Es begann mit einem krummen Ding

Weshalb Bonsai eine Frage des Charakters und nicht des Geldbeutels ist

goeb Hahnhof. »Man kann auch mit sechzig oder siebzig noch einen Baum machen«, sagt der Mann mit den blauen Augen und dem Cordhut und macht dem Zeitungsreporter, der die Vierzig knapp übersprungen hat, Mut. Wie macht man einen Baum? »Es ist ein Spiel, und als Spiel muss man es betrachten«, antwortet Horst Krekeler und nebelt eine Japanische Mädchenkiefer mit dem Rauch seiner Zigarette ein. Ernte 23. »Sieht gut aus, nicht wahr?«

»Gegenpapstartigen Status«

In Krekeler haben sich mehrere Jahrzehnte Bonsai-Wissen sedimentiert. Der Mann ist in der Szene eine ziemlich große Hausnummer, er hat mehrere Bücher über Bonsai verfasst, darunter das erste Deutschsprachige. Er ist Mitbegründer des europaweit bekannten Bonsai-Zentrums Heidelberg, genießt in den Bonsai-Zirkeln der USA »gegenpapstartigen« Status und bringt seit acht Jahren auch den Brasilianern die hohe Kunst des Bäumeschneidens näher. »Schlagen Sie sich erst mal das Wort Kunst aus dem Kopf«, mäkelt er. »Für uns ist das ein kreatives Hobby. Ich zahle dem 500 Euro, der mir ein anderes Wort für Bonsai nennt.«

Gattinnen von BASF-Aufsichtsräten

Das ist für ihn ja gerade das Elend, das Bonsai teuer und elitär klingt. Das Wort stammt aus dem Japanischen und meint dort ganz schlicht: Baum in einer Schale oder auf dem Tablett. Außerhalb Japans klingt es aber nicht schlicht. Es klingt vielmehr nach Steckenpferd für Filmregisseure oder Gattinen von BASF-Aufsichtsräten. Krekeler würde ihm diesen Anstrich gerne nehmen. Dafür tut er viel. Er hält seine Workshops nicht nur in Monterey oder Carmel (Kalifornien) ab, sondern zum Beispiel auch im Niederfischbacher Ortsteil Hahnhof. Dort betreibt Dirk Fricke seit einem Jahr einen Bonsai-Online-Shop und bietet so etwas wie eine Anlaufstelle für Interessierte.

Vom Meister etwas lernen

Die gibt es nämlich auch hier. Zu dem Workshop am nächsten Tag werden 16 Teilnehmer aus einem Umkreis von 50 Kilometern erwartet. Sie wollen vom Meister etwas lernen. Jeder Teilnehmer bekommt ein oder zwei Bäumchen zum Üben. So hatte es bei Krekeler auch angefangen. Im Grunde hat er zehn Jahre Bonsai gemacht, ohne es zu wissen. Schon auf dem Gymnasium malte er gern. Die Familie besaß eine Gärtnerei. Er erzählt: »In jeder Gärtnerei gibt es Baumkrüppel, meist am Rand, wo man schon zwanzig Mal mit dem Gabelstapler drüber gefahren ist. Die habe ich mir mit nach Hause genommen, eingepflanzt und immer Mal beschnitten.« Krekeler malte und zeichnete die Pflanzen. »Und dann las ich in einer Illustrierten einen Artikel mit dem Titel ,Bonsai – eine asiatische Kunst’ und dachte: Das kannst du besser.«

Die Bonsai-Vorbilder wachsen als große Brüder draußen in der freien Natur. »Das ist, wie wenn Sie einen Baum durchs Fernglas anschauen«, philosophiert der Heidelberger. Die Proportionen bleiben erhalten, doch alles wächst en miniature, »bis hin zur Nadel, und das ist machbar«.

Man modelliert sozusagen nach natürlichen Formen, gleichzeitig bringt der Mensch sein Naturell, seinen Charakter ein. Krekeler vermeidet die Vokabeln falsch und richtig, er spricht lieber von einer »unverwechselbaren Linie«. »Ein Bonsai«, fasst er zusammen, »ist ein Baum mit tausend Gesichtern. Für jeden ist eines dabei.« Horst Krekeler predigt Toleranz und eine klare Sprache: »Diesen ganzen Formalismus brauchen wir zunächst nicht. Es ist ein Spiel, das allen gut tut.« Selbst stark depressiven Naturen will der Heidelberger in seinen Workshops schon geholfen haben.

»Führt total in die falsche Richtung«

Die Betonung des Spiels ist ihm sehr wichtig. Die Nähe zu Tanz und Malerei sei augenfällig. Das beste Buch über Bonsai, schwärmt Krekeler, sei ein Buch über Pantomime... Natürlich gibt es Bäume, die man für das Jahresgehalt eines Zahnarztes nicht kaufen kann, »aber wenn Sie das so betrachten, dann denken Sie nur an den Wert der Pflanze, und das führt total in die falsche Richtung«.

Grundsätzlich eignen sich alle holzigen Pflanzen für Bonsai. Eigene Formen zwängt der Mensch Holzpflanzen schon seit Jahrhunderten ab, mal mehr, mal weniger, man denke nur an barocke Gärten, an die Hainbuchenhecke, die das Grundstück umfasst, oder an beförsterte Waldstücke.

Biblisches Alter

Horst Krekeler steckt sich eine Zigarette an und blickt auf eine 48 Jahre alte Pinie. Manche Bonsai-Bäume erreichen ein biblisches Alter, werden über Generationen vererbt. Hier ist der Mensch nur Begleiter auf Zeit. »Die sind in letzter Zeit echt schwer zu bekommen«, sagt Krekeler zum Abschluss des Gesprächs. »Ernte 23, meine ich.«

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

3 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige

Tablet-Aktion der Siegener Zeitung
SZ-Abo abschließen und Tablet sichern

Mit einem Abo der Siegener Zeitung kommen Sie jetzt gleichzeitig auch an ein Tablet Ihrer Wahl. Immer und überall informiert mit dem E-Paper... lesen, wo ich will; ... über die Suchfunktion schnell finden, was mich interessiert; ... gleicher Inhalt in praktischer Form; ... mit Zoomfunktion. Jetzt exklusiv: die Tablet-Bundle-Aktion  Beinahe geschenkt: Erhalten Sie kostengünstig ein Tablet Ihrer Wahl bei Abschluss eines Abos der Siegener Zeitung. Möchten Sie Ihr neues Tablet gleich zum Lesen...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen