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Rosi Geis wäre so gerne in die geplante Kirchener Wohngruppe gezogen
„Für mich bedeutet das eine Katastrophe“

Die gebürtige Brachbacherin Rosi Geis hatte sich schon darauf gefreut, in eine der neuen Kirchener Wohngruppen einziehen zu können. Die jüngste Entscheidung des Kreisausschusses hat sie in ein tiefes emotionales Loch stürzen lassen.  Foto: thor
  • Die gebürtige Brachbacherin Rosi Geis hatte sich schon darauf gefreut, in eine der neuen Kirchener Wohngruppen einziehen zu können. Die jüngste Entscheidung des Kreisausschusses hat sie in ein tiefes emotionales Loch stürzen lassen. Foto: thor
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thor Brachbach/Kirchen. „Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft...“ So heißt es gelegentlich, und leicht anmaßend, im ARD-Polit-Talk „Hart aber fair“, wenn die mehr oder weniger großen Themen unserer Zeit diskutiert werden. Kommunalpolitiker aus dem Kreistag Altenkirchen wird man dorthin nicht einladen. Definitiv. Was nicht automatisch heißen muss, dass es zu keinerlei Konfrontation mit der manchmal bitteren Realität kommt.

Sollten dieser Tage Dr. Josef Rosenbauer, Michael Wäschenbach, Udo Piske und andere auf der Suche nach dem tatsächlichen Leben außerhalb von Sitzungszimmern sein, könnten sie einmal zum Witschert nach Siegen fahren. Genauer gesagt: zum Kursana-Altenheim. In der 2.

thor Brachbach/Kirchen. „Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft...“ So heißt es gelegentlich, und leicht anmaßend, im ARD-Polit-Talk „Hart aber fair“, wenn die mehr oder weniger großen Themen unserer Zeit diskutiert werden. Kommunalpolitiker aus dem Kreistag Altenkirchen wird man dorthin nicht einladen. Definitiv. Was nicht automatisch heißen muss, dass es zu keinerlei Konfrontation mit der manchmal bitteren Realität kommt.

Sollten dieser Tage Dr. Josef Rosenbauer, Michael Wäschenbach, Udo Piske und andere auf der Suche nach dem tatsächlichen Leben außerhalb von Sitzungszimmern sein, könnten sie einmal zum Witschert nach Siegen fahren. Genauer gesagt: zum Kursana-Altenheim. In der 2. Etage werden die Herren Kreispolitiker in einem Zimmer auf Rosi Geis treffen – eine 66-jährige Dame, die sich nach einem schweren Schicksalsschlag zurückgekämpft hat und immer noch voller positiver Energie ist. Nun aber ist sie am Boden zerstört. Mit einer für kerngesunde Menschen kaum nachvollziehbaren Vorfreude hat die gebürtige Brachbacherin dem geplanten Bauprojekt der Stadt Kirchen entgegengefiebert. Dort wollte sie in einer Wohngruppe einziehen und wieder am Leben teilhaben.

Als Rosi Geis nun lesen musste, dass eine Mehrheit des Kreisausschusses das Bauvorhaben auf Eis gelegt hat, brach für sie eine Welt zusammen. „Für mich bedeutet das eine Katastrophe.“ Und wer die Situation bzw. den Bedarf in der Region kennt, der weiß genau, dass die 66-Jährige im Namen vieler spricht.

Die Brachbacherin ist nach einem gewalttätigen Übergriff vor einigen Jahren halbseitig gelähmt. Trotz ihrer schweren Verletzungen: Die gelernte Psychiatrie-Krankenschwester mit Zusatzausbildung als Mediatorin verfügt nach wie vor über einen wachen Geist und eine große Portion Intellekt. Nach dem Tod ihres Mannes war sie in Brachbach in eine kleinere Wohnung gezogen. Eine Rückkehr dorthin kam für sie aufgrund der Beeinträchtigungen nicht in Frage, ebenso wenig eine häusliche Pflege. „Ich muss unter Menschen. Ich möchte noch kognitiv gefordert werden.“

Und so machte sich Rosi Geis auf die Suche nach einer geeigneten Wohngruppe – um kurz darauf festzustellen, dass es für sie in der gesamten Region keine gibt. Bis in den Kölner Raum. Und so blieb für sie Anfang 2018 nur der schwere Gang ins Altenheim. Sie habe sich zunächst gefühlt, „als wäre ich über Nacht 25 Jahre älter geworden“, wobei sie das Kursana-Haus und vor allem die Mitarbeiter in höchsten Tönen lobt. „Aber das Umfeld passt nicht zu mir, die ganze Atmosphäre.“ So hatte Rosi Geis ihren Aufenthalt von vornherein nur als Zwischenlösung gesehen, zumal es ihr mittlerweile auch wieder deutlich besser geht.

Dann erfuhr die 66-Jährige über eine Bekannte aus Kirchen mit Kontakten zur Stadt, was da an der Bahnhofstraße geplant ist. Für sie habe sofort festgestanden: „Das ist es. Dieser Standort ist Gold wert.“ Rosi Geis sah sich schon vor Ort, wieder mitten im Leben und maximal selbstbestimmt, nur wenige Schritte von Geschäften, Apotheken und Lokalen entfernt. „Ich hätte doch auch gerne ehrenamtlich im Krankenhaus mitgearbeitet", erzählt sie.

Am vergangenen Montag, kurz vor der Sitzung des Kreisausschusses, rief die Brachbacherin ganz aufgeregt in der SZ-Redaktion an, war sie doch auch über die vorausgegangene Entwicklung und die Diskussion im Kreistag informiert. Eine Prognose zum Ausgang erhielt sie nicht, aber das Versprechen, noch am Abend über das Ergebnis informiert zu werden. Dabei hatte sie nach eigenen Angaben überlegt, sich ein Rollstuhl-Taxi zu nehmen und nach Altenkirchen zu fahren. Der Anruf der SZ Stunden später sollte zu maximaler Enttäuschung und bitteren Tränen führen. „Für mich bedeutet das eine Katastrophe.“

Rosi Geis kann nicht nachvollziehen, wie man dieses „Vorzeige-Projekt“ und „so eine tolle Sache“ in Kirchen verhindern kann. „Das ist doch extrem fortschrittlich, unsere Nachbarländer wie Holland sind da doch schon viel weiter. Alles redet über Inklusion, hier wäre sie möglich.“ Dabei kann sie ihre Verzweiflung nur schwer in Worte fassen: „Ich bin doch jetzt perspektivlos.“ Auf Dauer möchte sie auf keinen Fall im Altenheim bleiben: „Das sind alles liebe Menschen hier, aber das ist nicht der richtige Ort für mich.“

Das ist die traurige Wirklichkeit von Rosi Geis, an der sich nichts ändern wird, wenn nicht noch ein Umdenken stattfindet oder ein Plan B auftaucht.

Autor:

Thorsten Stahl (Redakteur) aus Betzdorf

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