Offizielle Version: Auwald leidet nicht
„Fake News“ zum Wehr Euteneuen?

Sieht idyllisch aus, ist es aber nicht wirklich: Um das Siegwehr in Euteneuen wird seit Jahren gestritten – und ein Ende ist immer noch nicht in Sicht.
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  • Sieht idyllisch aus, ist es aber nicht wirklich: Um das Siegwehr in Euteneuen wird seit Jahren gestritten – und ein Ende ist immer noch nicht in Sicht.
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thor Euteneuen. Es ist eine Sichtweise, die eventuell den Stempel „exklusiv“ verdient: Die Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Nord als Obere Naturschutzbehörde des Land bestreitet, dass durch den abgesenkten Wasserspiegel am Siegwehr in Euteneuen der angrenzende Auwald in Mitleidenschaft gezogen wird. Auf eine entsprechende Anfrage der Siegener Zeitung hat die Behörde dieser Tage wie folgt geantwortet: „Unmittelbare Auswirkungen auf den sich in dem Gleithang befindlichen Auwald sind durch die Grundwasserabsenkung nicht zu konstatieren. Infolge dieser Absenkung ist kein Absterben der Auengehölze zu erwarten.“

Diese Einschätzung ist umso mehr bemerkenswerter, da von Fachleuten schon unmittelbar nach dem Absenken des Wehres gravierende Folgen für das eigentlich streng geschützte Biotop prognostiziert worden sind. Sogar vonseiten des BUND war das nie in Abrede gestellt worden, der Umweltverband sucht schließlich nach Kompensationsmöglichkeiten. Die SZ hatte vor einigen Monaten Bilder von umgestürzten Bäumen gezeigt. Der Altarm der Sieg war ebenso trockengelegt worden wie der Laich von Amphibien.

Der heimische Landtagsabgeordnete Michael Wäschenbach (CDU), der sich intensiv mit dem Thema Euteneuen befasst, nimmt die Stellungnahme der Landesbehörde mit unverhohlenem Sarkasmus zur Kenntnis: „Das sind ,Fake News’, die man so nicht stehen lassen kann.“

Vier Jahre sind inzwischen vergangen, seitdem das Wasserrecht der Familie Albrecht ausgelaufen war und die Stromerzeugung am Wehr ein abruptes Ende gefunden hatte. Seit drei Jahren bemüht sich nun der Investor Richard Kail aus Rittersdorf in der Eifel um die Wasserrechte, damit die Turbine wieder Strom erzeugen kann. Dafür hat er Mitte Februar die letzten von der SGD Nord geforderten Unterlagen eingereicht, gab er gegenüber der SZ an. Seitdem aber hat sich erneut nichts getan. „Die verwaltungsinterne Prüfung der Antragsunterlagen auf Vollständigkeit steht kurz vor dem Abschluss“, heißt es fünf Monate später von der Behörde. Mit anderen Worten: Wann mit einer fachlichen Bewertung der Unterlagen zu rechnen ist, vermag derzeit wohl keiner zu sagen.

Längst hat die Diskussion um das Siegwehr bei Euteneuen die an der Freusburger Mühle abgelöst. Wobei beide eines gemeinsam haben: Es herrscht Stillstand, wobei der siegaufwärts noch eine Nummer größer ausfällt. Denn egal, wie die Interessen oder Sympathien auch gelagert sind, in Euteneuen gibt es weiterhin nur Verlierer: eine regenerative Energieerzeugung ist nicht möglich, die Durchlässigkeit der Sieg ist nicht gegeben, der Auwald leidet (ober eben auch nicht), und die Angler haben ihr kleines Paradies verloren. Vom derzeitigen Zustand profitiert nichts und niemand.

Fast flehentlich hatte Kail gleich mehrfach an die SGD Nord appelliert, bei ausreichendem Wasserstand das Wehr wieder hochfahren zu dürfen. Dort bleibt man allerdings bei der Variante, dass aufgrund der defekten Wehrkappen „keine Aussicht auf Erfolg besteht“, deshalb habe man es auch gar nicht mehr versucht. Demgegenüber steht die Meinung von Menschen vor Ort, die sich jahrzehntelang mit den Anlagen beschäftigt haben: Ein Hochfahren sei doch möglich.

