Im Schatten der Industrie blühte die feine Kunst

Schulen und Lehrer in Wehbach (Teil 2)/Das Wirken von Peter Weinand bleibt unvergessen/Unterricht an ev. Schule war lange »Familiensache«

thor Wehbach. Einen wie ihn gibt es heute nicht mehr – weder in Wehbach noch andernorts, und schon gar nicht als Lehrer. Wer auch nur wenige Zeilen über die Schulgeschichte in Wehbach schreibt, kommt an ihm nicht vorbei: Peter Weinand in dieser Serie nicht zu erwähnen, wäre fast so, als würde man in der Chronik über Herkersdorf/Offhausen auf den Druidenstein verzichten. Generationen von Wehbachern sind von Weinand geprägt worden, der etwas erreicht hat, was für ein Industriedorf eigentlich eher ungewöhnlich ist. Unzählige Kinder haben durch ihn im Schatten der Friedrichshütte den Zugang zu einer der schönen Künste gefunden: der Musik. Sein ganzes Leben widmete er der musischen Erziehung – dies mit einer Leidenschaft, die man in einer Zeit der zunehmenden Egozentrik nur noch schwer nachvollziehen kann.

Der 1880 in Rübenach bei Koblenz geborene Weinand war im Oktober 1910 als Lehrer nach Wehbach gekommen. Und es dauerte nicht lange – noch nicht einmal ein Jahr – da hatte er ein kleines Orchester gegründet, aus dem später der Musikverein Wehbach hervorgehen sollte, den er noch bis 1952 dirigierte. Weinand war schnell in der gesamten Region als »Musik-Peter« bekannt, in Wehbach selbst oft nur als »der Peter«. Dabei galt seine zweite Liebe dem Sport. Im Turnverein, dem Vorläufer des heutigen VfL, brachte sich Weinand als 2. Vorsitzender ein und stellte diesem eigenes geerbtes Geld zum Kauf eines Sportgeländes zur Verfügung.

Nie für etwas Geld genommen

Lehrer Weinand war nicht nur in Wehbach aktiv. Er leitete einen Gesangverein in Hilgenroth bei Altenkirchen und eine Orchestervereinigung im Daadetal. Zu seinen Einsatzorten ging er stets zu Fuß. Willi Stahl, der Weinand selbst als Schüler erlebt hat und mit dem er die Sammeltouren für die Seidenraupen unternahm, berichtet: »Er hat oftmals weder sich selbst geschont noch andere.« Lange Fußmärsche – u.a. bis zur Siegquelle(!) – waren für seine Schüler selbstverständlich. Gleichzeitig nahm er es auf sich, bis zu 70 Schüler in einer Klasse zu lehren. Stahl erinnert aber auch daran, dass Weinand über seinen Schuldienst hinaus die technischen Zeichner und Laboranten der Friedrichshütte in Mathematik unterrichtet hat – kostenlos, versteht sich: »Er hat nie für etwas auch nur eine Mark genommen.« »Uneigennützig, bescheiden, unkonventionell, willensstark, streng und Freund der derben Sprache« – das sind nur einige Beschreibungen, die Willi Stahl und Otto Wellnitz zur Person von Peter Weinand einfallen. Der Pädagoge wurde von seinen Schülern respektiert und geachtet, auch wenn der Unterricht buchstäblich mit harter Hand durchgeführt wurde. »Jedem Kind, das begabt war, hat er zu einem Instrument verholfen, und wenn er es selbst bezahlen musste«, erzählt Willi Stahl. Weinand selbst beherrschte im Prinzip jedes Instrument, in erste Linie spielte er Flöte, Geige und Kontrabass. Als ihm im Jahr 1960 das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde, sagte er, dass der schönste Lohn für ihn immer der Erfolg und die Gelehrigkeit seiner Schüler gewesen sei. Als die Nazis 1939 die Gemeinschaftsschule einführten, war Peter Weinand der Hauptlehrer in Wehbach. Konfessionelle Grenzen kannte er ohnehin nicht, mit den Kollegen von der ev. Volksschule pflegte er stets ein gutes Miteinander. Zusammen mit Adolf Lange, der 1930 von Offhausen kommend seinen Dienst an der ebenfalls zu Wehbach gehörenden kath. Schule auf dem Grindel antrat, hatte Weinand übrigens darüber nachgedacht, spezielle Förderklassen für Schüler einzurichten. Diese Idee ging allerdings in den Kriegswirren unter. Lange war ein ähnlicher Typ wie Weinand, stets darauf bedacht, den Kinder möglichst viel Rüstzeug mit auf den Weg zu geben. Er wirkte 22 Jahre lang bis 1952 auf dem Grindel (ab 1943 »Börnchenschule«). Doch zurück zu Peter Weinand: Im Krieg – Ende 1944 – wurde er zusammen mit vielen anderen älteren Männern zum Schanzen an den Westwall verpflichtet. Nach seiner Rückkehr war er noch bis 1949 als Lehrer in Wehbach tätig. Am 27. Juli 1949 trat er in den Ruhestand. Dieses Ereignis kam in Wehbach einem kleinen Dorffest gleich. Allein drei Blaskapellen von auswärts waren angetreten, um »ihren« Peter aus dem Berufsleben zu verabschieden. Seine musikalische Präsenz und Dominanz blieben natürlich unangetastet. Das musste auch der 1957 in Wehbach angekommene Junglehrer Otto Wellnitz erfahren. Natürlich war es keine Frage, dass auch die Kinder von Wellnitz bei Weinand Unterricht erhielten. Das endete allerdings damit, dass der konzentrierte Flötenunterricht in Wehbach im Hause Wellnitz stattfand, was diesen gelegentlich »in den hintersten Winkel« flüchten ließ. Auch in seinen letzten Lebensjahren sah man Peter Weinand noch oft in seiner typischen gebeugten Haltung durch den Ort gehen. Zuletzt wohnte er bei der Familie Walter Meier, wo er liebevoll gepflegt wurde. 1974 starb Weinand im Alter von 94 Jahren. Eine langjährige Kollegin von Weinand war Maria Euteneuer, die von 1930 bis 1964 die beiden ersten Jahrgänge an der kath. Volksschule unterrichtete. Nach der beliebten Pädagogin wurde sogar das zweite Schulgebäude an der Wingendorfer Straße benannt, wenn auch inoffiziell. Sie bewohnte die Lehrerwohnung über dem Schulsaal. Folgende Anekdote ist überliefert: Als sich Maria Euteneuer eines Tages zur Mittagsruhe zurückgezogen hatte, übten im gegenüber liegenden Schulhaus einige Kinder auf ihren Instrumenten – auf Anordnung von Peter Weinand. Die Lehrerin beschwerte sich, die Schüler hörten auf – und vom oberen Stockwerk nahte ein aufmerksam gewordener Peter Weinand. Dem Vernehmen nach soll Maria Euteneuer anschließend nie mehr versucht haben, eine musikalische Unterrichtsstunde zu beenden. Die Pädagogin war überaus engagiert in der örtlichen DRK-Arbeit, insbesondere während der Kriegsjahre, als das Kreiskrankenhaus Kirchen als Reservelazarett diente. Maria Euteneuer opferte unendlich viel Zeit als Pflegeschwester. Aktiv war sie auch im Elisabethen-Verein (heute kfd). Außerdem ist von ihr bekannt, dass sie gerne Gedichte schrieb.

Emil Weyel fast 40 Jahre Schulleiter

Schulleiter der ersten ev. Volksschule in Wehbach war von 1891 bis 1930 Emil Weyel, dem viele Aufzeichnungen über das Geschehen im Ort zu verdanken sind. Auch er war eng mit dem kulturellen Leben in Wehbach verbunden. 32 Jahre lang war er Dirigent des MGV Wehbach. 23 Jahre stand er dem Deutschen Lehrerverein, Ortsgruppe Betzdorf-Kirchen, vor. Von 1931 bis 1938 folgte Sohn Heinrich Weyel als Lehrer an der ev. Schule, der sich ehrenamtlich als Vorsitzender des Turnvereins engagierte. Und der Unterricht blieb in Familienhand: In den Jahren 1938 und '39 unterrichtete der Schwiegersohn von Emil Weyel, Heinrich Externest, an der ev. Schule.

Hans Gerth widerstand Beförderungen

Von Oberirsen kam 1940 Oberlehrer Hans Gerth an die Asdorf. Geboren in Köln, sollte Wehbach für ihn zur zweiten Heimat werden, die er trotz mehrmaliger Beförderungsangebote nicht verließ. Wie könnte es anders sein? Auch Gerth war der Musik zugetan und »fester Bestandteil« des dörflichen Lebens. 1946 gehörte er zu den Gründern des ev. Kirchenchors, den er 33 Jahre lang (bis 1979) dirigierte. Für seine großen Verdienste um die Kirchenmusik verlieh im die Ev. Kirche im Rheinland 1978 den Ehrentitel »Kantor«. Gerth war daneben Dirigent des MGV »Eintracht« Freusburg, und im MGV/Singekreis Wehbach schätzte man ihn bis ins hohe Alter als Sänger und Vizechorleiter.

Im Kollegenkreis, so Wellnitz, war Gerth hoch angesehen, zumal er sich sehr für die Belange seines Berufstandes einsetzte. Auch er war Mitglied im Deutschen Lehrerverein und später in den gewerkschaftlichen Nachfolgeorganisationen. Der GEW-Ortsverein Betzdorf-Kirchen ernannte ihn sogar zum Ehrenmitglied. 1970 wurde er nach fast 30 Jahren ununterbrochenem Wirken in Wehbach aus dem aktiven Lehrerleben verabschiedet.

So zieht es sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Lehrer in Wehbach: Wer hier unterrichtete, durfte sein Auftreten nicht nur auf die Klassenzimmer beschränken. Auch Otto Wellnitz wurde direkt an seinem zweiten Tag in Wehbach vom damaligen MGV-Vorsitzenden angesprochen und zum Mitmachen aufgefordert. Nicht nur das Ortsbild von Wehbach hat sich gewandelt, sondern auch der Anspruch an die Pädagogen – schade, eigentlich.

Fotos: Heimatverein Kirchen/Otto Wellnitz

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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