»Geschäfts-Lokal« für Gerichts-Kommission gesucht

Langwierige Verhandlungen über die Verlegung von Freusburg nach Kirchen/ Justiz gegen Bergbehörde

HOKO Kirchen. Viele Hürden waren auf dem Weg der Verlegung des Gerichtssitzes von der hohen Freusburg in das damals verkehrsgeographisch zentraler gelegene Kirchen zu überwinden. Sie erforderte zahllose Besichtigungen, führte zu umfangreichen Protokollen und seitenlangen Korrespondenzen, die schließlich eine spezielle »Acta« füllten. Sie ist im Archiv der Verbandsgemeinde Kirchen erhalten geblieben. Das Problem stellte sich mit der Notwendigkeit dar, dass nicht nur die Gerichtskommission, sondern auch das dazu gehörende Gefängnis untergebracht werden musste. Ein – so schien es anfangs – aussichtsloses Unterfangen. Jedenfalls begannen jahrelange Verhandlungen und die Suche nach einem geeigneten Anwesen in Kirchen.

So erinnerte der zuständige Oberlands- Gerichtspräsident Nettler zu Wetzlar bereits mit einem am 6. September 1839 datierten Schreiben an den »Königlichen Bürgermeister Herrn Beinhauer in Kirchen« an seine Anwesenheit in Kirchen und an eine Rücksprache »über die Ausführbarkeit einer Vereinigung der Justizamtsbezirke Friedewald und Freusburg zu einem Land- und Stadtgerichts-Bezirke mit dem Gerichtsorte in Freusburg oder Kirchen«. Die Teilnehmer an diesem Termin hatten sich demnach bereit erklärt, »über diesen Gegenstand noch schriftlich nähere Auskunft zu ertheilen und insbesondere die Entfernungen, Wegeverbindungen, Hinderniße in der Domunikation u.s.w. zwischen den einzelnen Ortschaften im Friedewalder Bezirke und den Orten Kirchen und Freusburg genau anzugeben«. Gleichzeitig forderte der Oberpräsident die versprochene Beschreibung der in Kirchen vorhandenen, dem Staate gehörenden und als Gerichtsgebäude geeigneten Häuser, eine Beschreibung der an Beamte vermietbaren Wohnungen und die ungefähre Höhe des Mietzinses an.

Für einen Neubau kein Geld

Die nachhaltigen Bemühungen des Präsidenten, ein Gerichtslokal in der vorhandenen Bausubstanz in Kirchen zu finden, erwiesen sich jedoch als vergeblich. So weigerte sich das Königliche Oberbergamt zu Bonn entschieden, das für diesen Zweck vorgeschlagene spätbarocke Bergamtsgebäude der »Justiz-Parthie« abzutreten, das zudem nur mit bedeutenden Kosten zu akquirieren und zum Gerichtssaal einzurichten wäre. Auch eine teilweise Nutzung des Gebäudes für das Gericht wurde von der Bergbehörde abgelehnt. Das ebenfalls in Erwägung gezogene Königliche Forstgebäude eignete sich dagegen nicht für einen Gerichtssaal, und letztlich »scheint kein sonst dazu passendes Privathaus in Kirchen vorhanden« und »disponabel« zu sein.

Als »Hauptveranlassung« für eine Verlegung des Gerichtssitzes nach Kirchen nannte Nettler in diesem Zusammenhang die abscheuliche »Beschaffenheit der Gefängnisse« in Freusburg. Sollte unter diesen Umständen »der Plan zur Verlegung des Freusburger Amts nach Kirchen jetzt verfolgt werden, so scheint der Neubau eines Gerichtshauses in Kirchen nicht mehr umgangen werden zu können. Wobei aber auch auf die Möglichkeit einer Vereinigung mit Friedewald Rücksicht genommen werden müßte«.

