Kirchbau war Gemeinschaftsleistung

Vor 50 Jahren erfüllten sich die ev. Christen in Wehbach einen lang gehgten Wunsch

sz Wehbach. Der rund drei Kilometer nördlich von Kirchen im unteren Asdorftal gelegene Filialort Wehbach der ev. Kirchengemeinde Kirchen hatte noch vor 150 Jahren nur die Größe eines Weilers. Erst als das 1839 von dem Kirchener Gewerken und Eisenhändler Carl Stein in Wehbach gegründete und ursprünglich mit Wasserkraft betriebene Blechwalzwerk expandierte, wuchs auch der Ort. Aus Nah und Fern zog das Werk Arbeitskräfte an. Für diese und ihre Familien mussten Wohnungen errichtet werden.

Besonders stark wuchs die Bevölkerung des Arbeiterdorfes gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als Wehbach 1887 einen Bahnanschluss erhalten hatte und 1898 ein neues Stahlwerk errichtet worden war. Im Jahr 1900 übernahm die Herdorfer »Bergbau- und Hütten-Aktiengesellschaft Friedrichshütte« das Stahl- und Walzwerk der »Carl Stein GmbH«. Die genaue Bezeichnung des Wehbacher Werkes lautete nunmehr »Bergbau- und Hütten-Aktiengesellschaft Friedrichshütte, Abt. Carl Stein, Wehbach«. Die »Hütte« bestimmte und prägte im gemischt-konfessionellen Arbeiterdorf Wehbach den Lebensrhythmus in den Familien, in den Vereinen, im gesamten öffentlichen Leben.

Gotteshäuser existierten vor dem Ersten Weltkrieg nicht in Wehbach. Die Christen beider Konfessionen mussten zu Gottesdiensten die drei Kilometer entfernt liegenden Pfarrkirchen in Kirchen aufsuchen. In der Wehbacher Bevölkerung entstand schon bald der Wunsch nach eigenen Gotteshäusern. Die Katholiken gründeten 1910 einen Kirchbauverein, die Evangelischen begannen etwa zur gleichen Zeit mit Einzahlungen in einen Fond zum Bau eines Gemeindehauses. Die angesammelten Gelder verloren bei der Inflation im Jahr 1923 jedoch ihren Wert.

Ein Jahr später (1924) begann die »Evangelische Gemeinschaft Wehbach« – offensichtlich ohne Absprache mit dem Presbyterium der ev. Kirchengemeinde Kirchen – mitten in Wehbach neben dem Bahndamm der Asdorfbahn mit dem Bau eines Vereinshauses. 1925 konnte es eingeweiht werden. Dies war der erste Sakralbau in Wehbach. 1933 folgte dann die feierliche Einweihung der kath. St.-Petrus-Kirche.

Das Vereinshaus der Ev. Gemeinschaft mietete im Jahr 1933 die ev. Kirchengemeinde Kirchen für 14-tägig stattfindende Gottesdienste und Bibelstunden sowie für wöchentliche Kindergottesdienste und Zusammenkünfte der Frauenhilfe Wehbach an. 1941 kaufte die Kirchengemeinde es dann.

Unter aktiver Mitarbeit vieler Gemeindemitglieder wurden 1951/52 in einer großen Gemeinschaftsleistung an der Nordseite des Vereinshauses ein 22,50 Meter hoher Glockenturm und an seiner Südseite ein Kindergarten mit darüber liegender Schwesternwohnung angebaut. Bei allen anfallenden Arbeiten packte der damalige Gemeindepfarrer Heinrich Krieger (1933bis 1972 Pfarrer in Kirchen) tatkräftig mit an und war Vorbild für viele Helfer. Das so entstandene kleine »Gemeindezentrum unter einem Dach« erhielt den Namen »Christuskirche«. An die feierliche Einweihung am 7. September 1952 erinnert die ev. Kirchengemeinde u.a. mit einem Festakt am Samstag (siehe Kasten).

Schon ein Jahr nach der Einweihung (1953) konnte das noch fehlende Geläut mit Glocken aus Gussstahl mit der Tonfolge e'- g'- a' im Turm eingebaut werden. Zur Finanzierung hatten ein Wehbacher »Freundeskreis zur Glockenbeschaffung« und eine Spende der Friedrichshütte wesentlich beigetragen. In der Schulchronik der ev. Volksschule Wehbach schrieb Schulleiter Hans Gerth damals dazu: »Sie (die Glocken) sind so abgestimmt, dass sie mit den Glocken der kath. Kirche ein harmonisches Geläut abgeben. Es war für alle Wehbach ein erhebender Augenblick, als die Glocken beider Kirchen erstmals ihre ehernen Stimmen über Wehbach erschallen ließen.«

Eine zur Größe der Kirche passende Orgel mit zwei Manualen und einem Pedal lieferte im Jahr 1958 die Firma Oberlinger aus Windesheim bei Bad Kreuznach. Das Instrument wurde bis kurz vor ihrem Tod im Jahr 1998 von »Mariechen« Kurze gespielt, die ab 1961 die Schwesternwohnung im kleinen Gemeindezentrum bewohnte und über Jahrzehnte als Organistin und Küsterin das Gemeindeleben im Filialort Wehbach entscheidend mitprägte.

In den Jahren 191/92 wurde die Christuskirche für rund 400000 DM nach Plänen des Wehbacher Architekten Helmut Käsinger grundlegend renoviert und umgebaut und erhielt dabei ihr heutiges Aussehen. Der Haupteingang wurde behindertengerecht ausgebaut und an die Turmseite verlegt, im Kirchenraum erhielten Altar und Kanzel, beide neu aus hellem Buchenholz, ihren ursprünglichen Standort aus der Zeit des Vereinshauses zurück. Das Kircheninnere wurde konsequent in den Farben Weiß und Violett gehalten. Sie herrschen auch bei der gelungenen künstlerischen Ausgestaltung des Kirchenraumes durch den Kirchener Designer und Kunsterzieher Josef Laubenthal (†2000) vor.

Die ev. Bevölkerung erinnert sich dankbar an die Hilfe und Unterstützung, die sie in der Zeit des Umbaus ihres Kirchleins von der kath. Pfarrgemeinde Wehbach erfahren hat. Seit Ende des Jahres 2000 komplettiert ein neues Kindergartengebäude aus Fertigbauteilen das kleine ev. Gemeindezentrum in der Heinrich-Klostermann-Straße. Auf der alten Bahntrasse auf der anderen Straßenseite führt der am 17. August eingeweihte Asdorf-Radweg vorbei, der der Kirche die Funktion einer »Kirche am Radweg« zuweist. Die Kirchengemeinde ist sich der neuen Aufgabe bewusst und lädt Radlerinnen und Radler jeglichen Alters herzlich zu ihren Gottesdiensten in der so nahen Christuskirche ein.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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