SZ

"Wir haben den Kampf verloren" (Update)
Forstunternehmer im Dauereinsatz gegen den Borkenkäfer

In der gesamten Region können sich Forstunternehmer vor Arbeit und Aufträgen kaum retten - und das mitten in der Corona-Krise. Borkenkäfer und Trockenheit haben dazu geführt, dass die Dienstleistung der Firmen fast rund um die Uhr gefragt ist.
13Bilder
  • In der gesamten Region können sich Forstunternehmer vor Arbeit und Aufträgen kaum retten - und das mitten in der Corona-Krise. Borkenkäfer und Trockenheit haben dazu geführt, dass die Dienstleistung der Firmen fast rund um die Uhr gefragt ist.
  • Foto: thor
  • hochgeladen von Katja Fünfsinn (Redakteurin)

thor Mudersbach/Brachbach. Es ist früh am Morgen: In vielen Betrieben haben die Schweißer und Mechaniker gerade mit der Arbeit begonnen, in den Amtsstuben sind die ersten Stifte sortiert – und Reiner Pfeifer und Maik Hellinger könnten eigentlich schon wieder unter die Dusche. Schon vor 9 ist das Hemd durch. Merke: Wer als Forstunternehmer in den Steillagen oberhalb des Siegtals arbeitet, darf keine Memme sein. Sind die beiden Mudersbacher auch nicht. Und so hört man hier, in einem Hang unterhalb der „Hell“ in Brachbach kein Jammern und Wehklagen – jedenfalls nicht über den Knochenjob im Allgemeinen und die schwülen Temperaturen im Speziellen.
Viel Arbeit für Forstunternehmer Ohnehin fragt sich der Laie: Warum sollten Forstunternehmer im Siegerland derzeit auch klagen?

thor Mudersbach/Brachbach. Es ist früh am Morgen: In vielen Betrieben haben die Schweißer und Mechaniker gerade mit der Arbeit begonnen, in den Amtsstuben sind die ersten Stifte sortiert – und Reiner Pfeifer und Maik Hellinger könnten eigentlich schon wieder unter die Dusche. Schon vor 9 ist das Hemd durch. Merke: Wer als Forstunternehmer in den Steillagen oberhalb des Siegtals arbeitet, darf keine Memme sein. Sind die beiden Mudersbacher auch nicht. Und so hört man hier, in einem Hang unterhalb der „Hell“ in Brachbach kein Jammern und Wehklagen – jedenfalls nicht über den Knochenjob im Allgemeinen und die schwülen Temperaturen im Speziellen.

Viel Arbeit für Forstunternehmer 

Ohnehin fragt sich der Laie: Warum sollten Forstunternehmer im Siegerland derzeit auch klagen? Können sie sich doch vor Arbeit und Aufträgen kaum retten, seit Borkenkäfer und Trockenheit ganze (Fichten-)Wälder absterben lassen. Ob Staatsforst, Haubergsgenossen oder Privatleute: Alle sind derzeit auf das Know-how und die Maschinen von Pfeifer und seinen Kollegen angewiesen. Doch so richtig Freude will bei der Arbeit nicht aufkommen, nicht bei Pfeifer und Hellinger in Brachbach, nicht bei Sohn Marco Pfeifer und Bastian Stettner, die parallel in Mudersbach rund um die „Hohe Ley“ im Einsatz sind. Sie alle blicken in eine ungewisse Zukunft.

"Wir haben den Kampf verloren"

Wie schnell sich der Käfer in den vergangenen Jahren ausgebreitet hat und wie rasant die Schäden wachsen, hat auch einen alten Hasen wie Reiner Pfeifer überrascht. Seit 1984 hat er einen eigenen Betrieb im Hüttenwald. Im dritten Jahr des Schädlings und der Trockenheit hat man nun Gewissheit: „Wir haben den Kampf verloren“, sagte Pfeifer. Kollege Hellinger nickt: „Dieses Frühjahr hat uns allen das Genick gebrochen.“ An einem Samstagabend sei er noch in einem gesunden Bestand gewesen, am Montag hatte der Käfer alles erledigt. „Wenn wir die Maschinen abstellen, können wir sie beim Fressen hören“, berichtet Pfeifer. Dann sehe man regelrechte Käfer-Wolken.

Teure Geräte für Forstarbeit

Ja, sie verdienten mit dem Fällen Geld, zugleich leiden sie als bodenständige Heimatfreunde mit den Bäumen und der Natur. „Der Wald ist mein Leben“, sagt Pfeifer. „Es blutet einem das Herz“, so hört man es später von Marco Pfeifer, als er gerade den Harvester verlassen hat. Vater und Sohn wissen, dass sich dieses Leben drastisch verändern wird. Zwei oder drei Jahre werde man noch in der Region zu tun haben – doch was dann? Bis die Aufforstungen wieder eine Pflege benötigen, wird es Jahrzehnte dauern. „Vielleicht müssen auch wir dann auf Montage gehen“, meint der Mudersbacher.
Dass es irgendwie weitergehen muss, verdeutlicht allein der Materialaufwand: Ein neuer Harvester kostet mal eben 560.000 Euro, eine Rückemaschine 340.000 Euro. Manchmal wären Pfeifer und Hellinger einfach nur gern Maler, die Pinsel und Farbe benötigen.

