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Käferholz en masse
In den Sägewerken geht niemand mehr ans Telefon

Der Kreis will nach seinen Kräften die Waldbauern unterstützen. Dazu zählt die Suche nach Nasslagerplätzen und Hilfe bei der Verkehrssicherung.
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  • Der Kreis will nach seinen Kräften die Waldbauern unterstützen. Dazu zählt die Suche nach Nasslagerplätzen und Hilfe bei der Verkehrssicherung.
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goeb Mudersbach. Über 50 Prozent Waldanteil besitzt der Kreis Altenkirchen, und im zweiten Jahr der Dürre – so muss man es schlichtweg nennen – geht der heimische Wald in die Knie. Unübersehbar, flächendeckend, stirbt die Fichte. An stillen Tagen hört man das Rieseln der Nadeln, und dort, wo ganz Schläge mit der Motorsäge flachgelegt worden sind, entdeckt man ein Phänomen am Himmel, wie man es im Siegerland und im Westerwald noch nie gesehen hat. „Das sind Schwalben“, erzählt Stefan Wulf, der Förster des Reviers Freusburg. „Ich nehme an, Rauchschwalben.“

Die heimischen Brutvögel ziehen bekanntlich im September in den Süden. Sie stärken sich nun mit den ausfliegenden Borkenkäfern. Gerade ist wieder eine Käfer-Generation geschlechtsreif geworden und erhebt sich zum Hochzeitsflug.

goeb Mudersbach. Über 50 Prozent Waldanteil besitzt der Kreis Altenkirchen, und im zweiten Jahr der Dürre – so muss man es schlichtweg nennen – geht der heimische Wald in die Knie. Unübersehbar, flächendeckend, stirbt die Fichte. An stillen Tagen hört man das Rieseln der Nadeln, und dort, wo ganz Schläge mit der Motorsäge flachgelegt worden sind, entdeckt man ein Phänomen am Himmel, wie man es im Siegerland und im Westerwald noch nie gesehen hat. „Das sind Schwalben“, erzählt Stefan Wulf, der Förster des Reviers Freusburg. „Ich nehme an, Rauchschwalben.“

Die heimischen Brutvögel ziehen bekanntlich im September in den Süden. Sie stärken sich nun mit den ausfliegenden Borkenkäfern. Gerade ist wieder eine Käfer-Generation geschlechtsreif geworden und erhebt sich zum Hochzeitsflug. „Für die Schwalben ist das eine willkommene Stärkung.“ Es sind mehr, als sie je fressen könnten.

Doch anders als die hübschen Singvögel freuen sich die Menschen nicht. Stefan Wulf führt seine Exkursionsteilnehmer in den Revierteil Kalberhardt oberhalb von Mudersbach. Man guckt sich eine Kahlfläche am Hang an. Unten am Weg erkennt man viele Stapel Holz und man sieht in der Ferne den Verlauf der Siegtalbrücke. Vor sechs Wochen ging das noch nicht.

„Noch so ein Jahr, dann können wir einpacken“, entfährt es dem Vorsitzenden des Kreiswaldbauvereins, Friedrich Baron von Hövel. Auch der Geschäftsführer des Vereins, Alois Hans, ist dabei, vier Vorstandsmitglieder der Haubergsgenossenschaften Mudersbach und der Waldinteressentenschaft sowie Forstamtsleiter Franz Kick und Landrat Dr. Peter Enders.

Haubergsgenosse Hans-Georg Gerhardus nervt, dass das Land Rheinland-Pfalz in diesen Notzeiten auch noch die Forstreviere vergrößert und die Zahl der Förster verkleinert hat. „Baden-Württemberg macht das besser“, findet er.

Die Verbandsgemeinde Kirchen war 2018 die trockenste Ecke von Rheinland-Pfalz, das kann man im sog. Dürremonitoring nachschauen. Entsprechend schlecht sieht der schöne Wald aus. Fichten, die Lärchen im Winter gleichen. Und von Hövel weist auf die gelbe Spitze einer Buche hin. Denn dass die Laubbäume besser mit der Trockenheit fertig werden, ist keine ausgemachte Sache. In Thüringen sind auch sie schon in ganzen Beständen geschädigt.

„Der Wald hat viele Funktionen“, holt von Hövel aus: Er schützt zum Beispiel die steilen Hänge vorm Abrutschen, speichert unser Wasser, er reinigt die Luft, und ein Hektar bewirtschafteter Wald, fügt er hinzu, binde 6 Tonnen Kohlendioxid. „Und zwar dauerhaft, zum Beispeil als Dachstuhl rund hundert Jahre.“

Kaputt gehen die Wälder, weil sie nicht ausreichend Wasser haben. Geschädigt waren sie sowieso schon durch die hohen Stickstoffeinträge im Niederschlag. Das kommt vom Autofahren, von der Industrie, vom Heizen usw.

