Früh aufstehen – und viel bezahlen

Das Lehrgeld wird zum Schulgeld:

Drei Gärtner-Azubis aus Kirchen und ihre teure Reise zur Berufsschule nach Koblenz

thor Kirchen. Dominik Müller, Michél Schön und Kai Feckler schieben – um es mit der Sprache ihrer Generation zu sagen – einen »riesen Hals«. Für die drei Auszubildenden der Kirchener Baumschulen ist frühes Aufstehen normalerweise kein Problem, doch irgendwo hört für sie jegliches Verständnis auf. Wenn sie demnächst zum Berufsschulunterricht fahren wollen, klingelt der Wecker irgendwann weit vor 5 Uhr. Das Ziel der jungen Gärtner heißt nunmehr Koblenz, nachdem das Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau stur daran festhält, die Gärtnerklasse in Altenkirchen in wenigen Wochen zu schließen (die SZ berichtete ausführlich).

Der 19-jährige Dominik aus Scheuerfeld, der gleichaltrige Kai und der 17 Jahre alte Michél (beide aus Herdorf) haben alle das gleiche »Problem«: Sie haben noch kein Auto. Um also künftig zum Blockunterricht nach Koblenz zu gelangen, sind die Azubis auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen – und die nehmen vom Siegerland aus Richtung Rhein-Mosel-Stadt nun bekanntlich nicht unbedingt den direktesten Weg.

So hat Martina Schiebe, die bei den Kirchener Baumschulen für die Büroarbeit zuständig ist, nachgeschlagen, dass für die jungen Herdorfer um 5.21 Uhr der erste Zug abfährt. Um 5.32 Uhr erfolgt das Umsteigen in Betzdorf, dann um 6.40 Uhr in Troisdorf, und um 8.13 Uhr hält die Bahn in Koblenz am Hauptbahnhof. Pech für die heimischen Lehrlinge: Der Berufsschulunterricht beginnt schon vor 8. Ach ja: Um 16.19 Uhr könnten die Jungs ihre Rückfahrt in Angriff nehmen, in Herdorf wäre man dann wieder um 18.47 Uhr – so hat der Schultag mehr als 13 Stunden. Die Alternative Bus hat sich auch erledigt, weil Martina Schiebe auf Nachfrage beim bisher zuständigen Busunternehmen erfahren hat, dass eine Verbindung von Altenkirchen nach Koblenz mangels Nachfrage demnächst eingestellt wird.

Wöchentlich 96 Euro fällig

Den drei Gärtner-Azubis ist klar, dass sie nicht jeden Tag nach Koblenz fahren können, zumal die einzelne Hin- und Rückfahrt über 40 Euro kostet. Für die Unterbringung vor Ort, so berichtet Dominik Müller, müsse man als Berufsschüler wöchentlich 96 Euro zahlen – ohne die üblichen »Lebenshaltungskosten«. Nun hat der 19-Jährige im 2. Lehrjahr gerade mal 350 Euro netto in der Tasche, seine beiden Kollegen im 1. Lehrjahr müssen mit noch weniger auskommen. Das bedeutet, dass sie künftig mehr als die Hälfte ihres ersten Einkommens als »Schulgeld« einrechnen müssen. »Und bei mir gehen auch noch 100 Euro für den Roller ab«, klagt Michél Schön. »Diejenigen, die ein Auto haben, sind meist schon mit der Lehre fertig«, weiß Dominik Müller.

Auf die Frage, wie die drei nun noch Geld für einen Führerschein beiseite legen sollen, erhält man in Mainz keine Antwort – Hauptsache, der Landeshaushalt wird mit keinem Cent belastet. »Die haben sich die Sache ausgedacht, ohne über die Konsequenzen nachzudenken«, meint Michél.

Dabei ist die Sache nicht nur für Kai Feckler ziemlich klar: Für den Berufsschulunterricht brauche man keine gartenbaulichen Anlagen, ein einfaches Klassenzimmer reiche völlig aus. Das sei doch am Molzberg ohne weiteres möglich. Die Haltung des Ministeriums erzeugt nur noch Frust – über Politikverdrossenheit, so die einhellige Meinung der jungen Gärtner, dürften sich die Verantwortlichen nicht mehr beklagen.

Und noch etwas Anderes fällt ins Gewicht: Wenn ab August bei den Kirchener Baumschulen ein vierter Azubi (aus Sassenroth) arbeitet und dann die Berufsschule zum Blockunterricht ruft, hat Inhaber Armin Utsch ein Problem, fehlt ihm dann doch rund ein Drittel seines Teams. Dabei hat der Gartenbaubetrieb in der Hochsaison einige große Baustellen. »Zuletzt waren wir in Düren, so etwas ist dann gar nicht mehr zu schaffen«, erzählt Dominik.

Ob heimischen Unternehmen also Aufträge verloren gehen oder aber weniger Lehrstellen zur Verfügung gestellt werden, scheint in Mainz offenbar nicht viele zu interessieren. Schade nur für Utsch und seine Azubis, dass kein Landtagswahlkampf vor der Tür steht.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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