Auf die anschließend gestellte Frage, »ob wohl die Gemeinde Kirchen geneigt wäre, ihrer Seite Beiträge oder Beihülfe zu jenem Neubau zu leisten«, erwiderte Bürgermeister Beinhauer, dass diese dazu nicht in der Lage sei. Die »von Vermögen entblößte« Gemeinde sei nicht nur durch die Herstellung ihrer Ortsstraße, sondern auch durch den Neubau eines Schulhauses »empfindlich angestrengt und in Schuld gerathen«. Beinhauer wies weiter auf die Notwendigkeit einer mit großen Kosten verbundenen »Communikation« des Ortes mit der im Siegtal neuangelegten Straße und einer Verbesserung der für den kommerziellen Verkehr erforderlichen »schwierigen Gebirgswege« hin. Als Zwischenlösung für das »dahier zu etablierende Gerichte« – so fügte der Kirchener Bürgermeister hinzu – biete sich das den »nach Amerika verzogenen Geschwistern Daniel Stein junior gehörige, anständige mit geräumigen Zimmern ausgestattete, gut erhaltene Haus nebst schönen Nebengebäuden...« an. Dieses im Volksmund auch »Schichtmeisterhaus« genannte Anwesen war identisch mit dem Stammsitz der Kirchener Linie der ursprünglich aus Friedewald stammenden Familie Stein.

Nach Mexiko ausgewandert

Postwendend erkundigte sich Nettler bei Bürgermeister Beinhauer nach der Verfügbarkeit des Wohnhauses der Geschwister Daniel Stein, ob das Gebäude an der heutigen Hauptstraße käuflich zu erwerben sei oder auch »miethweise« überlassen werden könne, welche Räume das Haus mit den Nebengebäuden enthalte, ob darin etwa vier heizbare Gefängniszellen und ein trockenes, gegen Einbruch und Feuersgefahr gesichertes »Depositallocal« eingerichtet werden könnten.

Diese Anfrage »in Betreff der (in Wirklichkeit nach Mexiko) verzogenen Erben Schichtmeister J. D. Stein jr. zugehörigen Gebäulichkeiten im Dorfe Kirchen« wurde von Ernst Jung in Jungenthal am 13. November 1840 mit der Feststellung beantwortet, dass er von den Eigentümern beauftragt worden sei, »sämmtliche Realitäten zu verkaufen« und aus diesem Grunde auf keine anderweitige Verpachtung eingehen könne. Als Verkaufspreis für das Haus No. 34 nebst Scheune, die daran angrenzenden Nebengebäude und das »Gärtchen« verlangte er die Summe von 2500 Talern. Zum evtl. getrennten Verkauf bot Jung außerdem Grundstücke in den Reuschen- und in den Höferwiesen, außerdem zwei Gartenstücke auf dem Pfarrfeld an.

Der als Gutachter hinzugezogene Königliche Wegebaumeister Wagenführ vermerkte »in Bezug auf die Benutzung des Hauses zu dem angedeuteten Zweck ergebenst, dass dasselbe einem einstweiligen Gebrauche wohl genügen möchte...« Gleichzeitig fügte er konkrete Verbesserungsvorschläge hinzu. Der Zustand des Hauses sei – insofern eine ein- oder mehrjährige Benutzung beabsichtigt werden sollte – hinlänglich genügend für alle Veränderungen, die eine zweckmäßige Einrichtung zu einem Gerichtslokale erfordere. Der Wegebaumeister – zuständig für die Kreise Altenkirchen und Wetzlar – erwähnte auch den »geräumigen, feuerfest und wirklich ausgezeichneten Keller« unter der Scheune, der im Brandfall schnell geräumt werden könne. Übrigens biete der Platz die beste Lage für einen Neubau.

Mit Schreiben vom 3. Februar 1841 informierte Präsident Nettler, dass er dem Justizminister sämtliche Anlagen vorgelegt und »demselben anheimgestellt habe, ob der Ankauf des Steinschen Hauses zum Gerichts-Gebäude erfolgen soll«. Die Pläne für den Erwerb des Stein´sche Etablissements wurden jedoch anscheinend nicht weiter verfolgt, nachdem sich die Bemühungen nunmehr wieder auf das Bergamtsgebäude konzentrierten.

Indessen meldeten einige Mitglieder des Sammtgemeinderats der Bürgermeisterei Kirchen Zweifel an, »ob die Verlegung der Gerichts-Commission von Freusburg nach Kirchen dem Zwecke entspricht«. Sie sei im Interesse des allgemeinen Wohls unbegründet: »Freusburg liegt, da Gebhartshein und Schönstein von dem Kreisgericht zu Altenkirchen vertreten wird, und Friedewald ihre eigene Gerichts-Kommission und (ihren) eigenen Gerichtsbezirk bildet, gegenwärtig im Mittelpunkt des hiesigen Gerichtsbezirks.« Zugleich äußerten die namentlich aufgeführten Ratsmitglieder Bedenken hinsichtlich einer Unterbringung des Gerichts im Bergamt, weil wegen der Nähe zur Apotheke und deren Laboratorium eine sichere Aufbewahrung der Urkunden »wie seit Jahren in Freusburg der Fall gewesen« nicht gegeben sei. Die vorgebrachten Bedenken wurden zurückgewiesen.

