Kirchen: Kooperation oder eher Übernahme? (Update)
Erdbeben in Krankenhaus-Landschaft

Die Klinik in Kirchen soll laut Pressemitteilung Kooperationen mit „den großen Krankenhäusern in Siegen“ eingehen. Eine Übernahme ist aber auch nicht auszuschließen.
  • Die Klinik in Kirchen soll laut Pressemitteilung Kooperationen mit „den großen Krankenhäusern in Siegen“ eingehen. Eine Übernahme ist aber auch nicht auszuschließen.
  • Foto: Lokalredaktion AK
  • hochgeladen von Nadine Buderath (Redakteurin)

sz/thor Kirchen/Altenkirchen/Hachenburg.  Es war eigentlich keine Frage, dass es zum großen Knall kommen würde, unklar war allein der Zeitpunkt – und der ist durchaus überraschend: Am Donnerstag hat die DRK-Trägergesellschaft Süd-West in Mainz die Katze aus dem Sack gelassen, wie sie sich die Krankenhaus-Landschaft im nördlichsten Teil von Rheinland-Pfalz vorstellt – und gerade in Kirchen schrillen nunmehr alle Alarmglocken. Denn die dortige Klinik soll „Kooperationen“ mit den großen Krankenhäusern in Siegen eingehen, wie es in einer Pressemitteilung heißt. Die beiden Krankenhäuser Hachenburg und Altenkirchen sollen „auf der grünen Wiese“ fusionieren, was die Siegener Zeitung bereits vor einigen Tagen so angekündigt hatte.

Grund für die Entscheidungen sei in beiden Fällen der Kostendruck, so die DRK-Geschäftsführung. In Kirchen habe das Defizit im vergangenen Jahr bei 1,4 Mill. Euro, im Verbundkrankenhaus Altenkirchen-Hachenburg bei 1,8 Mill. Euro gelegen.

Der Zeitpunkt zur Bekanntgabe der Pläne ist deshalb überraschend, weil die entscheidenden Weichenstellungen eigentlich erst im Juli im Rahmen einer Aufsichtsratssitzung erfolgen sollten. Auch die Betriebsräte und Chefärzte müssen regelrecht überrumpelt worden sein. So ging gestern beispielsweise in Kirchen ein Chefarzt davon aus, dass es sich – als er zu einer Sitzung gerufen wurde – um die Verabschiedung des Kaufmännischen Direktors Joachim Krekel handelte. Als die Sitzung beendet wurde, hatten die ohnehin schon tiefen Sorgenfalten der verantwortlichen Mediziner das Ausmaß von Schützengräben angenommen.

Die offizielle Verlautbarung des DRK geht zunächst auf die allgemeinen Probleme in diesem Bereich des Gesundheitswesens ein: Die wirtschaftliche Situation sei in zahlreichen Krankenhäusern überaus angespannt. Besonders betroffen seien vor allem ländliche Häuser mit einer Bettenzahl von unter 200. Gerade diese stünden unter dem Druck, sich für die Zukunft überlebensfähig aufzustellen. Verantwortlich für diese angespannte wirtschaftliche Situation seien die bundespolitischen Vorgaben zur Krankenhaus-Finanzierung: Die Kostenentwicklungen würden durch die vorgegebenen Einnahmensteigerungen nicht gedeckt.

Zudem gestalte sich die Nachbesetzung von freien Stellen, insbesondere im ärztlichen und pflegerischen Bereich, immer schwieriger. Auch sei die Patientenzahl gesunken, dank neuer Behandlungsmethoden, minimal-invasiven oder ambulanten Operationen und der zunehmenden Spezialisierung. Hinzu komme die kürzere Verweildauer der Patienten im stationären Bereich.
Wörtlich heißt es: „Zusätzlich macht die Sogwirkung großer Kliniken in Großstädten den kleineren Häusern zu schaffen.“ Manche Einrichtungen schlitterten in wirtschaftliche Turbulenzen, holten sich Sanierer ins Haus oder würden sogar insolvent.

Probleme sieht die DRK-Trägergesellschaft Süd-West, die elf Krankenhäuser in Rheinland-Pfalz und im Saarland betreibt, vor allem im Bereich Westerwald-Sieg, sprich: in Kirchen, Altenkirchen und Hachenburg.

Rainer Kaul, Präsident des DRK-Landesverbandes und Aufsichtsratsvorsitzender, dazu: „Wir wollen eine qualifizierte Behandlung der Patienten im ländlichen Raum auch in Zukunft sicherstellen, deshalb müssen wir jetzt mutig und weitsichtig handeln.“ Defizite in der Art, wie sie zuletzt eingefahren wurden, könne kein Träger dauerhaft abdecken, heißt es in der Pressemitteilung weiter.
Um die Krankenhäuser nicht an die Landkreise zurückgeben zu müssen, wolle das DRK jetzt mit Hochdruck die Weichen neu stellen. Dazu habe der Träger sowohl bei den eigenen Mitarbeitern als auch bei der Gesundheitsministerin, bei Landtagsabgeordneten, Landräten und Bürgermeistern um Unterstützung gebeten.

Für den Standort Kirchen sieht Geschäftsführer Bernd Decker nur die Möglichkeit, Kooperationen mit den großen Krankenhäusern in Siegen einzugehen. Dort führt das DRK (allerdings eine andere Gesellschaft) unter anderem die Kinderklinik am Wellersberg. Wie genau die Zusammenarbeit aussehen soll, wird nicht genannt. In Kirchen selbst wurde diese Offerte gestern mehr oder weniger als offenes Übernahme-Angebot interpretiert. Die spannende Frage dabei: Ist die „Braut“ Kirchen attraktiv genug?

