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Giebelwald-Exkursion zeigt Probleme der Natur
"Glauben nicht mehr an die Fichte"

Experten auf Inspektionswanderung: Ralf Kubosch, Wolfgang Stock, Michael Weber und Jürgen Lichte (v. l.) im
Giebelwald.
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  • Experten auf Inspektionswanderung: Ralf Kubosch, Wolfgang Stock, Michael Weber und Jürgen Lichte (v. l.) im
    Giebelwald.
  • Foto: Andreas Goebel
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goeb Freusburg. „Lassen Sie sich durch den Matsch nicht täuschen“, entgegnet Forstamtsdirektor Michael Weber auf die Frage, ob es denn nicht mal langsam reicht mit dem Regen. Glücklicherweise hat es aufgehört zu „pieseln“. Der Himmel öffnet sogar blaue Fensterchen. Aber dieser Schmodder überall auf den Wegen durch den Giebelwald. Von Freusburg bis zur Schulter des 528 Meter hohen Giebelbergs hinauf geht es und dann weiter bis nach Niederfischbach. Und wie steil es hier ist!

Eingeladen zur Exkursion haben die BUND-Vorstandsmitglieder Jürgen Lichte und Wolfgang Stock. Mit von der Partie ist auch Dipl.

goeb Freusburg. „Lassen Sie sich durch den Matsch nicht täuschen“, entgegnet Forstamtsdirektor Michael Weber auf die Frage, ob es denn nicht mal langsam reicht mit dem Regen. Glücklicherweise hat es aufgehört zu „pieseln“. Der Himmel öffnet sogar blaue Fensterchen. Aber dieser Schmodder überall auf den Wegen durch den Giebelwald. Von Freusburg bis zur Schulter des 528 Meter hohen Giebelbergs hinauf geht es und dann weiter bis nach Niederfischbach. Und wie steil es hier ist!

Eingeladen zur Exkursion haben die BUND-Vorstandsmitglieder Jürgen Lichte und Wolfgang Stock. Mit von der Partie ist auch Dipl.-Biologe Ralf Kubosch, der im Auftrag des BUND im Jahr 2011 ein Gutachten erstellt hat, in dem die wertvollsten Altbestände des über 3500 Hektar großen Waldgebiets im Grenzgebiet zwischen Rheinland-Pfalz und NRW erfasst und bewertet wurden.

Nun sind zehn Jahre ins Land gegangen, und so viel hat sich verändert. „Wir glauben nicht mehr an die Fichte“, sagt er fast entspannt, während die Gruppe an braun gewordenen Nadelbäumen vorbeizieht. „Nein, es müsste wochenlang regnen“, nimmt er den Faden wieder auf. Zufrieden war er im Jahr 2020 „regentechnisch“ nur mit zwei Monaten. Pseudogleitschichten, erklärt er, halten das Regenwasser zwar in den Pfützen. Aber die für die Bäume wichtigen Bodenhorizonte sind nach wie vor zu trocken. „Die Fichte wird nicht mehr die Bedeutung haben, die sie mal hatte.“

Dabei staunen alle über einen riesigen, kerngesund aussehenden Einzelbaum an einem der vielen Bäche, die es hier gibt, während hundert Meter weiter die Harvester auf einem Schlag von der Größe zweier Sportplätze reinen Tisch gemacht haben.

Baum ist nicht gleich Baum

Warum hat dieser Goliath überlebt, während der „Buchdrucker“ jetzt schon Fichten angeht, die erst 30 Jahre alt sind? Ein Rätsel. Weber ist der Meinung, dass man genetische Proben von diesem Baum nehmen, eventuell den sogar pfropfen sollte, wie bei der riesigen Bergulme bei Rennerod, wo man sich auch wunderte, das dieser Kamerad das Ulmensterben überlebt hat. Denn Baum ist nicht gleich Baum, auch nicht, wenn es sich um dieselbe Art handelt.

Der Vegetationskundler Kubosch zeigt der Gruppe einige Eschen, auch sie stehen überall auf dem Aussterbe-Etat, das sog. Triebsterben besorgt ihnen das Stängelbecherchen, ein Pilz.

Wolfgang Stock sieht den rapiden Wandel im Wald aber auch als Chance in Richtung Natürlichkeit. Jetzt komme mehr Licht in den Wald und die Naturverjüngung sorge für neuen Aufwuchs. Hat am Ende sogar der vermeintliche Phantomvogel des Siegerlandes, der rara avis schlechthin, etwas davon? „Ja, das Haselhuhn könnte profitieren“, meint Stock und regt an, auf den Schlagfluren die Nahrungssträucher dieses Raufußhuhnes zu vermehren. „In anderen Ländern werden zur Rettung von Kakadus viele Millionen ausgegeben. Nur bei uns sieht man den Arten beim Aussterben zu“, beklagt Stock.

Weber ist skeptisch, was den Import fremder Baumarten anbetrifft. „Es ist ja nicht nur die Trockenheit“, wirft er ein. Manche der Arten, über die jetzt als Ersatzbäume gesprochen werde, hätten ebenfalls ihre Unwägbarkeiten. „Allein die Strahlung.“ Die Sonnenexposition im Hochsommer lasse die Leitungsbahnen mancher Bäume förmlich explodieren. Nahe 40 Grad war es an einigen Tagen im vergangenen Hochsommer. Welche Baumart hält das aus? Wieder andere Baumarten erwiesen sich bei den Spätfrösten, die man schließlich nicht ausschließen könne bei uns, als dünnhäutig.

Ökologische Kompensation für Infrastrukturmaßnahmen

Der Giebelwald mit seinen an Quellen so reichen Wellentälern und steilen Hängen, umschlossen von elf Gemeinden, ist nie von einer Straße durchschnitten worden. 1050 Hektar sind europäisches FFH-Schutzgebiet. Lichte und Stock kennen hier die Lebensräume des Schwarzstorches, haben schon Wildkatzen beobachten können und den Ruf unserer kleinsten Eule, dem Sperlingskauz, auf den Höhen vernommen. Der BUND setzt auf die Erhaltung der Biodiversität, Kubosch wird nicht müde, den Wert der Altholzbestände für Insekten, Fledermäuse und Vögel zu betonen. Stock fallen die vielen verlassenen Hütten in den teilweise schon zugewachsenen Wiesentälchen auf, oft mit einstigem Forellenteich verbunden. „Die jungen Leute interessiert das nicht mehr“, sagt er. „Warum kauft der Landkreis die nicht und verwandelt die Teiche in Amphibiengewässer?“ Laut Stock könnte der Kreis diese Flächen als ökologische Kompensation für Infrastrukturmaßnahmen in die Waagschale werfen.

Mitten in den Umbau des Waldes, wo das Alte stirbt, und Neues sich hoffentlich Bahn bricht, strömt nun der Mensch. „Es ist, als hätte der Mensch den Wald wiederentdeckt“, betont Wolfgang Stock, als die Exkursionsteilnehmer einen wunderschönen Eschen-Hangschuttwald bewundern. Ein Paradies unter Druck, und dieser Druck kommt von allen Seiten. Durch diese Wildnis schießen die Mountainbiker mit ihren Rädern. Man erkennt es deutlich an den Verdichtungen im Waldboden. Für Wildkatze und Schwarzstorch und andere störungssensible Bewohner ist das pures Gift. „Der Schutz des Waldes geht vor“, ist er überzeugt. Aber wo anfangen?

Experten auf Inspektionswanderung: Ralf Kubosch, Wolfgang Stock, Michael Weber und Jürgen Lichte (v. l.) im
Giebelwald.
Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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