Max Schmeling kaufte Sigis Werke

Tochter des Lovis-Corinth-Preisträgers Siegfried Reich an der Stolpe lebt in Kirchen

sz Wehbach. Das Haus liegt am Hang. Ein bisschen zurück. Es ist ein altes Haus. Die Ziegel haben Jahre auf dem Buckel. Das Haus ist groß. Das Haus ist winklig. Darin gibt es viel zu sehen. Beispielsweise einen Flügel, ein Keyboard und viel, viel Kunst. Es gibt auch viel zu hören. Kinderlachen, Musik und eine ganze Menge Geschichten. Wie die vom Sigi. Sigi ist berühmt. Da müssen Alben herbei, Fotos, teilweise zerknittert, angegilbt: würdig. Klaus und Beatrice Schneider zeigen sie und erzählen dazu von Sigi, dem Maler. Der ist weit weg – im spanischen Altea. Einer der großen Gegenwartskünstler – ein Stilpräger. Beatrice kommt mit dampfendem Brühkaffee. So gegen 21 Uhr. Und der weckt die Lebensgeister, die Ruhebedürfnisse anmelden. An der Schwelle zur Nacht bekommen sie jetzt einen Kick. Brauchen sie auch, denn die Geschichte vom Sigi ist lang. Und ein wenig kompliziert ist sie auch. In zwei Stunden ist sie erzählt: Im Zeitraffer spielt sie sich zwischen 21 Uhr und 23 Uhr ab. In Worten und Bildern. Klaus ist um chronologische Ordnung bemüht. Nicht immer einfach, wenn es um große Persönlichkeiten mit einem sehr eng geschriebenen Lebenslauf geht. Und am Ende steht u.a. fest: Der Sigi heißt nicht einfach Sigi, sondern hat einen langen Namen, unter dem ihn die kunstinteressierte Welt kennt: Siegfried Reich an der Stolpe. Beatrice ist eine seiner Töchter. Sie gibt Ballettunterricht.

Der Sigi heißt eigentlich nur Reich. 1912 kommt er in einem verschlafenen Nest zur Welt. Stolp heißt es, und in Pommern liegt es. Direkt an einem Flüsschen, das den Namen Stolpe trägt. Und eben dieses Flüsschen fließt in den Nachnamen Reichs. An der Wiege seines künstlerischen Schaffens stehen Georg Grosz und Max Pechstein. Auch Schmitt-Rottluff beeinflusst Reich, der relativ schnell zu eigenen Stil findet. Klaus Schneider über seinen Schwiegervater: »Er nennt seinen Stil Emotionalismus.«

Für Furore sorgt Reich an der Stolpe schnell. Kritiker erwähnen ihn in einem Atemzug mit Pechstein und eben Schmitt-Rottluff. In den 30er Jahren kauft ihm Deutschlands berühmtester Boxer, Max Schmeling, ein Konvolut von Grafiken ab. Bevorzugte Motive: Küstenlandschaften, Meereswogen, Brandungen.

Beatrice und Klaus: »Wichtiger und prägender als alle akademischen Ausbildungen waren für Sigi die Freundschaften und Bekanntschaften mit und und zu anderen Künstlern.« Beispielsweise zu Käthe Kollwitz. Unter dem Hitler-Schreckensregime gilt er als entartet. Führt ein Nischendasein. Und im wahnwitzigen Bombenhagel geht sein Berliner Atelier zu Bruch. Jahre später fasst der Kriegsheimkehrer in Frankfurt Fuß. Seine Werke werden z.B. neben denen von Karl Hartung gezeigt. Reich an der Stolpe entwirft ein »Manifest« für eine Veranstaltungsreihe mit Themen aus Literatur, Malerei und Musik. Deutschland in Trümmern. Die ersten Sekunden der Stunde Null ticken. Auch für Reich an der Stolpe heißt es, der zerbombten und zersplitterten Realität ins Auge sehen – aber den Blick auf die Zukunft richten. Wie sieht die aus? Niemand weiß es. Klaus Schneider: »Imagination kommt ins Spiel.« Sigis Bilder nehmen abstrakte Züge an. Beispiele dafür werden im Wehbacher Schneider-Haus auf Drucken, Originalen und mit einer neuen Tasse Kaffee serviert. Die Wiedergeburt der Farbe. Das Ansprechen der Gefühle. Reichs Auseinandersetzung mit Paul Klee. Irgendein Kritiker schreibt damals etwas von Reichs »real-abstrakten Arabesken«. Als in Paris die Gruppe »COBRA« (das steht für Copenhagen, Brüssel, Antwerpen) von damaligen Avantgardisten gegründet wird, ist Reich an der Stolpe neben Karl Otto Götz einer der ersten Deutschen, die Einladungen erhalten. Reich wird für diese Gruppe mit prägend. Der Emotionalismus gewinnt an Ausdruck und Form. Etwas Unverkennbares lebt sich in seinen Werken aus. Surrealistisches mit gewaltige Farbkluften, aber auch sensible Anordnungen. Die Bilder stürmen auf den Betrachter ein. Sprechen Gefühlswelten an. Siegfried Reich an der Stolpe, der im Benelux-Raum auch eine Austellung gemeinsam mit Mirô bestritt, war und ist mit fast 90 Jahren immer einer der Leute, die sich aus dem Hauptstrom verdünnisieren möchten, um Eigenständigkeit zu bewahren. Der Siegener Maler Uwe Pieper, der ebenfalls in Altea Entspannung sucht, kennt »den Sigi – ein Individualist, einer der ganz großen Gegenwartskünstler«. Das dokumentiert sich auch darin: 1996 erhält Reich an der Stolpe den Lovis-Corinth-Preis. Der wird ihm verliehen von der Künstlergilde Esslingen und dem »Museum Ostdeutsche Galerie Galerie Regensburg«. Reich an der Stolpe sagt: »Ein Bild ist Handschrift. Die zeitliche Bindung liegt nicht in der Illustration der Umwelt, sondern im seismographischen Aufzeichnen der innersten Schwingungen des kosmischen Geschehens.« Solche Sätze muss man wirken lassen. Das Begreifen geht klar. Aber: Das Erspüren, das innere Nachvollziehen eines derartigen Zeugnisses muss nicht hier und jetzt bei der dritten Tasse Kaffee, so gegen 22.50 Uhr bei den Schneiders stattfinden. Später in der Nacht vielleicht? Morgen? Oder nie? Wie wichtig ist das überhaupt?

dige

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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