Aber da lag noch eine weitere Fußangel auf dem geografisch zwar kurzen, aber ansonsten langen Weg der Justiz von Freusburg ins Kirchener Bergamt. Das Gebäude war mit 3500 Florin (Gulden) »belastet«, die von den Gewerken des Amtes Freusburg zweckgebunden für den Erwerb (s. gesonderten Artikel) gezahlt worden waren. Erneut zogen sich die Verhandlungen in die Länge, bis sich des Kirchener Gemeinderat mit Beschluss vom 31. Oktober 1851 für den Fall bereit erklärte, »dass das Bergamt-Gebäude daselbst abgetreten und die Gerichts-Kommission darin etabliert würde, zwei Drittel der 3500 Florin zu übernehmen, welche die Berg- und Hütten-Gewerken an dieses Gebäude geltend machen, da sie solche früher zum Ankaufe vorgeschossen«. Die Übernahme des Bergamtsgebäudes war demnach seitens des Justizministeriums (Mitteilung des Königlich-Preußischen Justizsenats zu Ehrenbreitstein vom 30. September 1852 an Bürgermeister Louismeyer) beschlossen. Und: »Die Verlegung der Gerichts-Kommission von Freusburg dorthin wird nach Ausführung der nöthigen Baulichkeiten im Laufe des künftigen Jahres erfolgen.«

Förster statt Gerichts-Kommissarius

Nach etwa 17-jährigen Bemühungen erfolgte schließlich der Umzug der Gerichts-Kommission im Jahr 1856. Mit Schreiben vom 30. November beauftragte der Königliche Justizsenat in Ehrenbreitstein das Kreisgericht in Altenkirchen mit der »Übergabe des bisher von der Gerichts-Kommission benutzten Gebäudes in dem Burgflecken Freusburg mit deren Zubehörungen auf Grund des unter dem 1. Mai 1854 eingereichten Gebäude-Inventars durch einen Kommissar, wozu wir den vorgeschlagenen Kreisgerichts-Rat (Karl) Sames in Kirchen hierdurch ernennen.« Die bisherige Wohnung des Gerichts-Kommissarius in Freusburg sollte zur Unterbringung eines verheirateten Försters und eines Forstaufsehers eingerichtet, der angrenzende Fruchtspeicher an der Burg abgebrochen und das Material zum Umbau des Förster-Etablissements zu Eutebach verwendet werden. Damit endet die »Acta die Verlegung des Gerichtssitzes von Freusburg nach Kirchen betreffend«.

Das aus der Gerichtskommission hervorgegangene Amtsgericht blieb bis zum Umzug (1967) in den Neubau der Erzbergbau Siegerland AG (Betzdorf) im ehemaligen Bergamtsgebäude, das dann noch vorübergehend für Mitarbeiter der Firma Jung-Jungenthal genutzt und letztendlich 1978 abgerissen wurde. Das gleiche Schicksal widerfuhr dem Steinschen Stamm- bzw. Schichtmeisterhaus. Damit verschwanden zwei in der Geschichte Kirchens bedeutsame und das alte Ortsbild prägende markante Gebäude.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

2 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige
Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de komplett überarbeitet.
3 Bilder

Optimiertes Stellenanzeigen-Portal
Mit 57jobs.de einen neuen Job finden

Neues Design und neue Angebote für Unternehmen, aber bewährte Technik: Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de einem Relaunch unterzogen, der sowohl die Suche nach einem neuen Job als auch die Suche nach neuen Fachkräften noch einfacher gestaltet. Auf dem Portal der Siegener Zeitung und des Wochenanzeigers finden sich unter den ständig 10.000 Jobangeboten aus Siegerland, Wittgenstein sowie den Kreisen Olpe und Altenkirchen auch sämtliche Anzeigen aus den...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen