Millionäre blieben beim Heiraten lieber unter sich

Teil 2 dieser Folge berichtet von den Familien Kraemer, Siebel und Rauschenbusch/Fast jedes Haus besaß prachtvollen Garten

thor Kirchen. Schon in seinem jüngsten Vortrag in der Villa Kraemer hat Pfarrer i.R. Hans Fritzsche darauf hingewiesen, dass man früher unter den reichen Kirchener Familien vergeblich einen Katholiken suchte. Die Familien der Millionäre waren ausnahmslos evangelisch. Das mag seinen Grund darin haben, dass die Anhänger von Calvins Reformation im irdischen Reichtum eine Bestätigung ihres »Auserwähltseins« von Gott sehen.

So müssen auch die Mitglieder der Familie Kraemer glückliche Menschen gewesen sein: 1801 kam der Apotheker Konrad Heinrich Kraemer nach Kirchen, wo er im Oberdorf eine erste Apotheke einrichtete. Er stammte aus dem hessischen Rauschenberg und hatte den Weg nach Kirchen über Frankenberg und Freudenberg gefunden. Das an der Hauptstraße gelegene Haus, in dem die Apotheke untergebracht war, wurde 1994 abgebrochen. Auch als die Regale mit allerlei Heilmitteln längst verschwunden waren, wurde es im Volksmund stets die »alte Apotheke« genannt.

Sohn Heinrich Hermann Kraemer trat in die Fußstapfen seines Vaters und wurde ebenfalls Apotheker. Ihn zog es allerdings in die Lindenstraße. Verheiratet war er mit Auguste Stein, die ihm drei Söhne schenkte: Robert Heinrich Theodor (1842-1907), Justus (1845-1875) und Otto (1846-1908). Ohne Zweifel der prominenteste aus diesem Trio war Heinrich Kraemer, über den im Rahmen dieser Serie schon einiges zu lesen war. Er war nicht nur Bürgermeister von Kirchen, sondern auch Reichstagsabgeordneter. Seinetwegen hielten damals die Schnellzüge in Kirchen.

Zusammen mit seinem Bruder Justus gründete Heinrich Kraemer 1866 die Pulverfabrik in Euteneuen, nur zwei Jahre nach der Erfindung des Dynamits durch Alfred Nobel. Damit bewiesen die Beiden das richtige Näschen, denn Sprengstoff war im heimischen Bergbau stark nachgefragt. Heinrich und Justus Kraemer schufen sich darüber hinaus ein zweites Standbein mit der »Elektrizitäts- und Wasserwerks AG« in Kirchen und sorgten so für eine umfassende Stromversorgung in ihrer Heimat. 1877 gründete Heinrich Kraemer, der im Haus seines Vaters in der Lindenstraße lebte (heute Haus Pauschert), die Freiwillige Feuerwehr. Sein größtes Hobby war aber immer die Jagd, und die wurde ihm indirekt auch zum Verhängnis. Heinrich Kraemer starb am 26. Oktober 1907 nach einem Jagdausflug an den Folgen einer Lungenentzündung.

Kaffeegenuss im »Mokkasalon«

Bruder Justus war in der Villa an der Hauptstraße 25 zu Hause. Dieses Haus war nach dem Zweiten Weltkrieg als »Kommandantur« bekannt, weil dort die Franzosen Quartier bezogen hatten. Das Gebäude war Mitte der 1860er Jahre von Kreisgerichtsrat Karl Franz Sames errichtet worden. Später kam das Haus in das Eigentum der Familie Jung, dann an die Gemeinde, heute ist es in Privatbesitz. Verheiratet war Justus Kraemer mit Emma Jung. Von ihr ist überliefert, dass sie morgens ihren Kaffee im so genannten »Mokkasalon« trank. Den Rest des Tages verbrachte die Dame der Kirchener High Society – lesend und sich mit Gästen unterhaltend – im »Blauen Salon«. Direkt unterhalb des Hauses stand übrigens die »Gerichtslinde«, wo im März 1785 das letzte »hochnothpeinliche Halsgericht« abgehalten wurde.

Das bekannteste historische Gebäude in Kirchen hat allen Baggerschaufeln und Abrissbaggern getrotzt: die Villa Kraemer an der Lindenstraße, die vor Jahren aufwändig saniert wurde und heute Sitz der Gemeindeverwaltung ist. Es steht nicht ganz fest, ob Heinrich Kraemer anno 1875 das Haus für seinen Bruder Otto errichten ließ oder ob dieser selbst als »Bauherr« fungierte. Gerbereibesitzer Otto Kraemer, der im kriegerischen Preußen mit Soldatenstiefeln, den so genannten »Knobelbechern«, ein gutes Geschäft gemacht hatte, wird dort vermutlich viele Stunden lang seinem großen Hobby nachgegangen sein: Er war ein leidenschaftlicher Schachspieler.