Wenn der Wald stirbt, muss man ihn halt nachpflanzen, könnte man meinen. „Aber wir wissen nicht, was wir pflanzen sollen“, wirft der Revierförster ein. Zwar sind Douglasie und Küstentanne weniger anfällig gegen Dürre, das weiß man, aber sicher ist ihr Überleben nicht. „Wir stehen vor einer Situation“, erklärt Friedrich von Hövel, dass wir nicht wissen, wie die Bedingungen in 20 oder 30 Jahren aussehen.“ Die Region hat jedenfalls nur etwa halb so viel Niederschlag bekommen wie gewöhnlich. „Mit der Hitze könnten wir noch leben“, sagt Kick. „Aber nicht mit der Trockenheit.“

Auf den 23 000 Hektar Staatswald im Kreis lässt das Forstamt in gewöhnlichen Jahren maximal 110 000 Festmeter Holz schlagen. „Bis jetzt, also September, haben wir schon 208 000 Festmeter geschlagen, davon 198 000 Festmeter Fichte.“ Die Fichte ist das Sorgenkind Mitteleuropas.

Auf ihr Holz sind die Sägewerke maschinell ausgelegt und auch die Bauindustrie – nicht auf Laubholz. Alois Hans, auch Geschäftsführer der heimischen Holzvermarktungsgesellschaft Westerwald-Sieg, schätzt, dass in der größeren Region 2,8 Mill. Festmeter keine Abnehmer mehr finden. Die Sägewerke sind so ausgelastet, „da geht schon keiner mehr ans Telefon“.

Damit einher geht ein erheblicher Vermögensverlust der Waldbesitzer. Landrat Enders, Kleinstwaldbesitzer, hat nach eigenem Bekunden den größten Teil seiner Bäume auf 2000 Quadratmeter fällen lassen. So geht es vielen.

Gab es in guten Zeiten 90 Euro für den Festmeter, sind es jetzt noch 40, Tendenz fallend. Baron von Hövel beziffert die Verluste der Privatwaldbesitzer im Kreis in diesem Jahr mit schätzungsweise 5 Mill. Euro.

Viele sind dazu übergegangen, das Holz nach China zu verkaufen, weil die EU-Märkte übersättigt sind durch das viele Käferholz. „Das haben die Chinesen natürlich mitbekommen, dass es dem Wald bei uns schlecht geht“, sagt Alois Hans. „Entsprechend versuchen die jetzt, die Preise zu drücken.“ Dabei ist unser Sprengel verglichen mit Ostdeutschland noch besser dran bei der Vermarktung, denn über den Rhein sind die großen Häfen erreichbar.

An der Kalberhardt hat Wulf den Einschlag erstmal gestoppt, um die riesigen Mengen überhaupt fertig machen zu können. „Das wird hier jede Woche brauner“, stellt er fest. Der gesamte Hang wird dran glauben müssen, doch das übrige Holz, das jetzt noch steht, ist schwächer. Man stehe vor einem „Sortimentswechsel“.

Die Stämme werden am dünneren Ende gekappt, dort, wo der Durchmesser bei 20 cm liegt. Dann ist die Gesamtlänge des Stamms oft nur 13 Meter und weniger. Schwächere Hölzer, erfährt man, seien nicht lagerfähig. In viele Stämme ist bereits der Bläuepilz eingedrungen. Das gilt dann nicht mehr als Frischholz, der Preis sackt entsprechend.

Schon heute wisse man nicht mehr wohin mit dem ganzen Energie- und Palettenholz. Kick würde das gerne an Kraftwerke abgeben, die könnten damit auch befeuert werden. „Aber die hören nicht auf uns.“ Er appelliert an den Landrat, sich dafür politisch einzusetzen, schließlich ist der Kreis gewichtiger RWE-Aktien-Besitzer.

Enders will unterstützen, so gut es geht, behilflich sein auch bei der Suche nach Nasslagerplätzen und Aufgaben übernehmen bei der Verkehrssicherung.

Denn die steht an vielen Straßen an, wo Bäume bald drohen auf die Straße zu krachen, wie letzte Woche im Oberbergischen, wo ein Motorradfahrer an der Aggertalsperre von einer Fichte erschlagen worden ist. Kommt es ganz dicke, könnten manche Wälder für Radfahrer und Spaziergänger gesperrt werden.

In Mudersbach wird am 13. und 20. Oktober, jeweils also sonntags, die Bundesstraße gesperrt und der Verkehr über die Stahlwerkstraße umgeleitet. Gefällt werden muss überall. Am Struthof zwischen Betzdorf und Kirchen genauso wie am ev. Kirchenwald in Freusburg oder in Flammersfeld.

„Wir müssen es irgendwie schaffen, dass der Klimawandel aufgehalten wird“, sagt Baron von Hövel eindringlich. Und der Schutz des Waldes sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Ohne staatliche Unterstützung werde es nicht gehen. „Und das muss mit Sofortmaßnahmen losgehen.“ <chartag shortcut="z-Autor" tag="autor-7p">Andreas Goebe</chartag>l

Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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