»Herr Kommerzienrat« wollte Jung nicht genannt werden

Eine Firmengeschichte wie ein Roman (Teil 2)/Paul Hintze trat 1911 ein schweres Erbe an/Unternehmen gab eigenes Notgeld heraus

thor Kirchen. Anfang des 20. Jahrhunderts war der Erfolg von Arnold Jung und seinen Mitarbeitern durch nichts mehr aufzuhalten. Die vielen pfiffigen Ideen garantierten volle Auftragsbücher. So wurden z.B. 1903 zwei einzelne Loks am Führerhausende zusammengekuppelt, so dass der Heizer beide Kessel bedienen konnte. Die Leistung dieser Doppellokomotive lag bei 40 PS. Hintergrund war eine Anfrage der preußischen Militärbahnen gewesen. Die Konstruktion war offenbar so gut gelungen, dass zwei Jahre später 30 dieser Maschinen nach Japan verkauft wurden. Ebenfalls eine Besonderheit war die 1902 erstmals von Jung gebaute feuerlose Lokomotive. Sie war für den Verschiebe- und Rangierbetrieb, insbesondere in Industriewerken, in denen Explosionsgefahr bestand, gedacht. Papier- und Pulverfabriken sowie die chemische Industrie waren die Abnehmer.

Am 19. August 1907 verließ die 1000. Lok das Werk im Jungenthal. Sie wurde an die »Freier Grunder Talbahn« ausgeliefert. Längst hatte sich der Name Jung bei den Großkonstruktionen in die Reihe der bekannten Hersteller wie Borsig oder Maffei eingefügt.

Warten auf eigenen Gleisanschluss

Dennoch gab es ein Problem: Der Transport der Loks über die Straße zum Kirchener Bahnhof war nicht mehr zu verantworten, auch weil die Siegbrücke für die Gewichte nicht ausgelegt war. Ein eigener Gleisanschluss musste her. Doch durch den ungünstigen Verlauf der Asdorf, die damals noch fast mitten durch das Werksgelände floss, konnte das Anschlussgleis zum Haltepunkt Kircherhütte nicht in Regelspur ausgeführt werden. Eine Verlegung des kleinen Flusses scheiterte zunächst, weil die dazu notwendigen »Amtmannswiesen« noch im Besitz von »Ochsenmillionär« Alfred Stein waren. Dadurch war man gezwungen, das Gleis in einer 1000-mm-Spur anzulegen. Ein auf zwei Drehgestellen ruhender Transportwagen wurde gebaut und ein bis zur Normalspur von 1435 mm verstellbares Gleis darauf montiert. Die Loks rollten über eine Rampe auf diesen Güterwagen.

Erst später konnten die »Amtmannswiesen« gekauft und anschließend die Asdorf umgeleitet werden. 1908 war es auch zu Erweiterungen des Werkes gekommen, u.a. wurde die Kesselschmiede errichtet. Und im Mai 1912 konnte der erste, 460 Quadratmeter große Teil des neuen Verwaltungsgebäudes bezogen werden – allerdings ohne Firmengründer Arnold Jung.

An seinem 50. Geburtstag – am 8. Januar 1909 – hatte der Unternehmer auf ein beeindruckendes Leben zurück geblickt. Er hatte eine Firma von Weltruf aufgebaut, Jungenthal-Lokomotiven wurden in 47 Länder exportiert, 800 Menschen verdienten in seinem Betrieb ihr tägliches Brot. Trotz einer großen Arbeitslast engagierte sich Jung stark im öffentlichen Leben. Er war Mitglied der Handelskammer zu Koblenz, wirkte als Kreisdeputierter und in verschiedenen ehrenamtlichen Positionen der Gemeinden Kirchen und Wehbach. Auch im Presbyterium der ev. Kirchengemeinde war er eine wichtige Stütze, und das nicht nur, weil er entscheidend zur Finanzierung des ev. Krankenhauses beitrug.

»Bewusst auf Luxus verzichtet«

»Arnold Jung war kein Kapitalist im klassischen Sinne«, stellt Pfarrer i.R. Hans Fritzsche fest, der mit vielen Kirchenern gesprochen hat, die den Unternehmer noch persönlich gekannt haben. »Er hat großen Wert auf Schlichtheit gelegt. Im Winter kam er ohne Mantel in die Kirche, nur mit einer dicken Weste. Er hat bewusst auf Luxus verzichtet.« Auch den sozialen Fragen brachte Jung viel Verständnis entgegen. Besonders die Ausbildung der Jugend war ihm eine Herzenssache. Schon sehr früh präsentierte er dem damaligen Bürgermeister Heinrich Kraemer Ideen für eine umfassende Schulung von Lehrlingen.

1909 erhielt Jung den Titel eines »Königlichen Kommerzienrats«. Es ist bezeichnend für sein bescheidenes Wesen, dass er diesen Titel zwar annahm, es aber allen Freunden und Mitarbeitern verbot, ihn mit »Herr Kommerzienrat« anzureden. Doch war es ihm nicht vergönnt, die Geschicke seines Werkes noch lange weiter zu leiten. An seinem 52. Geburtstag starb Arnold Jung an den Folgen einer Grippe. Als er am 11. Januar 1911 zur letzte Ruhe in Kirchen gebettet wurde, folgte eine unübersehbare Menschenmenge seinem Sarg, darunter die gesamte Belegschaft. Jung hinterließ seine Ehefrau Marie geb. Rauner und zwei Töchter. Agnes Jung hatte 1910 den Regierungsbaumeister a.D. Paul Hintze geheiratet, der ein Jahr zuvor ins Unternehmen eingetreten war und schnell zu einer Art »rechter Hand« des Firmenchefs avancierte. So war zumindest die Nachfolge im Unternehmen geregelt.

Hintze wusste wohl, dass er ein schweres Erbe antrat, allerdings konnte er nicht ahnen, was für schwierige Zeiten bevorstanden. Zunächst aber lief der Betrieb auf Hochtouren. Das Firma erbrachte mehr und mehr den Beweis, dass sie auch in der Lage war, schwere Lokomotiven zu bauen. Eine Serie von 27 Maschinen verließ das Werk 1911 Richtung Rumänien. An der deutsch-russischen Grenzen wurden sie auf die rumänische Spur umgesetzt. Am 31. März 1914 stand Lok Nr. 2000 in den Hallen.

Frauen stellten Munition her

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs stieg die Nachfrage nach 40 PS starken Feldbahnlokomotiven. Außerdem wurde die Fa. Jung zur Munitionsherstellung verpflichtet. Erstmals seit der Zeit der alten Spinnerei arbeiteten wieder Frauen und Mädchen in der Fabrik, um nach Anweisung eines Pionierleutnants Granaten und Geschosshülsen zu drehen. Ganz im Sinne des Gründers erfolgte auch in der Kriegsjahren ein weiterer Ausbau der Anlagen. Dennoch: Als auf den Schlachtfeldern endlich Ruhe eingekehrt war, klafften großen Lücken in der Jung-Mannschaft.

Es folgten extrem schwierige Jahre. Unter den deutschen Lokomotiv-Herstellern entbrannte ein gnadenloser Wettbewerb. Am 4. Juni 1920 wurde immerhin die 3000. Lok an die Preußische Staatsbahn in Stettin übergeben. Es handelte sich um eine schwere Güterzuglok mit einem Dienstgewicht von 115 Tonnen und einer Leistung von 1000 PS. Auch die Besetzung des Rheinlands machte den Kirchenern zu schaffen, führte diese doch zu einer gewissen Isolierung. Damals ausgehende Post wurde mit dem Hinweis versehen: »Wir machen darauf aufmerksam, dass unsere Firma nicht im besetzten Gebiet liegt und vorläufig auch keine Befürchtung zur Besetzung vorhanden ist.« Die Firma wich schließlich vermehrt auf andere Produktionszweige aus, wie die Herstellung von Tanks, Straßenwalzen und Rohrleitungen.

Dann trieb auch noch die Inflation ihre »Blüten«: Die Werkleitung ließ Notgeld drucken. Henning Plate vom Kirchener Heimatverein: »Als größter Arbeitgeber im Kreis Altenkirchen mit rund 1000 Beschäftigten entschloss sich der Betrieb am 10. August 1923, eigene Gutscheine herauszugeben. Die Löhne wurden täglich gezahlt. Für 1 kg Rindfleisch musste man eine viertel Million Mark bezahlen, am 20. August 1923 fast genau eine Million, am nächsten Tag schon 1,3 Millionen.« Die Ehefrauen warteten vor den Werkstoren, um direkt mit dem Geld zum Einkaufen zu gehen.

Dabei hatte die deutsche Lokomotivindustrie 1922 den größten Auslandsauftrag ihrer Geschichte erhalten. Die Sowjetunion hatte schwere Güterzugloks bestellt, 21 davon sollte die Fa. Jung liefern. Die Leistung lag bei 1400 PS. Außerdem musste das Führerhaus mit einem Schlafraum, einer besonders kräftigen Heizung und einer Kochstelle ausgerüstet werden. Ein Auftrag von 27 Heißdampfloks mit je 300 PS und einer Spurweite von 760 mm für Jugoslawien schloss sich an.

Kündigungsfrist von einem Tag

Doch diese Zeichen der Hoffnung trugen nicht zu einem wirklichen Aufschwung bei. Die Zahl der Mitarbeiter schrumpfte immer weiter, und die im Werk verbliebenen Arbeitskräfte konnten zum Teil nur durch Kurzarbeit beschäftigt werden. Die Kündigungsfrist lag damals für jeden Werksangehörigen bei einem Tag.

Fotos: Heimatverein Kirchen/Henning Plate

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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