Rauschenbusch baute eigene Reithalle

Mit der Lindenstraße ist auch der Name Rauschenbusch verbunden. Der Arzt Dr. Felix Rauschenbusch, ursprünglich aus Elberfeld stammend, lernte in Kirchen seine spätere Frau Clara Marie Stein, die Tochter von Kommerzienrat Theodor Stein, kennen und lieben. 1884 eröffnete er seine Arztpraxis in der Bahnhofstraße. Durch diese Heirat kam die um 1800 von den Steins erbaute Villa in der Lindenstraße in den Besitz der Familie Rauschenbusch. Das Haus besaß einen wunderbaren Wintergarten. Auch der eigentliche Garten muss eine wahre Augenweide gewesen sein. Dr. Felix Rauschenbusch war ebenso wie Heinrich Kraemer ein passionierter Jäger. 1904 ließ er etwas oberhalb der Villa eine private Reithalle bauen, aus der später die Turnhalle wurde. Als Dr. Rauschenbusch 1908 an einer Lungenentzündung starb, übernahmen seine Söhne Carl Theodor und Helmut das Anwesen.

Der dritte Sohn, Felix, hatte 1903 das Gebäude der ehemaligen Kraemer´schen Pulvermühle in Euteneuen erworben. Sein Bruder Carl Theodor Rauschenbusch entdeckte hier ein reiches Vorkommen an Mangan und ließ 1912 ein Fördergerüst aufstellen. So entstand die Grube »Freundschaft«. Schon 1916 verkaufte Rauschenbusch die Grube für 1,2 Millionen Mark an den Mannesmann-Konzern. Anschließend widmete er sich der Erschließung von Erzlagerstätten am Edersee. 1923 gründete er eine eigene Gewerkschaft mit Sitz in Kirchen. Carl Theodor Rauschenbusch starb am 4. März 1970, wenige Monate, bevor sein Anwesen in der Lindenstraße dem Straßanbau weichen musste.

Nicht fehlen darf in dieser Aufstellung die Familie Siebel: Wilhelm Siebel aus Freudenberg heiratete 1823 Alwine Jung, Schwester von Friedrich August Jung. Dieser wiederum ehelichte zehn Jahre später die Schwester von Wilhelm Siebel, Helene. Beide wohnten in dem 1840 errichteten großen Haus an der Bahnhofstraße (Ecke Brückenstraße), berühmt durch seinen Park. Aus dieser Verbindung gingen die Familien von Otto und Walter Siebel in Kirchen hervor. In dem Gebäude war später das Forsthaus untergebracht, bis es 1973 abgerissen wurde. Heute befindet sich an dieser Stelle das Personalwohnheim des Krankenhauses.

Walther Siebel (1839-1989), Sohn von Wilhelm Siebel, heiratete 1865 Emma Stein. Der Bergassessor und Königliche Kommerzienrat baute 1869 gegenüber seiner Verwandtschaft eine stattliche Villa, ebenfalls mit großem Garten plus Stallungen und Remisen. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Haus zerstört. Die Familien Siebel besaßen große Anteile an der Grube »Storch & Schöneberg« in Gosenbach, die zeitweise die größte in Europa war.

Es gab (und gibt) aber noch weitere Gebäude in Kirchen, die von einem großen Reichtum zeugten, so z.B. die Villa Schneider auf dem »Roten Hahn«. Der Königliche Bergassessor Fritz Schneider ließ um 1920 zusammen mit Max Schneider diese herrlich gelegene Villa mitten in einem Rubinienhain bauen. Fritz Schneider war mit einer Nichte von Arnold Jung verheiratet. Auch dieses Haus ist heute in Privatbesitz. Genauso wie die Villa Buschhof, am Baumschulweg gelegen, die 1916/17 von Helene Busch bezogen wurde. Sie war die Tochter von Dr. Heinrich und Mathilde Prigge geb. Jung. Mit Helene Busch wohnten dort eine Gesellschafterin und eine Gärtnerin. Von der Villa aus genoss man einen herrlichen Blick auf den gegenüber liegenden Brühlhof. Zu guter letzt sei noch die Villa Bender in Freusburger Mühle erwähnt, die Anfang des 20. Jahrhunderts von den Pächtern bzw. Besitzern der Mühle erbaut wurde und heute noch der Familie Bender gehört.

Wer aufmerksam gelesen hat, wird feststellen, dass stets die gleichen Namen auftauchen: Die Millionäre zogen es vor, beim Heiraten »unter sich« zu bleiben. Gleichwohl weist Henning Plate vom Heimatverein darauf hin, dass sie nicht abgeschottet und zurückgezogen lebten, sondern auch an öffentlichen Feiern und Festen teilnahmen. In Kirchen jedenfalls wurde den Millionären nicht Neid und Missgunst, sondern vielmehr Respekt entgegengebracht, weil viele wussten, was die Herren Stein, Kraemer, Jung und Co. für die Gemeinde geleistet hatten.

Fotos: Heimatverein Kirchen

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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