Auch ohne intime Kenntnisse des regionalen Gesundheitswesens ist klar, dass eine Kooperation mit der ebenfalls finanziell nicht auf Rosen gebetteten Kinderklinik mittelfristig nichts bringen wird, zumal die Probleme des Kirchener Krankenhauses ganz woanders liegen. Bleiben die drei anderen großen Träger: Diakonie, Marienkrankenhaus und Kreisklinikum.

Bekannt ist von der Diakonie mit ihrem Kirchener Geschäftsführer Dr. Josef Rosenbauer, dass einstmals sehr wohl großes Interesse am Kirchener Krankenhaus gezeigt wurde – als sich der Kreis Altenkirchen von seinen beiden Einrichtungen trennen wollte. Das Gebot galt damals – verständlicherweise – nur für Kirchen, nicht für Altenkirchen. Doch unter dem damaligen Landrat Dr. Alfred Beth war nur eine Abgabe im Doppelpack möglich. Inzwischen haben sich die Vorzeichen bzw. Rahmenbedingungen für eine Übernahme deutlich geändert. Die Lage in Kirchen hat sich fast systematisch verschlechtert, flankiert von einer nahezu teilnahmslosen, ja fast schon desinteressierten Politik auf Kreisebene.
In einer ersten Stellungnahme teilte Diakonie-Pressesprecher Stefan Nitz mit: „Es ist nicht an uns, Situationen, Entscheidungen und Vorhaben anderer Krankenhausträger zu kommentieren oder zu bewerten. Was wir sagen können: Sollte das DRK-Krankenhaus Kirchen auch mit uns über Kooperationen nachdenken wollen, so werden wir uns Gesprächen natürlich nicht verschließen. Ob überhaupt und wenn ja was dabei herauskommen könnte, kann man jetzt nicht sagen. Wir sind aber im Rahmen unserer Möglichkeiten immer dazu bereit, uns im Sinne der Menschen für eine gute medizinische Versorgung auch in der Fläche einzusetzen. Dass uns dabei auch der nördliche Kreis Altenkirchen am Herzen liegt, ist bekannt und zeigt ja bereits unser MVZ mit seinen zahlreichen Versorgungsangeboten in Betzdorf.“

Besagtes MVZ war vonseiten des DRK bislang immer als indirekte Kampfansage empfunden worden, sei es doch auch deshalb installiert worden, um Patienten aus dem Oberkreis am Kirchener Krankenhaus vorbei nach Siegen zu schleusen.
Das Marienkrankenhaus war in den vergangenen Jahren hingegen in Sachen Expansion und Aufkauf von Arztsitzen im AK-Land deutlich defensiver unterwegs. Zudem wird Bernd Decker nachgesagt, dass er durchaus freundliche Kontakte in die Chefetage am Siegener Kampen pflegt.

Eventuell haben aber alle vier Träger aus dem Oberzentrum in Siegen ein ernsthaftes Interesse daran, den Krankenhaus-Standort Kirchen zu übernehmen. Und das hängt mit dem neuen Studiengang Humanmedizin zusammen. Letztlich dürfte es darum gehen, welches Krankenhaus in Siegen mittelfristig in den offiziellen Stand einer Uni-Klinik erhoben wird. Dass dieser Titel auf mehrere Träger verteilt wird, wäre höchst ungewöhnlich. Das Patienten-Potenzial aus dem AK-Oberkreis könnte daher eine gewisse Rolle spielen. Fest steht derzeit wohl nur eins: Das Krankenhaus in Kirchen, wie man es jetzt noch mit seinem umfassenden Angebot kennt, wird es in dieser Form nicht mehr geben – sei es nun durch Kooperationen oder aber aufgrund einer Übernahme.

Nicht minder spannend ist die Zukunft im Westerwald: Bereits vor fünf Jahren sei nach einem Strukturgutachten durch das Institut für betriebswirtschaftliche und arbeitsorientierte Beratung GmbH (BAB) eine „Einhauslösung“, also ein Neubau für die beiden Standorte Altenkirchen und Hachenburg, favorisiert worden, schreibt das DRK. Aufgrund von Widerständen vor Ort sei das Projekt zunächst zurückgestellt worden. „Das reicht aber nicht mehr aus“, meldet die Trägergesellschaft nun.

Geschäftsführer Decker habe in zwei Versammlungen die Mitarbeiter beider Standorte darüber informiert, dass die Verantwortlichen des DRK wieder den Fokus auf einen Neubau legen. Diese Mitteilung sei von den Mitarbeitern mit großer Begeisterung aufgenommen worden. BAB soll nun beauftragt werden, unter Berücksichtigung der Einzugsgebiete beider Krankenhäuser, Standortvorschläge zu machen. Mit dem Neubau sollen auch die rund 700 Arbeitsplätze gesichert werden. Betriebsbedingte Kündigungen schließt Decker demnach aus.

Für die Einhauslösung durch einen Neubau benötige das DRK allerdings die Unterstützung der Kommunalpolitik und der Landesregierung sowie der Krankenkassen. Der mögliche Neubau könne nur durch eine Finanzierung über den sogenannten Strukturfonds realisiert werden. Hier würden Maßnahmen, wie die Zusammenlegung von Krankenhausstandorten durch Bund und Land im Rahmen des Strukturfonds, finanziert.

Dem Vernehmen nach soll das neue Krankenhaus aber auch „nur“ rund 250 Betten haben – eine Größe, die durchaus kritisch betrachtet werden kann. Denn auch im Kreis Altenkirchen gibt es Stimmen, die in einem einzigen großen Krankenhaus auch die einzige Lösung sehen, die klinische Versorgung in der Region wirtschaftlich und damit nachhaltig sicherzustellen.

Autor:

Thorsten Stahl (Redakteur) aus Betzdorf

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