»Kinder sind wirklich etwas Wunderschönes«

Sanierung des kommunalen Kindergartens Freusburg ist abgeschlossen / Sinkende Geburtenzahlen problematisch / Einrichtungen stehen im Wettbwerb

damo Freusburg. Die Deutschen sterben aus. Gerade einmal 1,4 Kinder bringt eine Frau im Durchschnitt zur Welt – die Reproduktionsrate, die zur Bestandssicherung ausreichen würde, liegt aber bei 2,1. Sterben mit den Deutschen auch die Kindergärten aus? Schließlich spüren sie als erste Erziehungsinstanz, dass ihr »Kundenstamm« immer kleiner wird. In den 70er Jahren mussten die Eltern noch alle Hebel in Bewegung setzen, um eine neue Vormittagsadresse für ihr Kind zu erhalten – heute haben sie die Qual der Wahl: In welchen Kindergarten schicke ich den Sprössling? Nehme ich einen kommunalen? Einen kirchlichen? Oder doch besser den Waldorf-Kindergarten? Und die Träger der Kindergärten werden zum Dienstleister auf Kundensuche: Darf's ein bisschen mehr sein?

In Freusburg lautet die Antwort auf diese Frage: ja. Denn mit Sanierung und Erweiterung hat sich der ehemals eher abschreckende kommunale Kindergarten zu einer Top-Adresse für den Nachwuchs gemausert. Helle, schöne Räume, großzügiges Platzangebot und eine engagierte Elternschaft – die Bedingungen für die kleinen Kunden sind nahezu perfekt. Dennoch hat auch das Freusburger Kindergartenteam um Leiterin Hildegard Kriebel noch Plätze frei – von ehemals rund 50 Kindern hat sich die Belegung auf gut 30 reduziert.

Das hat natürlich aus pädagogischer Sicht viele Vorteile: Statt um eine 25er-Gruppe müssen sich die Erzieherinnen jetzt nur noch um 15 Kinder kümmern. Da bleibt laut Kriebel viel mehr Zeit für jedes einzelne Kind – eine individuelle Förderung ist viel besser zu realisieren als früher. Aber obwohl Wolfgang Müller als früherer Schulleiter aus der pädagogischen Ecke kommt: Als Bürgermeister wird er angesichts der Unterbelegung kaum in die Hände klatschen. »Wir müssen als Träger natürlich auf die Wirtschaftlichkeit achten«, berichtete er gestern bei einem SZ-Gespräch im Kindergarten.

Dieser Anspruch ist nachvollziehbar – und wächst, weil nicht nur der Freusburger Kindergarten längst nicht mehr die Belegungszahlen aufweisen kann wie in Spitzenzeiten. Überall nämlich sinken die Kinderzahlen, berichtet Müller; und die Berechnungen für die Zukunft lassen alles erkennen, bloß keine Trendwende. Nur in Herkersdorf wächst die Bevölkerungszahl derzeit – kein Wunder, schließlich wurde mit der »Sohle« gerade erst ein neues Baugebiet erschlossen. Und wo sich junge Paare häuslich niederlassen, ist naturgemäß mit mehr Nachwuchs zu rechnen als in »vergreisenden« Straßenzügen.

Trotz der demographischen Entwicklung (Geburtenrückgang als überregeionales Phänomen) benötigt die Ortsgemeinde weitere Bauplätze – »bei uns rufen regelmäßig junge Paare an«, erzählt Müller. Aber Topographie, Raumordnung, Umweltschutzrichtlinien machen die Ausweisung neuer Wohngebiete immer schwerer. Und die unzähligen Baulücken lassen sich nicht schließen: »Wir können die Menschen ja nun nicht enteignen.« Also sinken in nahezu allen Ortsteilen die Kinderzahlen.

Die Eltern sind damit in einer ebensokomfortablen Situation wie die Kinder. Während die Kids eine bessere Förderung erfahren, können die Eltern felsenfest darauf bauen, ihr Kind im Wunsch-Kindergarten unterbringen zu können. Kindergartenbezirke gibt es nicht; und so haben Eltern die freie Wahl. Und die nutzen viele: »Wir erleben es oft, dass Eltern sich erst einmal alle Kindergärten im Umkreis genau anschauen und sich mit der pädagogischen Konzeption vertraut machen«, berichtet Hildegard Kriebel aus Erfahrung. Und auch in den Fällen, in denen kurzfristig ein Platz für das Kind gesucht wird, sind die Eltern heute auf der sicheren Seite: »Manche Eltern kommen morgens zum ersten Mal – und das Kind bleibt direkt da.«

Resultat für die Kindergärten: keine Planbarkeit. Das macht es nicht leicht – zumal ja schon jetzt eine Unterbelegung herrscht, die den Trägern natürlich gegen den Strich geht. So treten die Kindergärten zunehmend miteinander in Konkurrenz. Dabei handelt es sich freilich nicht um einen verbissenen Kampf um jedes Kind: »Wir Leitungskräfte verstehen uns sehr gut«, berichtet Kriebel. Vielmehr sei Wettbewerb gut, »weil er motiviert«, wie Kriebel erklärt.

Mit der Sanierung und Erweiterung des Kindergartens gehen die Freusburger jetzt mit neu gemischten Karten an den Start dieses Wettbewerbs. Denn vor der Sanierung, die schon Ende der 90er Jahre geplant wurde, haben viele Eltern massive Kritik am Kindergarten Freusburg geübt. »Hier stinkt es«: Selbst diese Aussage hat Hildegard Kriebel schon gehört.

Jetzt nicht mehr: Nachdem der Ortsgemeinderat im Juni 2000 Sanierung und Ausbau beschlossen hat und im Juli 2002 die Bauarbeiten begonnen haben, ist es für den kommunalen Kindergarten stetig bergauf gegangen. Auch wenn statt des »Rolls-Royce die VW-Passat-Variante« gewählt wurde (Müller), kann sich der generalsanierte Kindergarten heute wirklich sehen zu lassen.

So wurde ein großzügiger Gymnastikraum angebaut; die Mitarbeiter verfügen jetzt über Sozialräume und eine Küche. Alle Gruppenräume wurden von Grund auf renoviert – jetzt bietet der Kindergartten helle, freundlich gestaltete Räume und viel, viel Platz.

Da bei dem rund 540000-Euro-Bauprojekt auf jeden Cent geachtet werden musste, haben sich die Eltern mehrfach eingebracht. So haben Elternrat, Förderverein und einzelne Eltern beim Gestalten des Außengeländes mitgewirkt und zudem viele Einrichtungsgegenstände spendiert. Außerdem hat eine Freusburger Unternehmer-Familie dem Kindergarten eine großzügige Spende zukommen lassen – angesichts der knappen Kassen der öffentlichen Hand dringender benötigt als je zuvor.

Dennoch: Langfristig wird auch das Engagement der Eltern die Probleme, die fehlende Kinder verursachen, nicht kompensieren können. Hildegard Kriebel ist der Überzeugung, dass viele Faktoren den Geburtenrückgang erklären. Trotzdem sieht sie einen Teil der Verantwortung beim Staat; sie wünscht sich eine andere Familienpoltik. Wolfgang Müller bringt es noch deutlicher auf den Punkt: »Familien mit Kindern sind die Verlierer der Gesellschaft.«

Kann man so sehen – muss man aber nicht. Wer Hildegard Kriebel im Umgang mit den Kindern erlebt, nimmt ihr jedenfalls folgende Aussage ab: »Kinder sind wirklich etwas Wunderschönes.«

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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