Wirtschaftliche Grundlage geht verloren

Dabei sehen sich die Forstunternehmer auch in einer Solidargemeinschaft mit Haubergsgenossen und Waldinteressenten: Die verlören gerade ihre komplette wirtschaftliche Grundlage. Und noch wisse keiner so richtig, mit welchen neuen Bäumen man es denn künftig versuchen oder wie stark man auf Naturverjüngung setzen sollte.

Chinesen kaufen auf dem deutschen Markt ein

Pfeifer kümmert sich gemeinsam mit einer Firma aus Katzwinkel um die Vermarktung: Seit die Preise für den Festmeter von 90 auf knapp über 30 Euro gefallen sind, kaufen die Chinesen im großen Stil auf dem deutschen Markt ein. Kooperiert wird dabei mit einem chinesischen Geschäftsmann aus Köln, der in seinem Heimatland zehn Sägewerke beliefert. „Eines davon benötigt täglich 6000 Festmeter“, beschreibt Pfeifer den immensen Holzhunger im Reich der Mitte.

Rücksichtslosigkeit der Waldbesucher

Ein großes Ärgernis für die Forstunternehmer ist aber nicht allein der Borkenkäfer, sondern die Rücksichtslosigkeit mancher Spaziergänger und Fahrradfahrer. Regelmäßig würden Absperrungen ignoriert, ja sogar Warnschilder geklaut. „Die laufen uns dann mitten in die Baustelle rein“, so Pfeifer. Der Harvester werde im laufenden Betrieb aus zwei Metern Entfernung gefilmt, und als kürzlich ein Stamm kurz vor einem Wanderer zu Boden ging, zeigte dieser Hellinger den „Scheibenwischer“. Von einer zur Rede gestellten Gruppe von Enduro-Fahrern musste er sich anhören, dass er es doch sei, der den Wald kaputt mache. Und schließlich seien da noch Klagen von Anwohnern wegen des Lkw-Verkehrs. Pfeifers Fazit: „Man kann den Leuten eh nichts mehr recht machen.“

Mit dem Harvester 400 Bäume am Tag

Dann aber heißt es wieder: Ran an die Team-Arbeit: Im Brachbacher Steilhang fällt eine trockene Fichte nach der anderen der Motorsäge von Hellinger zum Opfer. Die dünnen bzw. nicht mehr verwertbaren Stämme bleiben liegen. Reiner Pfeifer zieht die „China-Bäume“ anschließend mit der Seilwinde nach oben, wo sie auf den Harvester warten. Wo immer es möglich ist, kommt dieser auch bei Fällarbeiten zum Einsatz, maschinell schafft man so bis zu 400 Bäume am Tag. In guter alter Handarbeit sind es 100 bis 150, je nach Größe und Standort.
Bezahlt werden die Forstunternehmen übrigens pro Festmeter, es wird also im Akkord malocht. Und während der Schweißer schon längst Feierabend hat und der Beamte schon hinter dem Haus die Blumen gießt, sind in den Wäldern von Brachbach und Mudersbach immer noch das Kreischen der Sägen und Brummen der Motoren zu vernehmen.

-----

thor Mudersbach/Brachbach. Es scheinen eigentlich goldene Zeiten für die Forstunternehmer zu sein: In der gesamten Region können sie sich vor Arbeit und Aufträgen kaum retten - und das mitten in der Corona-Krise. Borkenkäfer und Trockenheit haben dazu geführt, dass die Dienstleistung der Firmen fast rund um die Uhr gefragt ist. Staatsforst, Haubergsgenossen oder Private: Sie alle sind auf das Know-how sowie die Harvester und Motorsägen angewiesen. Und doch sind die Sorgen groß, wie die SZ jetzt bei einem Besuch in den Wäldern von Mudersbach und Brachbach erfuhr.

Autor:

Thorsten Stahl (Redakteur) aus Betzdorf

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

15 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige

Tablet-Aktion der Siegener Zeitung
SZ-Abo abschließen und Tablet sichern

Mit einem Abo der Siegener Zeitung kommen Sie jetzt gleichzeitig auch an ein Tablet Ihrer Wahl. Immer und überall informiert mit dem E-Paper... lesen, wo ich will; ... über die Suchfunktion schnell finden, was mich interessiert; ... gleicher Inhalt in praktischer Form; ... mit Zoomfunktion. Jetzt exklusiv: die Tablet-Bundle-Aktion  Beinahe geschenkt: Erhalten Sie kostengünstig ein Tablet Ihrer Wahl bei Abschluss eines Abos der Siegener Zeitung. Möchten Sie Ihr neues Tablet gleich zum Lesen...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen