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Wegen der Käferkatastrophe: "Jedes erlegte Tier zählt"
Gesellschaftsjagd ohne Gesellschaft

Einsame Angelegenheit: die Jagd in Corona-Zeiten. Forstamtsleiter Michael Weber hat für die SZ auf den Auslöser gedrückt und diese Momentaufnahme von der Drückjagd in Wehbach festgehalten.
  • Einsame Angelegenheit: die Jagd in Corona-Zeiten. Forstamtsleiter Michael Weber hat für die SZ auf den Auslöser gedrückt und diese Momentaufnahme von der Drückjagd in Wehbach festgehalten.
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  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

damo Wehbach. Wenn die Jäger am Dienstag im Wald bei Wehbach ihre Kollegen überhaupt gesehen haben, dann allenfalls durch die Windschutzscheibe: Im Staatswald hat jetzt eine Drückjagd der etwas anderen Art stattgefunden. Kein Schüsseltreiben, keine Jagdhörner, kein gemeinsames Streckelegen: „Wenn die Zeiten wieder normal sind, werden wir auch wieder mit sozialer Komponente jagen“, erklärt Forstamtsleiter Michael Weber, „aber im Moment geht es nur so“.
Gesellschaftsjagden "nicht verzichtbar"Rund ein Dutzend dieser Gesellschaftsjagden, die alles andere als gesellig sind, stehen in diesem Winter im Terminkalender des Forstamts. Acht davon sind schon gelaufen, vier stehen noch bevor.

damo Wehbach. Wenn die Jäger am Dienstag im Wald bei Wehbach ihre Kollegen überhaupt gesehen haben, dann allenfalls durch die Windschutzscheibe: Im Staatswald hat jetzt eine Drückjagd der etwas anderen Art stattgefunden. Kein Schüsseltreiben, keine Jagdhörner, kein gemeinsames Streckelegen: „Wenn die Zeiten wieder normal sind, werden wir auch wieder mit sozialer Komponente jagen“, erklärt Forstamtsleiter Michael Weber, „aber im Moment geht es nur so“.

Gesellschaftsjagden "nicht verzichtbar"

Rund ein Dutzend dieser Gesellschaftsjagden, die alles andere als gesellig sind, stehen in diesem Winter im Terminkalender des Forstamts. Acht davon sind schon gelaufen, vier stehen noch bevor. Verzichtbar sind sie nach Einschätzung des Forstamtsleiters nicht: „Jedes erlegte Tier zählt, denn es kommen große Herausforderungen auf uns zu“, sagt Weber und meint damit den Wiederaufbau des Waldes nach der Käfer-Katastrophe.

Leckerbissen Mischwald

Denn Rehe sind Feinschmecker – wenn zwischen 20 Fichten eine einzige Weißtanne steht, darf man getrost einen fünfstelligen Betrag darauf setzen, welches Bäumchen abgebissen wird. Und wenn auf großer Fläche neuer Wald aufgebaut werden muss, herrschen fürs Rehwild paradiesische Zustände: Die Mischwälder der Zukunft sind für Rehe ein exquisites All-you-can-eat-Buffet, und noch dazu bieten sie in jungen Jahren so viel Deckung, dass die Rehe beim Fressen praktisch unsichtbar sein werden. Dass über dieser Kulisse noch das Damoklesschwert der Afrikanischen Schweinepest schwebt, erhöht den Handlungsdruck zusätzlich.
Mit anderen Worten, nämlich denen des Forstamtsleiters: „Wir müssen unsere jagdlichen Ziele im Moment einfach erreichen, trotz Corona.“ Allerdings: Dabei muss das Forstamt den Infektionsschutz natürlich ernst nehmen. Und so sehen die Drückjagden in diesem Winter anders aus als in den Jahren zuvor.

Erfahrene Jäger

Da ist zum einen das Teilnehmerfeld: Es sind spürbar weniger Jäger mit von der Partie – in Wehbach waren es diesmal rund 30, also gut 20 weniger als in den Vorjahren. Und zumeist setzt das Forstamt „nur Kollegen“ ein, wie es Weber formuliert, also vor allem Förster aus dem eigenen Forstamtsbezirk und aus den umliegenden Kreisen. „Wir setzen in diesen Zeiten auf erfahrene Kollegen, die draußen auch mit kleinen Schwierigkeiten alleine klarkommen.“ Und Jagdgäste, die womöglich noch ein Quartier für die Nacht benötigen, scheiden in diesem Jahr ohnehin aus. „Die Jagdgäste sind uns natürlich wichtig, aber in diesem Jahr müssen wir die Jagd einfach anders organisieren“, erklärt Weber.

Kommunikation per Mail

Und die Änderungen beschränken sich nicht nur auf den Teilnehmerkreis: Auch die Abläufe unterscheiden sich drastisch von der Jagd in normalen Zeiten. So gibt es diesmal keine Begrüßungsrunde: Die Kommunikation zwischen Forstamt und Jagdteilnehmern läuft fast ausschließlich digital. Per E-Mail werden die Jäger auf die Zeiten, Treffpunkte und Regeln hingewiesen. Und selbst die Organisation im Wald findet kontaktlos statt: Üblicherweise führen die Ansteller die Jäger an den für sie vorgesehenen Hochsitz – üblicherweise. Diesmal werden an markanten Punkten im Wald Treffpunkte vereinbart, wo sich die Jäger in ihrem Auto in einer langen Kolonne einreihen. An deren Spitze fährt der Ansteller, und an jedem Hochsitz wird die Kolonne um ein Auto kleiner. Persönlicher Kontakt? Allenfalls durch die heruntergekurbelte Seitenscheibe des Autos.

Organisation bis ins kleinste Detail

Auch die Treiber agieren völlig selbstständig: „Die machen ihr Ding alleine, und sie laufen ja ohnehin nicht Schulter an Schulter durch den Wald“, sagt Weber im Gespräch mit der SZ. Und wenn die vorher festgelegte Jagdzeit vorbei ist, werden die erlegten Tiere am Wegesrand aufgeladen. Das Aufbrechen und Zerteilen findet zentral am Forstamt Altenkirchen statt. „Das ist buchstäblich ein steriler und technischer Ablauf“, bilanziert Weber. Natürlich verlange diese Form der Jagd eine Organisation bis ins letzte Detail, aber: „Da haben wir mittlerweile eine gewisse Routine entwickelt.“ Was aber keineswegs heißen soll, dass so die Jagd der Zukunft aussehen soll. „Uns hat zwar bislang keiner abgesagt, weil es mittags keinen Kaffee und abends kein gemeinsames Essen gibt, aber: Wir hoffen, dass die Jagd bald wieder anders aussieht.“

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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