später hatte ich das Schreiben eines Anwalts auf dem Tisch, in dem uns Untätigkeit im Amt vorgeworfen wird.«

Der offenkundig schon länger schwelende Streit zwischen Frieder H. und Rüdiger Noll hat bereits Folgen. Dazu muss man wissen, dass zu den Großkunden der Mudersbacher Spedition die Fa. Isover gehört. Als das Unternehmen ihm vor rund neun Jahren einen langfristigen Vertrag anbot, wenn er ausreichende Lagerkapazitäten vorweisen könne, hatte sich Noll zum Umzug innerhalb des Gewerbegebiets entschlossen. Am jetzigen Standort auf rund 10000 Quadratmetern investierte er 3,5 Mill. Euro, die Firma wuchs binnen weniger Jahre auf 60 Mitarbeiter.

Doch ein Teil der Arbeitsplätze ist jetzt in Gefahr: Nach Darstellung von Noll hat Isover von seinen Problemen erfahren und radikal reagiert: Der Vertrag wurde aufgrund der »negativen Geschäftsentwicklung« zum 30. Juni dieses Jahres gekündigt. Betroffen davon sind acht Mitarbeiter, die ausschließlich im Lager für Isover beschäftigt sind. Noll, der für das Unternehmen auch die Kunden im Großraum Siegerland/Sauerland beliefert hat, muss nun mit ansehen, wie dieser Auftrag an einen Kollegen in Bad Berleburg geht.

Gerne hätte die Siegener Zeitung auch Frieder H. zu dem Konflikt genauer befragt, doch der 68-jährige weigerte sich gestern kategorisch, am Telefon eine Stellungnahme abzugeben.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

3 folgen diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen