Ich-AGs ruinierten Fliesenfachgeschäft

Nach 34 Jahren am Ende:

Fliesen-, Platten- und Mosaiklegermeister Josef Kölzer muss seinen Betrieb dicht machen / Keine Chance gegen Billiganbieter

ruth Mudersbach. Und wieder ist ein Traditionsbetrieb am Ende: Schweren Herzens musste Josef Kölzer zu Beginn dieser Woche sein Fliesen-Fachgeschäft im Gewerbegebiet »Mudersbacher Wiesen« schließen. Die zahllosen vom Staat geförderten Ich-AGs sowie diverse Pleiten von Bauträgergesellschaften haben dem Handwerksmeister das »Genick gebrochen«. Auf der Strecke blieben vier Mitarbeiter, »die sich jetzt als Ich-AG selbstständig machen können«, meinte Josef Kölzer im Gespräch mit der SZ sarkastisch. Er selbst hat unter den gegebenen Bedingungen keine Lust mehr, in seiner Branche weiterzumachen.

Dabei hatte Josef Kölzer nicht nur einen guten Ruf in der Region, sondern durchaus treue Kunden. An den Privatkunden hat’s nicht gelegen, versichert der Handwerksmeister. Der zunehmende Preisverfall, gepaart mit staatlich geförderten Billigarbeitern, die zu Tausenden hierzulande den Markt kaputt machten, bedeuteten für Fliesen-Kölzer das »Aus«. »Schon als das mit dem Jugoslawien- krieg losging, kamen hier die ersten Billigarbeiter an und machten uns mit ihren Niedriglöhnen den Markt kaputt«, so der Unternehmer. Dank einer staatlichen Sonderregelung benötigen die Ich-AGs keinen Meisterbrief, müssen keine Beiträge an die Berufsgenossenschaft zahlen und können loslegen, wo, wann und zu welchen Konditionen sie wollen.

Kölzer dagegen musste für seine Leute Löhne zahlen, die es in sich haben: Darin müssen die Kranken-, Arbeitslosen- und Rentenversicherungsbeiträge enthalten sein, die Pflegeversicherung, die Bauberufsgenossenschaftsversicherung, die Leistung an die Sokobau Wiesbaden (21 Prozent des Lohns) und die Feiertagszahlungen. Was dabei zusammenkommt, entsprach früher einem richtigen Meisterlohn. Wer zusätzlich noch ausbildet, muss noch viel tiefer in die Tasche greifen.

Die Ich-AG dagegen wird mit Steuergeldern gefördert. Die Ein-Mann-Betriebe müssen keine Verkaufsflächen vorhalten, keine Beratungsgespräche führen, keinen besonderen Fuhrpark unterhalten und haben keine Lagerhaltung zu finanzie- ren. Das alles bot Fliesen-Kölzer seinen Kunden. Das alles kostete viel Geld. Im Mai 1996 feierte das Unternehmen sein 25-jähriges Bestehen. Im Juni des selben Jahres konnte der Neubau auf den »Mudersbacher Wiesen« eröffnet werden. Auf 500 Quadratmetern entstand eine ansprechende Verkaufs- und Ausstellungsfläche – ein Blickfang für das gesamte Gewerbegebiet. Zu Spitzenzeiten beschäftigte Josef Kölzer 45 Mitarbeiter, bildete zehn junge Menschen aus. Der Euro war noch 2 DM wert, die Preise stabil. Aldi gehörte zu den Kunden der Firma Kölzer, die nicht nur für Umsatz sorgten, sondern auch gute Gewinne erwirtschaften ließ.

Doch irgendwann ließ auch diese Sparte nach, die Konkurrenz durch die Baumärkte wurde größer und die Gewinnspanne immer kleiner. Die Mischung aus Ich-AG und Baumarkt konnte Kölzer nicht unterbieten. Obwohl er selbst Baumärkte belieferte, verdiente die Firma kaum noch etwas an ihren eigenen Fliesen. Ein anderer Fliesenleger aus dem Oberkreis bestätigte der SZ, dass selbst seine ehemaligen Angestellten ihm heute als Ich-AG stärkste Konkurrenz machen. Befreit von allen steuerlichen Zwängen und flexibel sind die Einzelkämpfer nicht zu unterbieten. Der Schwarzarbeit werde so Tür und Tor geöffnet. Das beklagt auch Josef Kölzer. Während er genauestens Buch führen muss, ist eine Ich-AG ungleich schwerer zu kontrollieren, in Kleinanzeigen der Tageszeitung aber schnell zu finden.

Jetzt will Josef Kölzer versuchen, seine Hallen samt Ausstellungsflächen und Büros zu verkaufen. Während er seine Schulden überall beglichen hat, wartet er weiter auf sein Geld, das ihm verschiedene Bauträgergesellschaften schulden. Höchstwahrscheinlich vergeblich. Holzmann lässt grüßen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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