Für Kail verhindert die SGD Nord durch dieses Verhalten wissentlich die Durchlässigkeit der Sieg, denn bei einer normalen Stauhöhe könne auch wieder die bestehende Fischtreppe zum Einsatz kommen. Dass diese baulich nicht mehr auf der Höhe der Zeit ist, mag unbestritten sein. Daher hat der Investor auch den Bau einer neuen Aufstiegshilfe angekündigt, sollte das Land ihm die Wasserrechte übertragen.

Gleichwohl funktioniert die Fischtreppe. Das geht aus einem Gutachten des Instituts für Gewässerökologie und Fischbiologie (Jena) hervor, das auch der SGD Nord vorliegt. Die Fachleute hatten sich die Situation in Euteneuen in den Jahren 2013 und 2014 sehr genau angeschaut. Keine Frage: Die Fischtreppe wird nicht gerade als das Optimum beschrieben, an vielen Stellen sehen die Gutachter Verbesserungsbedarf. Allerdings finden sich in der Gesamtbetrachtung auch folgende Passagen: „Mehrere große Bachforellen bis 40 cm Körperlänge stiegen erfolgreich über die Schleuse in das Oberwasser auf... Die ,gute’ Bewertung des Qualitätsmerkmals ,Normierte Aufstiegszahl’ ist vor allem auf den intensiven Aufstieg der Elritze während der letzten vier Untersuchungstage zurückzuführen. Das Fangergebnis zeigt, dass bei den zu diesem Zeitpunkt vorherrschenden Bedingungen große Mengen des Schwarmfischs Elritze erfolgreich über die Fischschleuse aufsteigen konnten. Die Passierbarkeit und Auffindbarkeit der Anlage war gegeben.“

Michael Wäschenbach hatte sich zuletzt im April mit einer Kleinen Anfrage in Sachen Euteneuen an die Landesregierung gewandt. Dabei ging es ihm u. a. um mögliche Verstöße gegen das Bundesnaturschutzgesetz. Die Antworten sei so wie die jüngste Stellungnahme der SGD Nord ausgefallen: „Objektiv falsch.“ Zwar gehörten Auenwälder zu den gesetzlich geschützten Biotopen, Verstöße gegen die Bestimmungen des Bundesnaturschutzgesetzes „sind nach derzeitigem Kenntnisstand nicht ersichtlich“.

Schon 2018 war in einer Sitzung des Umweltausschusses in Mainz deutlich zu erkennen gewesen, dass die Landesregierung die Durchlässigkeit der Sieg – durch einen Rückbau des Wehres – deutlich höher einstuft als den Erhalt des Auwalds. Das ist durch die entsprechenden Protokolle eindeutig belegt. Für Wäschenbach steht inzwischen fest, dass die Landesregierung überhaupt kein Interesse daran hat, in Euteneuen die unterschiedlichen Interessen miteinander zu vereinbaren.

Bei Richard Kail weicht indes die Enttäuschung immer mehr der Wut. Ganz Deutschland rede über die „Fridays-for-future“-Bewegung, und in Euteneuen sei es möglich, jährlich 1200 Tonnen CO<sub>2</sub> einzusparen. Warum das so blockiert werde, erschließe sich ihm nicht. Dabei könnte das Thema Euteneuen, das eigentlich nur aufgrund der weiten Entfernung von Mainz und Koblenz keine höheren Wellen schlägt, bald um ein weitere Facette bereichert werden. Denn Anzeigen gegen die SGD Nord sind mittlerweile nicht mehr auszuschließen.

Sieht idyllisch aus, ist es aber nicht wirklich: Um das Siegwehr in Euteneuen wird seit Jahren gestritten – und ein Ende ist immer noch nicht in Sicht.
So sah es nach dem vergangenen Winter im Auwald aus: Folgt man der SGD Nord, hat das nichts mit dem abgesenkten Wasserspiegel zu tun.
Autor:

Thorsten Stahl (Redakteur) aus Betzdorf

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